Читать книгу Die Welt, die meine war - Ketil Bjørnstad - Страница 18
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ОглавлениеDer Sommer kommt immer als Überraschung. Man vergisst ihn jedes Jahr. In diesem Land sind alle Jahreszeiten so lang, dass man glaubt, sich in einem ewig währenden Zustand zu befinden, jedes Mal, wenn eine Jahreszeit lang genug war, um sich um uns zu schließen. Drei Monate Sommer, drei Monate Herbst, drei Monate Winter, drei Monate Frühling.
Jetzt ist wieder Sommer.
Alles, was in Stockholm geschehen ist, ist lange her.
Wenn Ole sich über mich lustig machen will, nennt er Sandøya Saltkrokan. »Wir auf Saltkrokan – zwanzig Jahre später«, sagt er. Es ist nicht freundlich gemeint. Zu viel Idyll. Zu viele Spitzengardinen und Kelims vor den Zusammenbrüchen, Scheidungen und existenziellen Schiffbrüchen. Bald wird uns auch der junge Autor Roy Jacobsen in der Zeitung verspotten. So kann man doch nicht wohnen, in kleinen idyllischen Holzhäusern. »Harmonie kann ebenso provozierend wirken wie eine gute Melodie«, sage ich zu Ingar Marcussen, der soeben mit seiner Familie auf die Insel gezogen ist. Er ist Architekt, seine Frau Architektin. Er hat eine Brille wie die deutschen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit. Er ist fast so groß wie ich und kann nie aufhören, sich über seine Arroganz lustig zu machen. Die kann aber auch reichlich abscheulich sein. Aber wenn sich sein Gesicht zu einem Lächeln öffnet, einer plötzlichen und unerwarteten Anerkennung oder sogar zu einem Eingeständnis, dann ist er unwiderstehlich. Mir ist noch nie ein Mensch mit einer solchen Ähnlichkeit mit Gustav Mahler begegnet, und als ich ihn dann besser kennenlerne, werde ich um ein Haar zum vollwertigen Anthroposophen und halte ihn für die Inkarnation von Mahler, mit derselben Schönheit, mit Himmel und Hölle in seinem Inneren. Er kann ebenso lärmend entsetzlich sein wie die meisten ersten Sätze in Mahlers Symphonien, wo die Wiegenlieder der Kindheit mit den kräftigsten Militärmärschen und für Skelette geschriebenen Walzern ringen, die Kastagnetten wurden ersetzt durch klappernde Särge, genau wie in den Scherzi. Aber außerdem ist in ihm Platz für die langsamen Sätze, die himmelstrebenden Themen, die nie ein Ende finden, Liebeserklärungen mit so viel existenziellem Schmerz, so tiefer Trauer, dass ich mich frage, woher er eigentlich kommt, auch wenn er behauptet, von der Akersborg terrasse. Den Namen Marcussen jedoch hat er von den Gutsbesitzern auf der Nachbarinsel Askerøya, einer Sippe mit viel Charme und keinem geringen Grad an Selbstbewusstsein. Es war Ingars Tante, die mich im Rathaus von Tvedestrand angeschrien hatte in den siebziger Jahren, als ich mit keiner Geringeren als Lillebil Ibsen auf der Bühne stand. »Leiser spielen, Bjørnstad!«, hatte sie gerufen. Ingar erinnert mich immer wieder an diese Episode. Er stammt aus einer Familie von starrköpfigen Menschen mit scharfen Ohren, Grundbesitz und fixen Ideen. Sein Verwandter Jens Marcussen wird seinen Platz in der neuen rechtspopulistischen FRP finden, Ingar dagegen gehört keiner Partei an. Er gehört nur sich selbst und der wunderbaren Familie, von der umgeben zu sein er das Glück hat. Ich habe schon in den sechziger Jahren von seiner Frau geträumt, viele Jahre ehe ich ihr zum ersten Mal begegnet bin.
Inzwischen sind wir so viele Zugezogene auf dieser Insel, dass wir angefangen haben, uns in Gruppen zu sammeln, Literaturgruppen und Musikgruppen, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen, aus den Städten und der Urbanität, aus Konzerthäusern, Theatern und Rockclubs, aus Buchläden, Musikgeschäften und Kunstgalerien.
