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1965 bis 1966

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Es gab keine Langeweile. Entweder ging ich zur Schule, übte am Klavier oder half meiner Mutter bei der Haus- und Gartenarbeit. In der restlichen Zeit schrieb ich Briefe oder versuchte mich zeitweise in der Arbeitsgemeinschaft Zeichnen. Dort fertigten wir ein großes Selbstbildnis mit farbiger Kreide auf Velourpapier an. Das Ergebnis hatte mir selbst sehr gefallen.

Durch Zufall bemerkte ich auch, dass ich mit dem Luftgewehr gut treffen konnte. Mein Vater berichtete mir daraufhin, dass er während des Krieges mehrmals Sonderurlaub bekommen hatte, eben wegen dieser Fähigkeit. Näheres wollte er mir dazu aber nicht verraten.

Einige Monate hatte ich außerdem die Möglichkeit, in der städtischen Turnhalle von einem künftigen Leistungssportler in einer Gruppe trainiert zu werden. Das hatte mich gegenüber meinen bisherigen Turnergebnissen gut vorangebracht.

Eine richtige Begabung zeigte sich bei mehreren Rezitatorenwettbewerben. Ich lernte artig Liedtexte und Gedichte auswendig. Zu Hause übte ich dann vor dem Spiegel die Betonung und Körperhaltung. Das hatte sich bewährt. Für meinen Vortrag der Schillerballade erhielt ich bei einem Wettbewerb eine ausgezeichnete Bewertung. In die zwanzig Strophen der dramatischen Ballade „Die Bürgschaft“ hatte ich mich richtig hineingesteigert. Ich war zwar aufgeregt wie immer, aber mir gefiel es sehr, auf der Bühne zu sprechen. Auch der Inhalt dieser Ballade, in der Schiller die besonders ergreifende Stärke von Freundschaft und Treue darstellt, bewegte mich sehr. Leider fand gerade in jenem Jahr kein weiterführender Rezitatorenausscheid im Bezirk statt!

Ebenso erhielt ich jährlich den Auftrag zu den Vorspielen am Klavier. Etüden und Sonaten wurden zu Hause intensiv eingeübt. Auch hier gab es jeweils eine Urkunde für die Darbietung in der Kreisstadt oder auch in Gera.

Zur Vorbereitung der Jugendweihe nahmen wir an verschiedenen Veranstaltungen teil. Am eindrucksvollsten war die Ausfahrt nach Jena und Weimar. In Jena besuchten wir den Botanischen Garten. Interessanter erschien mir Weimar. Wir sollten uns selbstständig etwas zu Mittag besorgen. Da ging ich mit drei weiteren Mädchen ins erste Haus am Platz, das Hotel Elephant. Wir fielen bestimmt durch unser Geschwätz und das kindliche Lachen auf. Erst als wir die Speisekarte überblickten, bemerkten wir die Preisklasse, blieben jedoch aus Stolz sitzen und speisten fürstlich, wenn auch nur das preiswerteste Gericht. Schließlich hatten wir unser hart erspartes Taschengeld mitgenommen. Als wir dann zum Ettersberg bei Weimar fuhren, verging uns natürlich das Lachen. Der Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald war ein starker Kontrast zum bisherigen Verlauf des Tages. Mir wurde bewusst, dass solch ein Massenmord nie wieder geschehen darf.

Kurze Zeit später fand dann die Jugendweihe statt. Die Kindheit war vorbei. Die Vorbereitung auf die Feier war mit Aufregungen verbunden. Ich musste mir beim Friseur eine Dauerwelle machen lassen. Das war da gerade in Mode, um anständig auszusehen. Meine Mama hatte mir ein wunderschönes zweiteiliges Kleid mit weißer Spitze gekauft. Dazu noch die Absatzschuhe! Alle Mädchen hatten Angst, beim Gang auf die Bühne in der Veranstaltungshalle und auch beim Abgang zu stolpern. Aber alles verlief bestens. Eine Freundin sagte mir, ich sei die Schönste gewesen. Das hatte ich vorher noch nie gehört.

Zu Hause bekam ich viele Geschenke von Tanten und meiner Schwägerin. An dem Tag trank ich das erste Mal Schnaps – einen Kümmellikör. Zum Schütteln!

Die Besonderheit in meinem Thüringen war, dass ich nicht nur das Gelöbnis der Jugendweihe nachgesprochen habe, sondern dass es fast zum guten Ton gehörte, im gleichen Frühjahr die Konfirmation zu bekommen. Nur wenige Eltern erlaubten das ihren Kindern nicht.

In den Jahren zuvor ging man regelmäßig zur Christenlehre. Das war hauptsächlich wegen der Familientradition, aber mir gab es vor allem zahlreiche Erkenntnisse über die Geschichte meiner Heimatstadt, über Moral und über den tieferen Sinn von Texten aus der Bibel. Eine Woche zuvor mussten wir sogar eine Prüfung in der Kirche ablegen. Die Eltern waren als Zuschauer anwesend. Es galt, die als Los gezogene Frage – eine von vierzig vorher bekanntgegebenen – richtig vor allen Leuten zu beantworten. Ich hatte über den grundsätzlichen Unterschied von Wissenschaft und Religion zu sprechen. Schließlich kamen wir alle durch. Geschenke gab es da übrigens keine mehr. Meine Mutter nähte mir aber ein schönes Kleid aus dunklem Brokat mit einem großen weißen Kragen.

