Читать книгу Nonnis Reise um die Welt - Jón Svensson - Страница 13
8. Kapitel Anfang der Weltreise
Im Eisenbahnzuge von Holland nach Paris
ОглавлениеDa ich sowohl in Paris als auch in London einige wichtige Geschäfte zu besorgen hatte, verließ ich bald Holland, wo ich mich inzwischen aufhielt, und reiste direkt nach Paris.
In dem Eisenbahnzug, der mich von Holland nach Frankreich brachte, erlebte ich ein kleines Abenteuer.
Es war das erste kleine Abenteuer auf meiner Weltreise, denn eben jetzt fing ja meine Weltreise an.
In meinem Abteil saß mir gegenüber ein sehr liebenswürdiger Herr, mit dem ich bald ins Gespräch kam.
Da er gerade nach Paris fuhr, fragte ich ihn, ob er vielleicht selber ein Pariser sei.
„Nein, mein Herr“, sagte er, „ich bin zwar ein Franzose, aber kein Pariser. Ich bin jetzt auf Reisen in den europäischen Ländern, wohne aber sehr weit von hier.“
Ich wurde neugierig, wollte ihn aber nicht gern ausfragen. Er schien aber meine Gedanken erraten zu haben, denn nach einer kurzen Pause sagte er lächelnd: „Sie möchten vielleicht gern wissen, wo ich wohne.“
„Gewiß. Das würde mich interessieren“, erwiderte ich.
„Raten Sie mal. — Ich wette aber“, sagte lächelnd der Franzose, „daß es Ihnen nicht leicht sein wird, meinen Wohnort zu finden.“
Meine Neugierde nahm zu. Ich fing also mit dem Raten an:
„Sie wohnen weit von hier, sagen Sie, wahrscheinlich in der Schweiz oder in Österreich?“
„O nein! Etwas weiter als das.“
„Dann vielleicht in Italien?“
„O nein, noch weiter.“
„Noch weiter …! Dann am Ende in Rußland?“
„Rußland! Das ist noch viel zu nah.“
„Noch viel weiter als Rußland …! Dann sagen wir mal in Amerika.“
„Ach nein … Amerika ist auch zu nah … Weiter, weiter … noch viel weiter.…“
„Weiter als Amerika …! Dann wohnen Sie am Ende in Indien.“
„Nein, nein, nein … Sie sind noch immer nicht weit genug. Aber Sie sind wenigstens auf dem richtigen Weg.“
„Dann bleibt schließlich nur noch China übrig.“
„China! Ach nein. Es bleibt noch ein herrliches Land übrig, eines der wundervollsten Länder der Welt.… Also, noch etwas weiter als China.“
Ich machte große Augen, denn jetzt wurde mir alles klar: es konnte nur mein Lieblingsland sein, das herrliche Land des japanischen Volkes —!
„Jetzt weiß ich es“, sagte ich dem freundlich heiteren Franzosen, „es ist Japan, Sie wohnen in Japan.“
„Ja, so ist es. Ich wohne in Japan. Ich bin französischer Beamter in Tokio.“
Man denke sich meine Überraschung. — Ich war ja gerade auf dem Wege nach Japan … und der erste Unbekannte, mit dem ich mich zufällig ins Gespräch einließ, war ein Bewohner dieses fernen Landes!
Der französische Herr merkte wohl, daß ich sehr überrascht und erstaunt war. Er konnte sich aber mein Staunen nicht recht erklären, denn er schaute mich fragend an und sagte schließlich nach einer kurzen Pause:
„Sie scheinen Interesse für Japan zu haben.“
„Ja, da haben Sie recht, mein Herr. Ich interessiere mich ganz besonders für dieses Land und für dieses Volk.“
„Aber aus welchem Grund tun Sie das?“
Ich schaute ihn lächelnd an und sagte: „Den Grund möchte ich Ihnen zum Raten geben, denn jetzt ist die Reihe an Ihnen.“
„Gut“, sagte lachend der Herr, „ich will es gern versuchen.“
Er dachte einige Augenblicke nach. Dann schaute er mich an und sagte: „Vielleicht machen Sie besondere Studien dort?“
„O nein, das gerade nicht, aber um es noch einmal zu sagen, ich kann nicht leugnen, daß ich für Japan ein starkes Interesse habe.“
Der geistreiche Franzose dachte wieder einige Augenblicke nach, dann auf einmal fuhr er auf und rief mir lebhaft zu: „Jetzt habe ich es, Sie haben mir auf die rechte Spur geholfen: Sie wollen sicher eine Reise nach Japan machen.“
„Ja, so ist es. Sie sind ein Meister im Raten, denn Sie haben es sofort getroffen.“
„Und wann fangen Sie die Reise an?“
„Ich habe sie schon angefangen … soeben, heute morgen. Dieser Tag ist mein erster Reisetag.“
„Und Sie fahren über Rußland?“
„Nein, mein Herr, ich fahre über die großen Weltmeere, denn ich liebe die Seereisen. Ich fahre jetzt über Paris nach London und dann von England aus über das Atlantische Meer nach Amerika. Dann über Amerika und das Stille Meer bis nach Japan. Und wenn ich in Japan sein werde, fahre ich sofort nach Tokio und werde dort längere Zeit wohnen.“
„Das freut mich aber sehr. Wo werden Sie aber in Tokio wohnen?“
„In der ‚Catholic University Jochi Daigaku‘.“
„In der University Jochi Daigaku! Aber die kenne ich sehr gut“, sagte mein freundlicher Mitreisender! „Die volle Adresse dieser Universität ist: Kojimachi Kioicho. Ich wohne nämlich selber in Tokio, nicht weit von der Universität Jochi Daigaku. Ich gehöre dort zu einer französischen Mission.“
Dann gab er mir seine volle Adresse und bat mich dringend, ihn zu besuchen, wenn ich in Tokio sein würde.
Wir sprachen noch lange über unsere Pläne in Japan und trennten uns schließlich, als der Zug in einem der großen Pariser Bahnhöfe hielt. In Paris blieb ich eine Woche, um dort einige bestellte Vorträge zu halten.
Meine eigenartige Begegnung mit dem französischen Herrn sah ich als ein gutes „Omen“ an.
Ich empfand es jedenfalls immer mehr und mehr merkwürdig, daß der erste Mensch, mit dem ich am Anfang meiner Reise in Berührung kam, ein Bewohner jenes Landes und jener Stadt war, wo auch ich meine Wohnung aufschlagen sollte!
Natürlich war ich fest entschlossen, mein Versprechen zu halten und meinen neuen französischen Bekannten in Tokio zu besuchen.
Das habe ich auch öfters getan, als ich später in Tokio wohnte, und immer wurde ich von ihm auf das freundlichste empfangen.
So konnte ich mir nur dazu Glück wünschen, daß ich diesen heiteren und liebenswürdigen Herrn am ersten Tag meiner Reise im Pariser Zug getroffen habe.