Ingar macht diese Flucht für viele von uns möglich. Er hat sich darauf spezialisiert, Kopien von sogenannten Südküstenhäusern, Schifferhütten oder wie immer man es nennen will, zu entwerfen. Er hat sich mit der Gemeinde wegen Grundstücken und Abwasseranlagen gestritten. Er sorgt dafür, dass noch die Ärmsten unter uns mit bloßen Händen ein Haus bauen können. Er will nicht mit druckimprägniertem Material bauen. »Am Ende muss alles zerfallen«, sagt er. »Verfaulen. Verschwinden. Platz für neues Leben machen. Wenn wir solche grundlegenden Dinge nicht begreifen, haben wir hier auf der Erde nichts zu suchen.«
Obwohl er herkömmliche Einfamilienhäuser entwirft, ist er Spezialist für moderne Architektur, das Erbe von Bauhaus, Gropius und van der Rohe. Ich weiß nicht so ganz, was er will, wenn er diese Pioniere erwähnt, ob er ihnen huldigen oder sie heruntermachen will. Aber unser Haus hat bereits seinen Hass erregt.
»Ein schnödes Rødland-Haus. Damit kannst du dich nicht sehen lassen, Ketil, auf so einer Insel.«
»In der Zeitung hat doch schon gestanden, dass es hier draußen zu viel Idylle gibt.«
»Redest du hier von Dagbladet? Sag mal, liest du auch dein Klopapier?«
Wir stehen an einem heißen Junitag vor dem Haus, kurz vor einem Fest. Wir sind beide guter Laune. Jetzt ist die Zeit für die großen Ideen. Fliederduft, Schalentiere, Weißwein.
»Sieh doch mal, was ihr für einen Dachboden haben könntet. Keine Idylle, sondern einen Geistesbau!«
Ingar zeichnet einen Grundriss in die Luft. Ich folge seinen Handbewegungen und sehe, dass das Haus doppelt so groß wird, mit riesigem Dachboden und Erkern.
»Ein ganz anderes Haus«, sage ich.
»Genau«, sagt Ingar.
»Aber ich kann mir das nicht leisten«, sage ich.
»Wer denkt an Geld, wenn man große Kunst erschafft?«, sagt Ingar.
»Ich werde es mir überlegen«, sage ich.
»Aber ich hatte jetzt die Idee«, sagt Ingar. »Ich schlage vor, wir sagen, Baubeginn nächstes Jahr.«
»Aber man kriegt den Flügel nicht hoch auf den Boden, Ingar.«
»Natürlich nicht. Da wird der Webstuhl deiner lieben Hausgenossin stehen. Du musst in den Keller, du armer Wicht. Wo du hingehörst.«
Juni 1980. Die langen Tage, an denen man nicht weiß, ob man arbeitet oder Ferien hat. Er sitzt am Flügel, weiß aber nicht, ob er arbeitet oder nur spielt. Was denken sie drüben in Schweden? Welche Erwartungen haben sie an Och människor ser igjen? Er denkt an die hoffnungsfrohe Stimmung am letzten Tag im Studio. Ola Brunkert war zu ihm gekommen und hatte ihn umarmt. Finnes du noensteds ikveld war gleich beim ersten Versuch gelungen. Es wurde so gefühlsstark. Alles, was sie damals nicht wussten. Dass Ola viele Jahre später in seinem Haus auf Mallorca in eine Glastür laufen und sich eine tödliche Wunde am Hals zuziehen würde. Dass sich Conny, der unglaubliche Gitarrist mit den kleinen lateinamerikanischen Instrumenten mit Idas Schwester Jannicke zusammentun würde. Dass das nur der Anfang einer lebenslangen Freundschaft zwischen Lill und ihm war. Er war zu Anders Burman gegangen und hatte gefragt: »Seid ihr enttäuscht, wenn das keine Hunderttausend verkauft?« Der Produzent hatte ihm beruhigend auf die Schulter geklopft. »In dieser Branche ist nichts vorausbestimmt, junger Mann. Wir müssen einfach abwarten.«
Und es waren noch viele Monate bis zur Veröffentlichung.