Unser Pfarrer Krause war zu meiner Zeit als junger Mann aus Berlin nach Auma gekommen. Er hatte eine kräftige Stimme und erklärte uns religiöse Fragen altersgerecht. Als Hobby musizierte er auf alten Instrumenten. So trat er häufig auch in Leipzig und anderen Orten mit anderen Musikern auf, wo ich ihm später mehrfach begegnete.

In jener Zeit wurde meine Heimatstadt Auma hinter Berlin und Leipzig zu einem deutschlandweit bekannten Veranstaltungsort für „Beatmusik“. Mir war das damals überhaupt nicht bewusst. Ich dachte, das wäre überall so. Da ich aber noch keine sechzehn Jahre alt war, konnte man nur heimlich aufs Tanzparkett. Am bewegendsten war die Ekstase im Saal bei „We Will Rock You“ von Queen. Das hallte wahrscheinlich über die ganze Stadt. Später erkannte ich, dass die Gruppe Renft auch bei uns gespielt hatte. Als es den Stadtvätern „zu bunt“ wurde, verbot man diese Tanzabende. Da war ich dann eigentlich im „richtigen“ Alter. Tja, aber das war dann nicht mehr zu ändern. Zu Hause konnten wir Radio Luxemburg mit seinen Sendungen für Jugendliche nicht empfangen. Es war viel zu verrauscht.

Bei Kinobesuchen hatte ich ebenfalls meine Beziehungen, Filme ab vierzehn Jahren anzusehen, obwohl ich erst zwölf oder dreizehn war. Ich war eben als anständiges Mädchen im Ort bekannt.

Vom Werkunterricht in der 7. Klasse im Kraftwerk hatte ich schon berichtet. Große Turbinen wurden durch den heißen Wasserdampf angetrieben. Der daraus abgeleitete Dampf kühlte sich in einem nahe gelegenen, von Wald umgebenen großen Teich ab, das Sophienbad. Im Sommer war dort vor vielen Jahren Kahnfahren angesagt gewesen und im Winter konnte man die Wildenten beim Schwimmen beobachten.

Einen anderen Betrieb hatten wir als Schüler schon während der 8. Klasse kennengelernt. An einem Tag in der Woche hatten wir damals im Porzellanwerk Auma UTP (Unterrichtstag in der Produktion). Am Anfang wurde uns der Betrieb kurz gezeigt. Danach ging es jede Woche in einen Werkraum. Dort hatte jeder einen Arbeitsplatz mit einem Schraubstock. Wir lernten im achten Schuljahr die Bearbeitung von Metall: Dazu gehörte die Ordnung am Arbeitsplatz, das Tragen der Schutzbekleidung an der Bohrmaschine, das Feilen von Metall und polieren, Gewinde schneiden. Als Abschluss mussten wir einen gebogenen Metallbügel mit Gewinde in einem mittig gebohrten Loch herstellen, der wirklich für ein Produkt der Firma Verwendung fand.

Nach der 8. Klasse begann ein gefühlt langer Sommer 1966 in Auma. Im Juli ging ich mit meiner Schulfreundin Renate zur Ferienarbeit in den Betrieb ihres Vaters, in dem Schreibtischlampen hergestellt wurden. Wir sortierten Verkaufskataloge, mussten darin einige Angaben ändern und sie zum Versand vorbereiten. Für den Schülerlohn kaufte ich mir anschließend eine Silastikhose in Schwarz, mit einem Steg unterm Fuß. Das war damals der neueste Schrei.

An verregneten Tagen stickte ich die beiden Kelimkissen zu Ende. Mir gefiel die Farbkombination rostbraun, beige und olivgrün. Hier konnte ich anwenden, was ich bei meiner Mutter und im Handarbeitsunterricht in der Schule gelernt hatte. Mama brachte mir bei, dass es beim Kreuzstich wichtig ist, das Muster der Kreuze bzw. den Fadenlauf immer in die gleiche Richtung zu sticken. In der Schule hatten wir Knöpfe angenäht und ein interessantes Nadelkissen hergestellt. Ich besitze es heute noch. Mit verschiedenen Garnfarben mussten wir jeweils eine Reihe mit einem bestimmten Stich, z. B. Kreuz-, Kettel- oder Hexenstich auf Kelimstoff sticken.

Zum Sommerfest im Schrebergartenverein durfte ich endlich etwas länger bleiben und tanzen. Ein Junge, der ein Jahr älter war, erzählte mir auf dem Nachhauseweg mit zahlreichen Anekdoten und Witzen alles, was ich künftig für den Besuch des Gymnasiums, das in der DDR Erweiterte Oberschule (EOS) hieß, wissen musste.

Eine außergewöhnliche Freundschaft

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