Читать книгу Die Welt, die meine war - Ketil Bjørnstad - Страница 13

9.

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Movitz liegt mit riesigen Wunden im Sessel von Hødnebø. Immer wieder leckt er sich die offenen roten Fleischflächen. Wir haben es aufgegeben, ihn zum Tierarzt zu schaffen. Nicht einmal ein Trichter um den Hals hindert ihn daran, seine Freiheit zurückzuerobern. Seine Methode ist: beißen, kratzen, reißen, kämpfen und danach lammfromm werden. An diesen Winterabenden nehme ich ihn oft auf den Schoß und denke, dass er es geschafft hat, seine Mutter zu schwängern, dass er das vielleicht noch mehrere Male tun wird, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Er wird zwischen meinen Händen auf meinem Schoß zu einem Kätzchen. Er schaut aus zusammengekniffenen Augen zu mir hoch, vertrauensvoll wie ein Kind. Weiß er, wie sehr ich über ihn bestimmen kann? Dass ich mit ihm zum Tierarzt gehen und um eine Giftspritze bitten kann? Aber das wollen wir doch nicht. Wir wollen ihn so lange wie möglich behalten. Viele der Liebkosungen, die wir einander geben, gehen über ihn. Wenn wir Movitz streicheln, streicheln wir uns gegenseitig und streicheln zugleich das Haus, in dem wir wohnen, das uns beschützt und einen Rahmen um unsere Leben zieht.

Eines Morgens liegt ein Brief im Briefkasten. Ich erkenne die Handschrift. Es ist die von Lill Lindfors. Keine andere schreibt so schön und frei, mit großen, verführerischen Schlingen, die doch immer scharf und zielgerichtet sind. Eine Frau, die ihrer selbst sicher ist und weiß, was sie will. Wenn ich nur auch so wäre.

An diesem Abend sitze ich neben der Anderen vor dem Kamin und zeige ihr den Brief. Er ist so persönlich und vertrauensvoll. Eine ganze LP, nur mit meinen Texten und Melodien. Aufnahmen schon im Mai in Stockholm.

»Selbstverständlich musst du das tun«, sagt die Andere.

Nichts ist selbstverständlich, denke ich.

Der Brief kam in einer Zeit der kreativen Auflösung. Keine neuen Ideen. Kein Wille. Nur das übergeordnete Ziel: Noch mehr abnehmen. Straff werden. Hart. Stark.

Ich antworte ihr, zitternd und bewegt. Eine Ehre. Eine große Möglichkeit. Ich weiß nicht, wie ich danken soll. Das Vertrauen, das sie mir erweist.

Ich werde also wieder Lieder schreiben. Hatte gedacht, ich würde einen Roman schreiben, aber der kann warten. In Lake Placid gewinnt der Schlittschuhläufer Eric Heiden aus den USA bei den Olympischen Spielen über alle Herrendistanzen. Ich sitze abends mit Tore zusammen und sehe mir diese wahnwitzige Degradierung an, die Schlittschuhnorwegen in die Verzweiflung treibt, bis Bjørg-Eva Jensen auf 3000 Meter Gold holt. An jedem Tag denke ich an den Sänger, der besser Elvis singen konnte als der Meister selbst. Jetzt liegt er im Krankenhaus und stirbt. Anne Lise hatte ihn besucht, als Freundin und als Vertreterin der Plattenfirma.

»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, hatte sie gefragt.

»Nichts«, hatte er geantwortet. »Ich wünschte nur, ich könnte leben, bis die Olympischen Spiele zu Ende sind.«

Sowie Anne Lise mir von diesem Gespräch erzählt hatte, verspürte ich eine neue und fast beängstigende Traurigkeit. War das Todesangst? Bei jedem neuen Lauf, bei jedem neuen Gold, näherte sich der Elvis-Junge weiter seinem Ende. Was, wenn er bis zur Abschlussfeier lebte? Und bis zur Zeit danach? Die doppelte Leere. Alle Geschehnisse waren erledigt, bei den Olympischen Spielen und in seinem Leben. Per Hansson, Oles alter Freund, hatte zwei Jahre zuvor darüber geschrieben, in Den siste veien, über den 22 Jahre alten krebskranken Ola, der wusste, dass er sterben würde, dem aber eine letzte Auslandsreise geschenkt wurde. Der Schmerz, als er nach Hause kam. Der Tod, der wartete. Ola sagte: »Worauf kann ich mich denn jetzt noch freuen?«