Ihm ging auf, dass er jetzt vom Verkauf abhängig war. Es bedeutete etwas, dass Tidevann auf der Bestsellerliste von VG vertreten gewesen war. Er musste schließlich das Geld besorgen, aber plötzlich hatte sich die Entfernung zwischen dem Geld und ihm vergrößert. Manchmal lebte er von seinem überzogenen Konto. Dann wurde er nervös und lag nachts wach. Sein Manager, Paul Karlsen, schien das verstanden zu haben. Jedenfalls wurde er ein weiteres Mal zu einem Soloauftritt auf Karløya eingeladen, zwischen Santana und Tom Robinson. Was für eine Ehre, dachte er. Wurde er jetzt zum Popmusiker? Oder schlimmstenfalls: Schlagerkomponist? Sollte er diesmal ein E-Piano riskieren? Es hatte ihn oft überrascht, dass Elton John, der doch wirklich Klavier spielen konnte, den Flügel auf seinen Schallplatten so grauenhaft klingen ließ. Keine Obertöne, nichts von der Wärme in seiner Stimme. Hatte er den Klang des Flügels von Manfred Eicher von ECM nicht gehört? Begriff er nicht, wie viel besser es klingen konnte? Aber wer Schallplatten verkaufte, das war Elton John. Hunderttausende.
Auf der Insel und in der Stadt lag viel Energie in der Luft. Der Besuch in Stockholm war eine Vorwarnung gewesen. Er hatte so viele Menschen gesehen, die auf dem Dach der Welt einherschritten, die die Gnadengabe der Selbstsicherheit besaßen. Und niemand von denen, die ihm begegnet waren, hatte sich um Geld sorgen müssen. Aber das Geld kam nicht bei allen an. In Oslo gab es trotzdem noch mehr junge Männer im Anzug, die zwischen Banken und Maklerfirmen hin und her rannten. Es gab einen Willen zur Expansion, der sich sogar auf der Insel niederschlug. Die neuen Häuser, die gebaut wurden, mussten mit etwas gefüllt werden. Er dachte plötzlich an Tante Svanhild, die seit über fünfzig Jahren in der Gabels gate wohnte. Dieselben alten Möbel, das Sofa, das sie aus ihrem Elternhaus in Fredrikstad mitgebracht hatte. Er war immer so gern bei ihr. Spürte etwas, das fast ewig sein könnte, das sie aber doch, wie er vorausahnte, bald verlassen würde.
Die langen Tage auf der Insel brachten ihn auf solche Gedanken, ließen ihn zwischen den kleinen Häusern herumlaufen, die sich bald mit Menschen füllen würden, und denken, dass etwas passieren würde, dass etwas eine Vorwarnung war, nur ein Ton, fast wie das Signal einer Trillerpfeife, unhörbar für alle anderen außer denen, die die Möglichkeit des Geldes sahen, die Möglichkeit der Expansion. Ingar saß in seinem Architektenbüro in Tvedestrand und zeichnete ein ganz neues Haus für ihn und seine Geliebte, die ihren Namen nicht genannt haben will, über die er aber dennoch schreiben darf. Die er die Andere nennt.
Auf Kalvøya steht der Festivalleiter Paul Karlsen in seiner Lederweste und raucht Pfeife. Das warme Lächeln, das er immer sieht, selbst wenn er mit Paul nur telefoniert, und das tut er oft. Paul hat einen Teil seiner Tourneen übernommen. Es gibt nicht länger nur die Rikskonzerte. Noch im Winter war er mit Paul nach Lillehammer gefahren. Paul vernebelte das ganze Auto mit seiner Mac Barens-Mischung, aber es roch süß und gut.
Noch hatte er das Gefühl, nicht ganz zu begreifen, was Paul von ihm wollte. Paul hatte so viel größere Künstler in seinem Stall. Cornelis Vreeswijk zum Beispiel. Im Frühjahr hatte er angekündigt, mit ihm sprechen zu wollen, hatte aber nicht gesagt, worum es ging.
An diesem Abend, als der Winter seinen Griff gefestigt und die Straßen mit Schneeglätte überzogen hatte, schob Paul plötzlich eine Kassette in die Anlage.
»Ich dachte, das müsstest du hören«, sagte er und drückte auf Play.
Zum allerersten Mal hörte er The Police. Reggatta de Blanc.
