Читать книгу Kuss der Wölfin Sammelband 2 | Teil 4 & 5 | Krieger der Dunkelheit & Im Schatten des Mondes - Katja Piel - Страница 20
ОглавлениеKapitel 12
Wach auf…
Worte, samtig brummend, drangen an ihr Ohr, durch die Dunkelheit, die sie umhüllte. Sie zwangen sie, aufzuwachen, zuzuhören, doch sie fühlte sich so warm, wohlig, ausgeruht…
Wach auf…
Blinzelnd öffnete sie die Augen. Ein Gefühl von innerer Stärke durchströmte sie. Ausgeglichenheit, Leichtigkeit … Freiheit … Frieden. Langsam nahm das Gesicht vor ihr Konturen an. Ernste, warme braue Augen sahen sie an, und der Blick verursachte ein Kribbeln in ihrem Körper. Das schwarze, seidige Haar fiel nach vorne und berührte fast ihre Nase. Der Mund, voll und sinnlich, schwebte über ihr. Sie war drauf und dran, ihn zu kosten. Plötzlich zuckte sie zurück. Das war nicht richtig. Das alles hier war nicht richtig. Etwas stimmte nicht mit ihr. Nur was? Die Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, die glatte Haut in diesem wunderschönen Gesicht wollte gestreichelt werden. Nur mit Mühe konnte Tessa die Hände bei sich halten. »Hallo«, murmelte er, »schön, dass du wieder da bist.« Tessa runzelte die Stirn, blickte sich um und erkannte, wo sie sich befand. Es war noch dunkel draußen, demnach konnte sie nicht so lange weggetreten gewesen sein. Die Erkenntnis, was passiert war, traf sie wie ein Hammer. Sie betastete ihre Schulter, die sich ein wenig kribbelig anfühlte. An ihrer Bluse war getrocknetes Blut. Das Kleidungsstück hing an ihr herunter wie ein formloser Sack. Hektisch berührte sie sich selbst mit den Händen, rutschte hin und her. »Oh mein Gott! Oh mein Gott! Was… wieso… oh Gott«, rief sie panisch aus, fuhr sich durch ihre Haare, die sich seidig anfühlten. Mit einem Satz sprang sie von der Couch. »Bleib ruhig, Tessa, ganz ruhig«, redete Sindbad beruhigend auf sie ein, doch ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Rippen, dass sie glaubte, es müsse sie durchbrechen. Ihre Kleider hingen faltig an ihr, ihr Körper fühlte sich anders an, fester, schlanker. »Was habt ihr getan? Was zum Teufel hat Mandy getan?« Sie fühlte sich einer Ohnmacht gleich, rannte ziellos durch das Penthouse, bis sie eine Tür entdeckte, die zu einem Bad führte. Langsam ging sie auf den Spiegel zu und stieß einen erstickten Laut aus. Fassungslos strich sie sich über ihre frischen, rosa Wangen. Ein anderes Gesicht, eine fremde Frau starrte ihr entgegen. Das kastanienbraune Haar fiel wellig und glänzend über ihre Schultern, ihre braunen Augen funkelten sie groß an. Selbst die Wimpern waren dicht und leicht gebogen. Sie sah aus wie eine bezaubernde Elfe. »Oh mein Gott«, wisperte sie, griff sich an die Lippen, blinzelte in den Spiegel. Sindbads Gesicht erschien hinter ihrem. »Ein Schmetterling. Wunderschön«, hauchte er, berührte ihre Schulter. Sie zuckte zurück. »Fass mich nicht an, du Monster.« Sindbad hob die Hände. »Schon gut. Soll ich dich alleine lassen?«
»Ich weiß es nicht. Was hat Mandy mit mir gemacht?«
»Sie hat dir etwas geschenkt«, antwortete Sindbad, stand nun an der Tür gelehnt, die Arme verschränkt. Verboten sexy. »Niemand hat etwas zu verschenken. Was ist der Preis?«, fragte sie sofort zurück. »Nichts. Ich nehme an, sie wollte, dass du dich besser fühlst.« Er reckte das Kinn vor, doch Tessa traute ihm nicht über den Weg. »Etwas geschenkt…«, wisperte sie, drehte sich wieder zum Spiegel, erkannte sich nicht wieder. Angst packte sie erneut. Sie wollte das Geschenk nicht. Sie wollte Tessa zurück. Sie wollte nicht das Leben einer anderen leben, wollte diesen ganzen Gruselkram nicht, wollte nicht so merkwürdig werden wie Mandy. »Ich fühle mich nicht besser. Und Mandy weiß das.« Traurig ließ sie den Kopf sinken, ging an Sindbad vorbei zum Fenster und blickte auf das nächtliche London hinab. Am Horizont war ein heller Streifen zu sehen. Es würde bald hell sein. Seufzend drehte sie sich zu ihm um. »Kann ich gehen?«, fragte sie mit erstickter Stimme. Sindbad schüttelte den Kopf. »Nein. Ich soll auf dich aufpassen, hat Mandy gesagt.«
»Warum tust du das?«
»Warum tu ich was?«
»Auf sie hören.« Tessa blieb stehen, sah ihn an. Er war so verflucht sexy. Alles an ihm ging ihr unter die Haut. »Weil sie das Rudel führt.« Tessa lachte ein freudloses Lachen. »Mandy? Nicht dein Ernst?« Sindbad nickte. »Doch. Ist es.« Sie spürte, dass er mehr sagen wollte, doch es kam keine weitere Erklärung. »Also seid ihr tatsächlich … Werwölfe?« Sie schluckte, kam sich dämlich vor, eine solche Frage zu stellen. Sie selbst war der lebende Beweis, aber über Werwölfe hatte sie immer nur in Büchern gelesen. Es gab keine Werwölfe. Sie waren eine Erfindung.