Es ist der Abend, an dem die Bohrinsel Alexander Kielland in der Nordsee umkippt. Ein wilder Sturm tobt. Die Bohrinsel wurde von der französischen Werft CFEM als Bohrinsel gebaut, aber die Reederei Stavanger Drilling II AS benutzt sie schon seit langer Zeit zum Wohnen. Eine Rohrleitung zum Meeresgrund hat es unmöglich gemacht, alle zehn Verankerungsstreben einzusetzen, die die französische Werft für die Verwendung in einem sturmreichen Meeresgebiet voraussetzt. Nur acht sind in Gebrauch. Plötzlich knickt ein Bein ab. Zwischen den Beinen C und D gibt es keine Streben wie zwischen den anderen Beinen. Dort sollte Platz geschaffen werden für die Versorgungsschiffe. Aber das D-Bein bricht. Ohne Vorwarnung kippt die riesige Konstruktion zur Seite und nur Sekunden später liegen die Ölarbeiter im Meer, sind in den Wellen vollkommen hilflos. Ein Hubschrauber ist fünf Minuten entfernt, doch dem wird der Befehl zum Umkehren erteilt. Ein Freund von mir ist an Bord. Schichtwechsel. Einige sollten die Bohrinsel verlassen. Andere sollten dort abgesetzt werden. Aber jetzt ist die Bohrinsel umgekippt. Im eiskalten Wasser kämpfen viele um ihr Leben. 123 von diesen Menschen finden den Tod.

Eine Nachbarin kommt weinend hereingestürzt.

»Die Alexander Kielland«, ruft sie. »Die ist umgekippt!«

Wir wissen, was das bedeutet. Unser Freund. Ist er nicht gerade dort draußen?

Wir schalten Radio und Fernseher ein. Lauschen auf beides. Draußen in der Nordsee scheint sich ein furchtbares Drama abzuspielen. Unser Freund. Kämpft er mit den Wellen? Ist er schon tot? Werden wir ihn niemals wiedersehen? Ich habe den Tod durch Ertrinken immer für den entsetzlichsten gehalten. Sich nicht über Wasser halten können. Aufgeben müssen. Der Schock, wenn man nicht mehr durchhalten kann, wenn der Körper sagt, dass man atmen muss. Der Augenblick, wenn man Waser schluckt, spürt, dass sich die Lunge füllt, dass diese Bewegung, die jeder Mensch ausführt, Tausende Male an einem Tag, jetzt die Vorankündigung des Todes ist. Wie lange arbeitet das Bewusstsein? Kann man noch begreifen, dass man ertrinkt? Gibt es keine Versöhnung? Nur den kalten, salzigen, düsteren Tod? Trond-Viggo hat mich auf ein Lehrbuch der Rechtsmedizin aufmerksam gemacht. Sowie er davon erzählt hatte, rief ich bei Norli in der Universitetsgate an und bestellte ein Exemplar. Als das Buch im Briefkasten lag, packte ich es mit zitternden Händen aus. Was würde ich darin finden?

Die Bilder waren schlimmer als alles, worauf ich vorbereitet war. Ich hatte bisher erst einmal einen toten Menschen gesehen, als einer der älteren Nachbarn auf dem Küchenboden zusammenbrach, nachdem er nach einer Beerdigung in der Kirche von Dypvåg, von der er soeben nach Hause gekommen war, die Flagge gehisst hatte. Wir hörten den Aufprall bis zu uns, mehrere hundert Meter weit weg. Als wie angerannt kamen, stand die Tür offen. In der Küche lag er auf dem Rücken, mit gläsernen Augen, die in die Ewigkeit starrten. Wir standen nur da und glotzten, unschlüssig, trauten uns nicht, ihn anzufassen, etwas zu tun. Aber eine andere Nachbarin, die in Bergen Narkoseschwester gewesen war, kam angestürzt und fiel neben ihm auf die Knie, öffnete seinen Mund und begann mit Wiederbelebungsversuchen, schickte ihren eigenen Atem in seine Lunge, presste ihm die Brust, tat alles, was in einer solchen Situation richtig ist, wozu wir jedoch nicht in der Lage waren. Wir standen nur da, sahen zu und schämten uns. Und als ich das Buch der Rechtsmedizin aufschlug, verspürte ich dasselbe Gefühl des Unbehagens. Was ich dort sah, war so entsetzlich. Menschen, die sich erhängt hatten, die mich anstarrten, mit hängender Zunge, Menschen, die sich den halben Kopf weggeschossen hatten. Aber das Schlimmste waren die Ertrunkenen, das offene Entsetzen, das noch immer ihre Gesichter prägte, die Schaumblasen um die Lippen. Die Überraschung im Blick, als ob der Todeskampf noch nicht zu Ende wäre. Es war einfach nicht zu ertragen.