Zuerst fiel ihm das Schlagzeug auf. Stewart Copeland. So etwas hatte er noch nie gehört. So aggressiv und zugleich so frei. Keine lärmende Sinnlosigkeit, wie er sie im Punk oft fand, sondern eine virtuose Technik, die gewaltige dynamische Möglichkeiten schenkte. Er fing an zu lachen.
»Ist das nicht etwas ganz Besonderes?«, fragte Paul.
Im selben Augenblick hörte er die wogende, strömende Gitarre von Andy Summers, der ihn in Bring on the Night fast in Ekstase versetzen sollte. Und die ganze Zeit war Sting da, laut und leise, mit seinem tiefen präzisen Bass und der hellen, intensiven Stimme.
»Wirklich? Ein Trio?«
»Sicher«, sagte Paul und machte einen langen Zug aus seiner Pfeife.
»Das ist die neue Zeit, Ketil!«
»Im Moment ist so schrecklich viel die neue Zeit.«
»Wie meinst du das?«
Er wusste nicht, was er meinte. Aber das hier war eine musikalische Landschaft, in die er sich mehr und mehr hineinsehnte. Auf der Insel hatte der Keramiker Eyvind ihm so viel über Rock beigebracht. Über Gruppen, von denen er noch nie gehört hatte. Endlose Abende konnten sie beieinandersitzen und Schallplatten laufen lassen. Außerdem gab es im NRK die großen Abendsendungen von der Loreley, wo die allergrößten Künstler auftraten. Dort hatte er zum ersten Mal Genesis auf der Bühne gesehen.
Als ob er sich nach festeren Rahmen sehnte, statt nach der großen Freiheit des Jazz, die an einem schlechten Tag mit etwas Unverbindlichem verwechselt werden kann. Die neuen norwegischen Gruppen wie Kjøtt, The Cut und The Allerværste waren an ihm vorbeigeglitten. Aber De Press gefiel ihm, Andrej Nebbs Wahnsinn. Für Menschen, die auf der Straße Flügel zerschlagen wollten, hatte er immer Sinn. Das hatte er von Svein Finnerud und Bjørnar Andresen gelernt. Und Eyvind hatte ihn auf das Stavangerensemble aufmerksam gemacht, diese neue Version eines Orchesters, das Karsten Andersen, der Jugendfreund der Mutter, in den sechziger Jahren dirigiert hatte. Ein kleines Ensemble, das zu einem Symphonieorchester heranwachsen konnte, das jede Woche im Radio zu hören war, mit Light Music als Spezialität. Aber das neue Stavangerensemble war alles andere als light. Als er an jenem Abend mit Paul nach Lillehammer gefahren war, hatte er gedacht, dass The Police gerade im Moment den maximalen Ausdruck habe. Sie schufen eine wirklich moderne Musik, die mehr war als ein Fragment. Sie legten die Prämissen für diesen Teil der zeitgenössischen Musik, der sich weit fort von den Albernheiten der Avantgarde-Musik befand. Er stand unter Schock, und das sah Paul.
»Und was wirst du daraus machen?«, fragte Paul mit einem Lächeln.
Er wusste es nicht. Noch nicht. Er glitt auf Kalvøya in den Backstagebereich und sah, dass Paul zu den Wolken starrte. Er lebte vom Wetter. Wenn es an dem Wochenende regnete, an dem das Kalvøya-Festival laufen sollte, verlor er mehrere Jahreseinkünfte. Wenn die Sonne schien, verdiente er sie. Er kann sich an das Wetter an jenem Tag nicht mehr deutlich erinnern. Aber draußen im Gras sitzen viele Tausende. Er würde gern ganz anders spielen als beim letzten Mal. Woher kommt diese Aggression? Er hatte sich seit zwei Tagen nicht mehr übergeben. Sein Körper kam ihm ruhiger vor, aber sein Gewissen war schwärzer. Sowie er zu viel aß, stellte sich der Speck wieder ein. Das war der Albtraum, dass er wieder die Kontrolle verlieren könnte. Die Unruhe war ein Teil dieser Aggression. Er suchte nach einer Kontrolle, die er nicht hatte, außer wenn er sich dem Ende eines Romans oder einer Schallplattenproduktion näherte. Dann musste er Entscheidungen treffen. Und Entscheidungen zu treffen fiel ihm leicht. Fast so leicht wie Ole. Blitzschnell. Ganz ohne Bedenkzeit. Er hätte ein Haus ungesehen kaufen können. Er hätte einer Frau, die ihm noch nie begegnet war, einen Heiratsantrag machen können. Und er wusste noch nicht, ob das eine Stärke war oder eine Schwäche.