Oder?
Sie wandte sich wieder zum Spiegel, studierte ihr neues Äußeres. Sie hatte keine Erklärung.
»Das sind wir«, sagte Sindbad, und sie sah im Spiegel, wie er sie anlächelte. »So wie du. Jedenfalls ungefähr wie du.«
»Was soll das heißen, ungefähr?«
Fast unmerklich schüttelte er den Kopf und blickte dankbar zum Fahrstuhl, der sich in diesem Moment öffnete. Mandy kam reinstolziert. Ihre Kleidung war zerrissen, Blut klebte überall auf ihr und in ihrem Gesicht. »Ah, sie ist wach. Sehr schön«, gurrte Mandy und kam auf sie zu. Tessa ging einen Schritt zurück. »Bleib mir fern, Mandy.« Doch sie lachte nur. »Ach komm, Tess. Bald hast du dich daran gewöhnt und wirst dich lieben. Endlich lieben können«, betonte sie, blieb aber stehen. »Ich habe mich geliebt, vielen Dank, Mandy«, erwiderte sie kalt und blickte sie abschätzend an. Mandy zuckte mit den Schultern. »Ich brauch jetzt eine Dusche. Und du solltest dir mal was anderes anziehen. Siehst aus wie eine Vogelscheuche mit dem Laken am Körper.« Sie schob sich an Sindbad vorbei ins Bad, riss ihre Hose und Korsage entzwei und schmiss beides auf den gekachelten Boden. Nackt stieg sie in die Duschkabine und stellte das Wasser an. Tessa wandte sich ab und ging rüber ins Wohnzimmer, auf den Fahrstuhl zu. »Wo wollen wir denn hin?«, säuselte Sindbad ihr ins Ohr. Ohne, dass sie ihn gesehen oder gehört hatte, war er hinter sie gehuscht, seine Arme hielten sie fest umklammert und wieder spürte sie ihre eigene Hitze durch sich strömen. »Seid ihr alle so schnell? Ist ja unglaublich«, flüsterte sie zittrig. Tessa hatte Angst, er könnte ihre Erregung spüren. Seine Finger schienen durch ihre Haut zu greifen, so nah war er ihr. »Du auch, wenn du zu uns gehören willst«, hauchte er in ihr Ohr, so dass ein Schauder ihren Körper überzog. Tessa versuchte sich von ihm zu lösen, doch obwohl er sie nicht fest gepackt hatte, gelang es ihr nicht. Seine Anziehung war zu groß. »Ich gehöre doch schon zu euch«, antwortete sie heiser, drehte sich nicht um, sah ihn nicht, fühlte ihn nur. Seine Erektion war deutlich an ihrem Rücken zu spüren und erneut flammte Hitze in ihr auf. »Noch nicht ...« Seine warmen Lippen fuhren ihren Nacken entlang, »du musst dich zu uns bekennen …«, berührten ihre Schultern, »den Pakt besiegeln«, ihr Ohrläppchen. »Den Pakt besiegeln«, murmelte sie außer Atem. Das konnte doch nicht wahr sein. Da stand sie hier, war so erregt wie nie zuvor in ihrem Leben und hätte sich ihm sofort hingegeben. Sindbad knabberte zärtlich an ihrem Nacken. Heiße Leidenschaft fuhr in ihre Schenkel. »Du musst menschliches Fleisch essen, menschliches Blut trinken, wenn du ganz zu uns gehören willst.«
»Menschliches Fleisch, mmhhm«, murmelte sie wieder, als hätte sie die Worte nicht richtig verstanden, riss die Augen auf, starrte direkt in Mandys Gesicht, die unbemerkt vor sie getreten war, mit einem undurchsichtigen Gesichtsausdruck. »Was?« Geschockt trat sie einen Schritt zur Seite, als sie die Worte noch einmal in ihrem Kopf abspielen ließ. Die Hitze wich einer Kältewelle. »Gut gemacht, Sindbad. Aber nicht gut genug. Du hast sie verschreckt«, sagte Mandy kalt. Verstört blickte Tessa von ihr zu Sindbad, der sie mit glänzenden Augen ansah. Dieser Mistkerl. Nur Show. Sie hätte es wissen müssen. Wut stieg in ihr hoch und Enttäuschung machte sich in ihr breit.
»Ich muss nochmal los.« Mandy hatte sich in eine enge True Religion Jeans gezwängt. An den Füßen trug sie schwarze, sündhaft teure Louboutin Pumps. Ein Fledermaus Shirt lockerte den pompösen Look etwas auf. »Habt Spaß, ihr Beiden«, rief sie, schnappte sich eine Louis Vuitton Tasche und stieg in den Fahrstuhl.