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Die Raserei des Schreibens
ОглавлениеDie Methode des Bildungserwerbs offenbart einen wichtigen Wesenszug Napoleons. Bei ihm ist nichts L’art pour l’art. Alles, was er in die Hand nimmt, muss einen Zweck erfüllen. Andere schmökern, Napoleon arbeitet sich durch die Welt der Bücher mit Bleistift und Papier. Ganze Reihen von Notizheften füllt er mit dem Destillat seiner Lektüre. Die Anmerkungen sind Arbeitsvorbereitung. Denn Napoleon liest nicht bloß mit dem Ziel, sein Bildungswissen zu kompilieren. Er will selbst schreiben. Bis zum Alter von 26 Jahren verfasst er nicht weniger als 60 Schriften, darunter Novellen, Pamphlete, Essays und sogar ein Liebesroman.44 Vieles bleibt fragmentarisch wie eine Geschichte Korsikas, fast nichts wird veröffentlicht. Trotzdem ist Napoleon ganz und gar ein Kind des „tintenklecksenden Säkulum“. Sich mit der Feder zu verwirklichen, gehört zu den Leidenschaften einer Generation, die an die weltverändernde Kraft des geschriebenen Wortes glaubt und davon besessen ist, im Schreiben sich selbst zu entdecken. In Le rencontre au Palais-Royal schildert Napoleon die folgenreiche Begegnung mit einer Prostituierten. „Ihre Schüchternheit ermutigte mich. Ich sprach mit ihr, ich, der ich das Entsetzliche ihrer Lebensbedingungen stärker empfinde als andere und mich immer befleckt fühlte beim Anblick einer solchen Person. Aber ihre Blässe, ihre zerbrechliche Gestalt und ihre sanfte Stimme ließen mich keinen Moment unschlüssig bleiben.“45 Das Palais-Royal ist die Pariser Residenz des Herzogs von Orléans, die Umgebung Rotlichtviertel. Man geht nicht zufällig dorthin, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der damals 18-Jährige im Rencontre versucht, den gerade erfolgten Verlust seiner Jungfernschaft schriftstellerisch zu bewältigen.
„Das Schwärzen von Papier“ sei bei ihm „wie eine Raserei“ gewesen, bemerkt der Historiker Bainville.46 Kaum hat Napoleon im kümmerlichen Zimmer des Hotel de Cherbourg sein erstes Sex-Erlebnis niedergeschrieben, greift er erneut zur Feder, dieses Mal, um Ruhmes- und Vaterlandsliebe gegeneinander abzugrenzen. Abgehobene Essays dieser Art sind damals beliebt. Der Autor kommt zu dem Schluss, Ruhmesliebe sei der Monarchie verwandt, die Liebe zum Vaterland gedeihe dagegen in Republiken wie Sparta oder Korsika am besten. Von der Fleischeslust zur Lust auf gloria und patria: Kein Stoff ist vor ihm sicher. Die Gegenstände seiner Schreibwut variieren nach Augenblickseingebung, gleichbleibend ist das Selbstbewusstsein des jungen Autors, der sich eben noch an Skizzen zu Platon und Friedrich II. herangetraut hat, um sodann übergangslos ein Melodram (Die Maske des Propheten) oder eine Fabel (Der Hase, der Hund und der Jäger) in Angriff zu nehmen. Häufig sind die Motive des Autors seiner aktuellen Lektüre entlehnt, unsicher sucht er seinen Stil. Eine zweiseitige Abhandlung Über den Selbstmord trieft von Weltschmerz, der allerdings literarisch in Mode ist. „Immer allein in der Menschenmenge, gehe ich nach Hause, um zu träumen und mich den Aufwallungen meiner Schwermut hinzugeben. In welche Richtung bewegen sich meine Gedanken heute? In die Richtung des Todes. (…) Wie weit haben wir uns von der Natur entfernt!“