Er staunt noch immer darüber, dass er, der den fünften Platz anstrebte, niemals Angst vor großen Bühnen hatte. Aber in dieser Art von Musik gab es viele, die einander halfen. Sven Persson saß dort draußen irgendwo im Publikum. Für ihn spielte es keine Rolle, ob ihm hundert oder 15 000 zuhörten. Viele Jahre später sollte er bei den größten Stadionkonzerten von a-ha den Ton mischen. Wir kannten einander jetzt. Waren Freunde. Er hatte in seiner Kindheit einige Sommer auf Sandøya verbracht. Ich konnte Dalsland oder Fugløya sagen und er wusste, wovon die Rede war. Dieses große Podium mit dem kleinen elektronischen Flügel betreten. Ich war jetzt von Sven abhängig. Er musste die Obertöne finden, die es in einem akustischen Instrument gab, welche die digitale Wirklichkeit aber niemals herbeischaffen konnte. Er sollte mir die Klänge zurückgeben, die ich nicht selbst hervorbringen konnte. Die Töne, für die ich mich beim Spielen entschied, waren nur digitale Signale. So, wie ein E-Gitarrist Hilfe von seinen Pedalen braucht, von Delay und Reverb, brauchte ich Hilfe von Svens Mischpult dort draußen in der Menschenmasse. Solange er dort war, fühlte ich mich sicher. Ich hatte keine Angst vor dem Digitalen. Gerüchte behaupteten bereits, dass es bald eine digitale Methode geben würde, um Schallplatten abzuspielen, die sogenannte CD oder Compact Disc, bei der der Klang mithilfe von binären Codes wiedergegeben wurde, nicht analog. Das alles überstieg jedenfalls meinen Verstand. Dass eine Codesprache, die auf den Ziffern 0 und 1 aufbaute, den Klang akustischer Instrumente wiedergeben konnte, war eine Tatsache, die ich niemals begreifen würde, sowenig, wie ich begriff, dass zwei kleine Lautsprecher den Klang einer Stradivari wiedergeben konnten.
Sven da draußen im Publikum. Ich hinter dem Klavier. Dem elektronischen. Dem ohne Obertöne.
Ich verspürte dennoch eine seltsame Freiheit. Fühlte mich zu einer Welt hingezogen, die so weit von Bechstein, Steinway und einem akustischen Klangbild entfernt war wie überhaupt nur möglich. Die Sehnsucht nach dem Klangraum des Synthesizers, der Energie in der Musik, die Strom brauchte, um zu funktionieren. Ich hatte das Klangbild von The Police im Kopf. Aggression als Triumph, wie ein liebevolles und dennoch menschliches Projekt. Sich trauen, Gefühle zu zeigen. In einer elektronischen Wirklichkeit konnte das so gewaltsam werden. Aber dort draußen im Juniabend wusste Sven, wo ich hinwollte. Er fing eine Phrase auf, schleuderte sie durch das Mischpult und den Klang, der ihm zur Verfügung stand, schickte sie zurück aufs Podium, über das enorme PA-System auf beiden Seiten der Bühne, mit Delay, Verspätungen und Klangskulpturen, die ich auffing, die auf meinen Monitor zurückkehrten und mir neue Ideen gaben. Als säße ich in einer Apollo-Kapsel weit draußen im All und spräche mit Houston. Wir waren beide abhängig voneinander, wenn das hier gut werden sollte. Aber Sven kannte ich, und er wusste, was Dalsland war, er wusste von den Pfaden draußen bei Hella, er kannte Hans Petter auf Hauketangen, er erinnerte sich an die alten Tanten und er wusste, welche Musik mir gefiel, welche ihm selbst gefiel. Und, das Wichtigste von allem, wir machten es nicht für Geld. Wir hätten auch gratis auftreten können. Aber wir glaubten an diese Art, miteinander zu reden. Durch die Musik. Das, was Paul Karlsen antrieb, trieb auch uns an. Die Freude, etwas entdeckt zu haben, das außerhalb der Diagramme, Prognosen und Statistiken der Maklerwelt und der Geldleute lag. Und ich weiß nicht einmal mehr, was ich gespielt habe. Aber ich weiß, dass ich mit Sven im Duett spielte, auch wenn die Wenigsten begriffen, dass noch ein anderer da war. Einer, der durch Klänge sprach, durch Verzögerungen, durch Strom. Ja, jetzt weiß ich es wieder. Eine Regenfront fegte vorüber. Danach ging ich hinter die Bühne und fand eine Toilette. Santana lächelte mich an und machte sich bereit für seinen Auftritt.
