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Der 9. November 1989

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In den letzten Jahren wurde in den Medien häufig darüber reflektiert, wie die Menschen jenen Donnerstagabend verbracht haben. Deshalb möchte ich in diesem Buch mit meinen Darstellungen darauf eingehen. Wie habe ich das weltverändernde Ereignis des 9. November erlebt?

Wir wohnten bereits fünf Jahre im damaligen Neubaugebiet in Berlin-Hohenschönhausen. Die Wohnverhältnisse galten als komfortabel, man musste die Öfen nicht mehr mit Kohle heizen. Die Wohnungen waren alle mit Zentralheizungen ausgestattet, Schule und Kindergarten gab es in der Nähe. Wir fühlten uns als Familie ganz wohl.

An diesem Donnerstagabend des 9. November lag ich in der Badewanne. Das Reisegepäck war schon gepackt. Wir wollten am Freitag übers Wochenende ins Erzgebirge zu einer befreundeten Familie fahren. Mein Mann hatte das Auto wie immer gründlich überprüft und den Anhänger bereitgestellt, den wir dorthin überführen wollten. Neben dem bekannten damaligen Engpass an Autos war es ebenfalls nicht leicht, einen Autoanhänger zu erwerben. Da wir keinen Garten mehr hatten, brauchten wir ihn nicht mehr. Der Termin der Übergabe war schon lange abgestimmt gewesen.

Ich hatte sogar für den 11. November, einen Sonnabend, einen Haushaltstag eingereicht. Just an diesem Sonnabend hatten auch noch zwei weitere Kolleginnen einen freien Tag geplant. Aber es ging gut aus. Alle drei bekamen ihn genehmigt. Zur Erklärung für Nicht-DDR-Bürger: Jeder verheirateten Frau in der DDR stand pro Monat ein freier Tag zu für persönliche Vorhaben (Arzttermine, Friseurbesuche, Hausarbeiten … Erholung). Man musste den Antrag nicht begründen, aber zeitig genug einreichen, etwa zwei Wochen vor Monatsbeginn. So musste jede Familie genau planen. Hinzu kam noch, dass trotz der 5-Tage-Arbeitswoche, die es auch im Osten gab, der Unterricht an den Schulen weiterhin auch am Samstag stattfand. Ich war Lehrerin und hatte also normalerweise samstags zu unterrichten. Aber gerade deshalb war ein Haushaltstag am Sonnabend sehr begehrt.

Als ich nun am Donnerstag, dem 9.11.89, in der Badewanne lag, kam mein Mann ins Bad gestürmt und verkündete kurz nach den 19 Uhr-Nachrichten im ZDF: „Jetzt können alle in den Westen reisen. Die Mauer wird geöffnet!“. Ich war überrascht. Manfred goss uns vor Freude gleich einen Cognac ein. Ich trank in meinem Leben sehr selten in der Wanne. Bis ich dann wieder aus dem Wasser war, kamen die nächsten Meldungen in den Nachrichten, die das bis dahin kaum für möglich gehaltene Ereignis bestätigten. Wir waren überglücklich.

Da wir uns auf die lange Autofahrt ins Erzgebirge eingestellt hatten, gingen wir nicht zur Grenze, sondern lieber zeitiger ins Bett.

Am Vormittag des 10. Novembers 1989 begab ich mich wie jeden Morgen zum Unterrichten in die nahe gelegene Schule. Aber es wurde kein normaler Unterrichtstag. Die Kollegen waren zwar alle anwesend, aber auf den Schulbänken gab es mehr Platz als sonst. Zahlreiche Schüler fehlten. So ergab sich auch die Möglichkeit, mit den anwesenden über die Ereignisse der Nacht zu sprechen. Einer berichtete, dass sein Vater, der als Offizier in Leipzig vor Tagen eingesetzt war, erleichtert war, dass es keinen Schießbefehl in dieser Zeit gegeben hatte. Es herrschte auf einmal eine überaus angenehme, vertrauensvolle Atmosphäre. Ich war beeindruckt von der Offenheit in diesen Gesprächen. Bis dahin war das undenkbar gewesen.

Als mein Mann am Nachmittag von der Arbeit nach Hause kam, packten wir dann noch etwas Wegzehrung ein und fuhren wie in den Jahren zuvor von Berlin aus über das Adlergestell gen Süden auf die Autobahn in Richtung Dresden. Wie so oft war der Freitagnachmittagsverkehr recht dicht. Aber wir kamen gut voran.