1786 verfasst er eine Novelle über Korsika, in der der Ich-Erzähler die Rolle eines auf die Insel verschlagenen Engländers einnimmt. Dieser Engländer wird von einem alten Insulaner gerettet, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Es ist die Geschichte des Kampfes gegen die Franzosen, „die Feinde aller Freien“. Der Text ist da besonders lebendig, wo das Blut rinnt: „Ich setzte meinen Weg fort, um meine Mutter zu suchen. Ihren nackten, mit Wunden bedeckten Leib fand ich in der empörendsten Lage. Meine Frau, drei meiner Brüder, waren an eben dieser Stelle aufgehängt. Sieben meiner Söhne, von denen drei noch nicht fünf Jahre alt waren, hatten dasselbe Schicksal erlitten. Unsere Hütten waren niedergebrannt, das Blut unserer Schafe mischte sich mit dem meiner Angehörigen.“47 In der Novelle Der Graf von Essex geht es wieder um die Freiheit, diesmal um die englische. Der Graf ist der Feind des Herzogs von York und seines Bruders, des selbstherrlich regierenden Karl II. Der aufrechte Edelmann wird im Tower von seiner Frau tot aufgefunden: „Sie sieht den Grafen auf dem Boden ausgestreckt und in seinem Blute liegen. Drei breite Messerstiche haben ihn getötet. Die Hand liegt auf dem Herzen, die Augen gen Himmel gerichtet, schien er die ewige Rache anzurufen.“48
Einen „verpassten Schriftsteller“ nennt der britische Historiker Andrew Roberts Napoleon,49 und vielleicht könnte man heute in einer Anthologie unter N den Namen Napoleon finden, hätte das Schicksal den Schreibbesessenen nicht auf eine andere Bahn gestoßen. „Napoleon der Schriftsteller war ebenso groß wie Napoleon der Staatsmann oder der Feldherr“ (Anselme Petetin).50 – Das ist ein bisschen viel der Ehrerbietung, und doch ist Napoleons literarisches Talent unzweifelhaft. Man muss nur die Proklamationen des jungen Generals lesen. Ihr Stil ist kraftvoll und bilderreich, und es ist kein Wunder, dass sich die Zeitgenossen davon mitreißen lassen. Die Armeebulletins werden für Generationen französischer Schulkinder zur Pflichtlektüre. Alfred de Vigny, der Romantiker, erinnert sich: „In den Gymnasien lasen uns die Lehrer immer wieder aus den Bulletins der Großen Armee vor, und unsere Rufe ‚Es lebe der Kaiser!‘ unterbrachen die Lektüre von Tacitus und Platon.“51
Zur Abschiedsfeier an der École militaire am 28. Oktober 1785 erhält der erfolgreiche Absolvent ein Koppel, einen Degen und 157 Livres Übergangsgeld. Drei Tage später macht er sich zusammen mit seinem Kameraden Alexandre de Mazis auf den Weg in den Süden. Das Ziel heißt Valence, das dem Unterleutnant „de Bonnaparte“ als Dienstort zugewiesen ist. Von Paris nach Valence – ein Aufstieg sieht anders aus. Der 16-Jährige ist indessen guter Dinge. Einmal, als die Kutsche das Tempo drosseln muss, springt er aus dem Wagen, rennt in wilden Galoppsprüngen voraus und schreit übermütig: „Frei! Endlich bin ich frei!“52 Hinter ihm liegt die Enge des Internats, vor ihm der weite Horizont des Soldatenberufs, der Ruhm und Abenteuer verheißt. Der Teenager schwimmt im Glücksgefühl. Paris war nicht schlecht, aber Valence hat auch seinen Reiz. Es ist das Tor zum Midi, damit rückt Korsika näher. Nicht zu verachten ist zudem, dass das dort stationierte Artillerie-Regiment La Fère recht renommiert ist. Vorsorglich decken er und de Mazis sich bei einem Bouquinisten in Lyon mit einem Packen Bücher ein. Wahrscheinlich bleibt es nicht bei dieser Ausgabe, denn plötzlich ist vom Wegegeld kaum etwas übrig. Wäre da nicht ein mitreisender Offizier, der ihnen großzügig beispringt, sie müssten den Rest der Reise zu Fuß machen.