US-Präsident Jimmy Carter hat Probleme mit den neuesten Meinungsumfragen, nachdem er zuerst deutlich in Führung lag. Die katastrophal misslungene Geiselaktion im April hat das amerikanische Selbstbewusstsein ins Wanken gebracht. Sie sind enttäuscht von diesem Erdnussfarmer aus Plains in Georgia. Die Verhandlungen von Camp David sind jetzt lange her. Er kann sich nicht mehr im Blitzlichtglanz sonnen. Er hat sich als außenpolitisch unsicher und ungeschickt erwiesen, und dass die amerikanischen Geiseln noch immer im Iran gefangen sind, ist fast nicht zu begreifen für die vielen patriotischen Amerikaner, die sich selbst als einzigartige Vertreter des wichtigsten Volkes auf Erden begreifen. Diese verdammten Khomeinis dürfen keine Nation demütigen, deren Präsident bei allen offiziellen Anlässen Gott um seinen Segen anfleht. God bless America. Soll der Teufel alle holen, die es wagen, das uneingeschränkte Recht auf Freiheit dieses Volkes anzukratzen. Für immer mehr Amerikaner ist es unbegreiflich, dass Carter diese Gefangenen noch nicht befreien konnte. Und der republikanische Präsidentschaftskandidat Ronald Reagan weiß diese Situation auszunutzen.
Aber der, den wir in Norwegen gern den Schah von Persien genannt haben, stirbt in Kairo nach einer längeren Krankheit.
»Der Blutsauger des Jahrhunderts«, schreiben die Khomeini-loyalen Zeitungen in Teheran.
Die amerikanischen Geiseln, die gegen den Schah ausgetauscht werden sollten, sitzen noch immer in Gefangenschaft.
Inzwischen ist es August 1980. An einem ganz anderen Ort, im Hotel Dorchester in der Park Lane in London, ist der 54 Jahre alte Schauspieler Peter Sellers auf dem Weg zu seiner Suite, in der er in der letzten Zeit am Drehbuch zu Romance of the Pink Panther gearbeitet hat, seinem sechsten Film über den ungeschickten und sozial absolut unfähigen Inspektor Clouseau. Für eine ganze Generation, der ich selbst angehöre, sind sein Humor und seine Charakterparodien zu einem Teil des Alltags geworden. »Do you have a reum?« ist ein Codesignal für uns alle. Wir haben ihn geliebt, als unsympathischen und vorausblickenden Berater in Dr. Strangelove. Vorher haben wir über seine Verkleidungskünste in After the Fox gelacht, für viele von uns Filminteressierten auf Sandøya vielleicht der beste seiner Filme, nicht zuletzt, wenn er Jean-Luc Godard als Avantgarde-Regisseur parodiert. Wie oft haben wir uns spätabends ins Gesicht gefasst und gesagt: »My bone-structure?«, »Good morning« und alle anderen Repliken in diesem wahnwitzigen, von Italien inspirierten Plot. Peter Sellers war immer bei uns, wenn wir uns gegenseitig unsere sozialen Katastrophen anvertraut haben. »Birdy, nam-nam« war der verbale Schlüssel zu einem schönen Fest. Wir haben uns mit pochender Blase zusammengekrümmt, genau wie der arme indische Filmstatist, den er in The Party parodiert hat, und zueinander gesagt »I like to watch«, wie der Gärtner Chauncey in Being there.