Auch in dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Wo war unser Freund jetzt? Lag er auf dem Meeresgrund? Hatte er Schaum vor dem Mund? Würden die, die ihn vielleicht irgendwann herausholten, das Entsetzen in seinen Augen sehen? Ich wartete auf Movitz, hörte aber nicht den Aufprall auf der Veranda. Sicher war er wieder auf Mädchenjagd gezogen.

Ich dachte daran, was Caryl Chessman geschrieben hatte, ehe er im Gefängnis von San Quentin mit Gas ermordet wurde: Dass der Tod zu groß war, um erfasst zu werden, dass ihm schwindlig wurde, wenn er nur daran dachte.

Die ganze Nation scheint getroffen worden zu sein. Das Öl ist unsere neue Identität. Diese Industrie war bisher von fast visionärem Optimismus geprägt. Während Landwirtschaft und Fischerei von Konflikten und internationalen Vorschriften, Zollschranken und Verordnungen geprägt sind, die wir nicht begreifen, die nicht einmal die begreifen, die mit am Verhandlungstisch sitzen, hat das Öl, mit Statoil und dem Inselnachbarn Arve Johnsen an der Spitze, die schlichte Botschaft verkünden können: Da unten auf dem Meeresgrund liegt schwarzes, gleißendes Gold. Es braucht nur hochgeholt zu werden. Wir alle werden an diesem neuen, unvorstellbaren Reichtum teilhaben, und die, die das Glück haben, dort draußen zu arbeiten, leben wie im Luxushotel. Von den Tauchern ist nie die Rede. Denen, die in unvorstellbare Tiefen versenkt werden und deren Leben zerstört wird. Nein, wir reden über die anderen. Die, die an sogenannten Elektronengehirnen sitzen und sich Zahlen und Kurven ansehen. Die, die Rohre zusammenstecken, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Die, die zum Frühstück frisch gebratene Schweinerippe bekommen, Räucherlachs und Rührei, Räucherlamm, Lutefisk, Kabeljau und Speck. Frisch aufgebrühten Kaffee, Cola und Sprite, Schokolade mit Sahne und Darjeelingtee. Der Wohlstand kennt keine Grenzen. Sie haben in der Lotterie gewonnen. Der Arbeitsplatz weit draußen im Meer war ein Kulturprodukt. Alexander Kielland. Einer der vier Großen. Der Garman und Worse geschrieben hat. Der den Literaturnobelpreis hätte bekommen können. Dass die riesigen Bohrinseln solche Namen erhalten, dass eine Ölgesellschaft sich Saga nennt, sagt nur, dass Selbstvertrauen und Abenteuer zu einem Teil der norwegischen Identität geworden sind.

Nun ist das Schlimmste passiert. Bei einem Flugzeugunglück tritt der Tod oft augenblicklich ein. Aber der bloße Gedanke an die vielen Menschen, die dort mit den riesigen Wellen gerungen haben, macht gewaltigen Eindruck. Ministerpräsident und König finden fast keine Worte. Die Trauerfeiern werden zu Ritualen der Ohnmacht, in denen die Wenigsten Trost finden. Das Mitgefühl der offiziellen Stellen erreicht uns nicht. Die hatten gesagt, das könne nicht passieren. Alles sei sicher. Jetzt war es passiert. Die Alexander Kielland schwimmt noch. Aber die Bohrinsel liegt kopfunter im Wasser.

Einige Tage später spreche ich mit unserem Freund. Er erzählt von dem Sturm, wie schrecklich das war, wie sie sich der Alexander Kielland genähert hatten, es waren nur noch fünf Minuten bis zur Landung, als der Pilot den Befehl zur Umkehr erhielt.

»Wir wussten nicht, was passiert war«, sagt er. »Wir haben eben kehrtgemacht. Ich hatte so viele Freunde dort draußen.«

Die Welt, die meine war

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