Das einzige Problem war die Geschwindigkeit. Auf DDR-Autobahnen durfte man nur 100 Kilometer pro Stunde fahren. Es war schon eine ständige Herausforderung, dieses Limit nicht zu überschreiten. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass man mit einem Autoanhänger nur „80“ fahren durfte! – Es zog sich hin.

Nach einer Weile bemerkten wir, dass auf unserer Fahrbahn in Richtung Süden kaum ein Auto fuhr. Wir waren fast die Einzigen auf unserer Seite – und beschleunigten, weil wir ja niemanden gefährdeten. Dies war aber eine Fehleinschätzung: Ein Volkspolizist hielt uns an, belehrte uns und so mussten wir auch noch unser letztes Ordnungsgeld in der DDR bezahlen. Es war unglaublich!

Wir fuhren gegen den Strom, alle gen Norden, nur wir nicht! Mittlerweile war es dunkel geworden. Es kam uns eine endlose Kolonne von Autos entgegen. Sie wollten alle nach Berlin, um sich das Begrüßungsgeld in Westberlin abzuholen. Es sah aus wie eine Lichterkette zur Adventszeit. Trotz des Zwischenfalls bekamen wir keine schlechte Laune. Als wir dann am späten Abend im Erzgebirge ankamen, begrüßten uns unsere Freunde herzlich: „Wir hatten schon gedacht, dass ihr wegen der Grenzöffnung gar nicht zu uns kommt!“ Aber wir beteuerten daraufhin, dass wir unsere Versprechen auch in solch einer Lage einhalten.

Nach der aufregenden Fahrt am Vortag vereinbarten wir am Sonnabend nach dem Frühstück bei Gisela und Lothar, das Begrüßungsgeld gemeinsam in Hof in Bayern abzuholen. Dazu fuhren wir gemeinsam mit dem Auto von unserem Bekannten entlang der Fernverkehrsstraße Richtung Plauen-Hof. Es dauerte nur wenige Kilometer, als sich das Fahren in ein Schleichen umwandelte. Unsere Idee hatten eben viele andere Familien auch. Es ging kaum vorwärts. So fuhren wir letztlich in Olbernhau auf den Marktplatz und parkten kurz. Ein kalter, sonniger Tag. Dann ging es zurück zu unseren Gastgebern, mit denen es viel zu erzählen gab.

Der Autoanhänger war übergeben, wir traten am Sonntagvormittag die Heimreise zurück nach Berlin an.

Am Nachmittag des 12. Novembers 1989 fuhren wir zurück nach Berlin und begaben uns im Prenzlauer Berg an die Oderberger Straße. Dort stellten wir unser Auto, den neuen Wartburg, ab. Ich lief mit meinem Mann in Richtung Eberswalder Straße. Der Grenzposten befand sich in einem einfachen Lastkraftwagen und ließ sich die Ausweise von uns zeigen. Mein Mann und ich passierten gemeinsam die provisorisch geöffnete Grenzanlage Richtung Bernauer Straße. Noch heute habe ich diesen ersten Eindruck von Westberlin und dem Grenzstreifen vor Augen. Es schauderte mich. Hinter dem Aussichtsturm befand sich ein breites Feld, das durch zwei Mauern abgegrenzt war, die diese weithin gut für die Grenzsoldaten einzusehende Grenzanlage einschlossen – eine in Richtung Jahnsportpark und eine in Richtung Wedding. Ich brauchte dafür erst einmal etwas Besinnung. Da es recht sonnig war, schlenderten wir auf einer Nebenstraße weiter in Richtung Badstraße. Die Häuser sahen nicht unbedingt schöner aus als die im Osten.

Die Bürgersteige jedoch sahen verheerend aus: Müllhaufen über Müllhaufen. So hatten wir uns „den Westen“ nicht vorgestellt! In jener Straße gab es gerade wenig Verkehr. Auf dem Gehweg kam uns ein Pärchen mit einem sehr großen, schwarzen Hund entgegen. Der sah mächtiger aus als ein schwarzer Panther. Zur „Begrüßung“ sprang mich dieser Hund an. Seine Vorderpfoten standen eine lange Weile auf meiner Brust beziehungsweise der neuen Lederjacke. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Herrchen das nicht angebundene Tier zurückrief. Keine Entschuldigung! Ich war bedient von diesem Westberlin. Wir kehrten um.

Eine außergewöhnliche Freundschaft

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