Weiß Sellers das, wie viel er Menschen überall auf dem Globus bedeutete, die seine Filme geliebt haben, die Tränen gelacht haben über seine vielen Schlägereien mit dem Diener Cato, die gesehen haben, wie er über einer Balkonparodie in der Luft schwebt, wie er krüppelhaft mit kurzen Beinen ankommt wie ein Toulouse-Lautrec oder in seinem Burberry-Mantel als Inspektor Clouseau, der seinen Vorgesetzten immer wieder in Gemütsverdüsterung und totalen paranoiden Wahnsinn treibt?
Gerüchte wollen wissen, dass er vor dem Eingang dieses berühmten Hotels zusammengebrochen ist. Aber in den Zeitungen ist die Rede von einem schweren Herzanfall in seiner Suite, nach dem er ins Middlesex Hospital gebracht wurde, wo seine zweite Frau, Britt Ekland, mit ihrer fünfzehn Jahre alten Tochter Victoria und mit Sellers’ vierter Frau Lynne Frederick bei ihm saß, alles vergeblich. »His heart just faded away«, sagte ein Sprecher des Krankenhauses. Seit Jahren wussten die ihm Nächststehenden von Sellers’ schwachem Herzen. Blake Edwards, der Regisseur der Pink Panther-Filme, sagt in einem Interview, dass sie das Gefühl gehabt hätten, Sellers könne jederzeit sterben. Nur zwei Jahre zuvor war Sellers gefragt worden, ob er auf eine persönliche Frage antworten werde. »Natürlich nicht«, hatte Sellers erwidert. Dennoch machte der Reporter weiter: »Meines Wissens hatten Sie einen Herzinfarkt.« Sellers fiel ihm ins Wort und sagte mit einem Lächeln: »Ja, aber damit will ich aufhören. Ich bin schon auf zwei pro Tag runtergegangen.«
Die rechtsextreme Terrororganisation Nuclei Armati Rivoluzionari hinterlegt eine Bombe im großen Wartesaal des Bahnhofs von Bologna. Es ist Samstagvormittag, sehr viele Reisende sind unterwegs. Die Sprengladung zerstört einen Seitenflügel des wuchtigen Bahnhofs. 83 Menschen kommen ums Leben, mehr als 200 werden verletzt. Das Bombenattentat ist der Protest der Neofaschisten gegen die kommunistische Stadtregierung. Während die kommunistische Partei in Norwegen keine Rolle mehr spielt, sind die kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich noch immer relativ stark.
Das Attentat ist das schlimmste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und der Bürgermeister der Stadt nennt es ein Verbrechen gegen die Menschheit.
Der Herbst bringt kühle Luft. Einen Hauch von etwas Traurigem, weil ich wieder auf Reisen gehen werde. Dauernde Aufbrüche, die dennoch nicht unwiderruflich sind. Abreisen, zurückkehren. Jemand wartet. Oder wartet sie nicht? Lebt sie ein anderes Leben? Wie gut kennen wir einander eigentlich? Wir sind zusammen, Tag für Tag, streiten uns nicht, lachen viel, merken den Übergang zwischen Arbeit und Muße nicht, können mitten am Tag lange Spaziergänge unternehmen. Die vielen Reisen machen etwas mit mir. Die langen Tourneen, die Hotelzimmer. Ist es etwas Flüchtiges, das mir in diesen Jahren anhaftet? Verändere ich mich als Person? Die Fährfahrkarten und die Flugtickets, die Hotelschlüssel, die Kollegen, das, was wir gemeinsam erschaffen werden, an ganz neuen Orten. Ich muss wieder er schreiben. Er, der reist, wieder und wieder, in dieselben Ortschaften und Städte. Er, der vor den Konzerten in der Garderobe wartet, spürt den Unwillen, jedes einzelne Mal, wenn er auf einer Bühne stehen soll. Die Nervosität, die so tief in ihm sitzt, bis er den Kontakt zum Instrument spürt, dass die Tasten nicht gewandert sind, dass A noch immer A ist und Fis noch immer Fis. Keine zwei Orte sind gleich, keine Stadt ist genau dieselbe. Sie verändern sich zwischen jedem Mal, wenn er aufbricht, verschwindet und zurückkehrt. So, wie er sich selbst verändert, fast unmerklich, von Mal zu Mal. Er kommt nach Stavanger, die neue Ölstadt. Hier hat es angefangen. Sein Sommernachbar Arve