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Präzedenzfall Amerika
ОглавлениеWenngleich Frankreich die erste europäische Nation war, die Militärdienst und Zugehörigkeit zur Bürgerschaft miteinander verknüpfte, so gab es bereits Vorgänger dieser Praxis in anderen Weltregionen. In Amerika war seit dem 17. Jahrhundert zu beobachten, wie Grenzsiedlungen zum Selbstschutz ein Bürgermilizsystem etablierten, das die Kontrolle der Siedlungsversammlung über die Militäroperationen betonte; zum Teil stammt von daher die amerikanische Tradition des »Bürgersoldaten«, also des gemeinhin als Farmer oder Bewohner der Grenzregionen beschriebenen minuteman, der in Kriegszeiten, um für die Nation zu kämpfen, seine Farm verließ, um dann, sobald der Sieg errungen war, ins zivile Leben zurückzukehren. Doch was zur Verteidigung gegen Indianerstämme gut funktioniert hatte, erwies sich in äußeren Kriegen als deutlich weniger effektiv. Zunehmend zogen die Amerikaner eine Berufsarmee hinzu, um sich zu schützen, da sie sich bewusst wurden, dass ein wenig mehr als eine hastig versammelte und trainierte Halbtagsmiliz nötig war, um überleben zu können. Zur Zeit der Amerikanischen Revolution war eine Spannung zwischen republikanischer Ideologie und militärischen Effizienzerwägungen greifbar. Über die Rolle der Bürgermilizen im Unabhängigkeitskrieg kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. George Washington sah die amerikanische Republik als eine moderne Marktgesellschaft, in der es nicht mehr im Interesse der Gemeinschaft war, dass alle ihre Söhne einen Militärdienst ableisteten. Daher trat er für das Prinzip ein, die Prämien zu erhöhen, um mehr Männer für die Armee zu gewinnen.
General Charles Lee hingegen verteidigte die Milizen: In seinen Augen war die Tyrannei »das Schicksal derjenigen Völker, die nicht die Weisheit und Tugend besitzen, sich Gesetze zu geben und zu eigen zu machen, die jeden Bürger zur Erfüllung seines Militärdienstes verpflichten«.3 Washington und Lee waren zweifellos beide überzeugte Republikaner, und der Republikanismus war ein entscheidendes Element der amerikanischen Identität des 18. Jahrhunderts. In den Friedensjahren nach 1783 klammerten sich die Antiföderalisten an das Ideal des Bürgersoldaten, der als Alternative zur regulären Armee betrachtet wurde. »Eine freie Republik«, erklärten sie, »wird niemals ein stehendes Heer unterhalten, um ihre Gesetze zu vollstrecken. Sie muss sich auf die Unterstützung ihrer Bürger verlassen.«4 Diese Haltung fand Eingang in zwei der Gründungsdokumente der amerikanischen Republik: den zweiten Verfassungszusatz und den Militia Act von 1792. Die Bürger erhielten – durch die Verfassung garantiert – das Recht, sich in zivilen und bewaffneten Praktiken zu betätigen, die für die republikanische Staatsbürgerschaft konstitutiv sind. Laut Lawrence Cress haben seit der Kolonialzeit zwei britische Denktraditionen eine große Rolle in den amerikanischen Debatten über die Verfasstheit der Streitkräfte gespielt. Beide basierten auf der alten Sorge, dass eine Berufsarmee eine Bedrohung für die bürgerlichen Freiheiten darstellen könne (das ist übrigens auch ein gemeinsames Thema des amerikanischen und britischen Republikanismus). Die »radikalen whigs« waren gegen eine Berufsarmee, weil sie sie als »unweigerliche Gefahr für die bürgerlichen Freiheiten und Tugenden«5 ansahen; sie unterstützten ein Milizensystem, das die nationale Verteidigung in die Hände von Männern legte, die keine Karrieresoldaten waren, sondern zur Verteidigung ihrer Familie und ihres Besitzes kämpften. Eine solche Streitkraft würde nie das Risiko eines Umsturzes der politischen Ordnung oder eines Staatsstreichs mit sich bringen: Die Armee würde nie zu einer autonomen Streitmacht werden, die von »aristokratischen« Offizieren aus den Militärakademien von West Point oder Annapolis gegen das Volk eingesetzt werden könnte. Die »moderaten whigs« wiederum kamen zu der Einschätzung, dass die republikanischen Werte ordnungsgemäß geschützt werden konnten, indem man genügende Sicherheitsmaßnahmen installierte: In einer komplexen modernen Gesellschaft wie der ihren gab es aus ihrer Sicht keinen Zweifel, dass der Krieg wie alles andere auch in professioneller Hand sein und der Arbeitsteilung unterliegen müsse.
Zum Ende des Unabhängigkeitskrieges übernahm George Washington, wie wir gesehen haben, schließlich diese zweite Position, die binnen Kurzem das strategische Denken in den Vereinigten Staaten dominierte. Dennoch war sie bei Weitem nicht die einzige Stimme, wie das Fortleben der Milizen und der Dienst in der Nationalgarde beweisen. Das Festhalten der Vereinigten Staaten an den Milizen ist mehr durch politische als durch militärische Gründe motiviert, wenngleich dadurch in Kriegszeiten auch eine breitere Mobilisierung möglich wird. Man kann sagen, dass die Vereinigten Staaten durch Vorbereitung ihrer Bürgersoldat*innen auf den Kampf das notwendige Gleichgewicht finden, um ihre Position in der Welt aufrechtzuerhalten: zwischen einer ausreichend großen Berufsarmee zur Verteidigung der Nation gegen jeden Angriff von außen und der Gefahr, dass ein unkontrollierter Militarismus die Nation ergreift.