Johnsen, allein im Statoilbüro in der allerersten Zeit. Die Ölgesetze von 1971. Dass die nationale Leitung und Kontrolle für jegliche Tätigkeit auf dem norwegischen Kontinentalsockel gewährleistet sein müssen. Dass die Ölfunde so ausgenutzt werden müssen, dass Norwegen so weit wie möglich unabhängig von anderen wird, wenn es um den Import von Rohöl geht. Dass aufbauend auf dem Öl neue Wirtschaftszweige entwickelt werden sollen. Dass die Entwicklung einer Ölindustrie unter Rücksichtnahme auf existierende Wirtschaftszweige und Natur- und Umweltschutz vor sich gehen muss. Dass das Verbrennen von nutzbarem Gas auf dem norwegischen Kontinentalsockel nur für kürzere Versuchszeiträume gestattet ist. Dass Rohöl vom norwegischen Kontinentalsockel in Norwegen an Land gebracht werden soll, mit Ausnahme der seltenen Fälle, wenn gesellschaftspolitische Rücksichten eine andere Lösung nahelegen. Dass der Staat sich auf allen zweckmäßigen Ebenen engagiert, zu einer Vereinheitlichung norwegischer Interessen innerhalb der norwegischen Petro-Industrie beiträgt und den Aufbau einer integrierten norwegischen Ölindustrie mit nationalen und internationalen Zielsetzungen fördert. Dass eine staatliche Ölgesellschaft aufgebaut wird, die die geschäftlichen Interessen des Staates vertreten kann und die eine sinnvolle Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Ölinteressen fördern kann. Dass nördlich des 62. Breitengrades ein Aktivitätsmuster gewählt wird, das die besonderen gesellschaftspolitischen Verhältnisse in diesem Landesteil berücksichtigt. Dass norwegische Ölfunde die norwegische Außenpolitik vor umfassende neue Aufgaben stellen können.
Er sieht, dass es in den Straßen noch mehr neue Läden gibt. Das passiert fast gleichzeitig. Neue, etwas feinere Restaurants werden eröffnet. Alles wird von Mal zu Mal etwas feiner. Er geht in einen dieser Läden und sieht zu seiner Freude, dass er von Größe 36 auf 32 hinuntergegangen ist. Obwohl, in 32 gibt es nur sehr wenige Marken, die er am Leib haben mag. Er steht in der Umkleidekabine und betastet das Fett an seinem Bauch, das doch nie ganz verschwindet, auch wenn die Rippen jetzt auf andere Weise sichtbar sind als vorher. Er nimmt am Oberkörper schneller ab als an den Beinen. Das irritiert ihn. Muss er auf 70 Kilo heruntergehen, um die Beine zu bekommen, die er sich wünscht? Er schafft es nicht, abzunehmen, kann auf das Essen nicht verzichten. Er isst nicht mehr als andere Leute, aber doch zu viel, um dünner zu werden. Deshalb muss das Essen wieder heraus. Dass er so viele Jahre damit verbringen sollte, seinen eigenen Körper zu überlisten! Manchmal vergisst er sich, steht in der Künstlergarderobe und betrachtet sich von der Seite im Spiegel, während er sich die Hand auf den Bauch legt. Einmal hat ihn dabei eine Künstlerin gesehen, die mit ihm zusammen auftreten sollte. Hat er da ein Kichern gehört? Er errötete heftig, aber sie sagten beide nichts. Einmal, in Oslo, saß er am Flügel und gab ein Konzert. Plötzlich, mitten im schwierigsten Stück dieses Konzerts, merkte er, dass er sich übergeben musste. Es kam so plötzlich und unerwartet. Als ob sein Körper glaubte, er habe den Finger in den Hals gesteckt. Er wandte sich abrupt vom Publikum weg, fast wäre ein heftiger Strahl aus ihm herausgebrochen. Was in aller Welt sollte er tun? Er schluckte, schluckte, schluckte. Das durfte nicht passieren! Er dämpfte den Strahl. Es kam nur ein Aufstoßen, wie bei einem Säugling. Er musste weiterspielen. Aber als er sich zum Applaus erhob, verbeugte er sich seitlich und ging in der entgegengesetzten Richtung von der Bühne und nicht in der, aus der er gekommen war. Niemand sollte ihn so sehen, mit seiner eigenen Kotze, die ihm über Schulter und Arm lief.