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Springsteen in der Drammenshalle.

Ich war nicht dort. In den folgenden Jahren werde ich immer wieder von den Konzerten mit diesem Marathonmann hören, der so gern bis zu vier Stunden im Flutlicht steht. Menschen zu Tausenden, bis an den Rand gefüllt mit großen Erlebnissen. Ich war da. Du etwa nicht?

Nein, ich war nicht da. Die Stadionkonzerte. Die Sporthallen. Springsteen mit seinem »One, two, three, four« vor jedem einzelnen Lied. Ich denke an Rechtecke. Oder Vierecke. Ich sehne mich zurück zu Blinded By The Light.

Aber ich war nicht für das hier geschaffen. Hatte keine Rechte. Stand außerhalb der guten Gesellschaft, selbst wenn mir The River gefiel.

Dennoch sitze ich vor der Zeitung und sehe die junge Nini Stoltenberg mit dem Meister persönlich tanzen. Es ist so groß. Ein Mensch aus Norwegen tanzt mit einem weltberühmten Amerikaner. Noch sind wir nicht daran gewöhnt. Die Nation ist in dieser Hinsicht noch immer so jung. Die schöne junge Frau aus der Stoltenberg-Dynastie. Springsteen in der Drammenshalle, in der Stadt, in der Arnulf Øverland einmal in den sechziger Jahren vor Jesus und dem Weltuntergangschristentum gewarnt hatte, während Aage Samuelsen in »Halleluja«-Rufe ausbrach. Øverland hatte die Stimme gehoben, versucht, seine Botschaft weiter zu verkünden, aber die Jubelchristen waren bereits in Gesang ausgebrochen. Halleluja! Der Traum von Jesus. Er füllte ihr Leben. Für sie galten Jubel und Tanz. Dieselbe alles verschlingende Gemeinschaft. Das Licht dort vorn auf der Bühne. Jesus Christus. Bruce Springsteen. One, two, three, four! Ich denke an Tore Olsen. Er ist sicher dort. Alle die richtigen Menschen sind dort. Die Geschmacksrichter. Die Plattenkäufer. Down to the river. Der Wundermann aus New Jersey. Der Mann aus Nazareth. Draußen auf Sandøya versuche ich, den Takt zu finden, aber das ist unmöglich. Die Feuerzeuge sind verloschen. Es ist zu spät.

Ich lasse Prokofjews düstere fünfte Symphonie laufen, aus purem Trotz.

Aber auch das ist zu spät.

Der Juni ist immer schwül. Plötzliche Hitze, für einige Tage. Die setzt oft am Pfingstmontag ein, wenn die Sommergäste das Wochenende im Regen verbracht haben und sich für die Rückfahrt nach Oslo bereitmachen. Aber nach einigen Wochen schlägt das Wetter um, und der Regen trifft die Südküste und Ostnorwegen ungefähr dann, wenn Paul Karlsen & Co gegen Ende des Monats das Kalvøyafestival organisieren.

Israelische Flugzeuge bombardieren den einzigen Atomreaktor des Irak, gleich am Stadtrand von Bagdad. Als Begründung führen sie an, mit dem Reaktor könnten Atombomben zur Vernichtung Israels hergestellt werden.

Ein französischer Atomtechniker kommt dabei um. Der Reaktor wird unter französischer Regie errichtet. Aus Paris kommt wütende Kritik an Israel.

Zwei Tage darauf werden die Friedensaktivisten Nils Petter Gleditsch und Owen Wilkes zu sechs Monaten auf Bewährung und jeweils 10 000 Kronen Strafe verurteilt. Ihr Verbrechen heißt Onkel Toms Kaninchen, ein Buch, in dem Informationen über die amerikanischen Abhörstationen in Nordnorwegen veröffentlicht werden. Das Projekt nahm seinen Anfang, als die beiden als Zeugen in dem Prozess gegen den SV-Politiker Ivar Johansen vorgeladen worden waren, dem zur Last gelegt wurde, die Mitarbeiter des Staatsschutzes ermittelt und ihr Material der SV-Zeitung Ny Tid angeboten zu haben. Der spätere Redaktionschef von Gyldendal musste sechzig Tage absitzen, während acht Monate in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurden. Später würde er, ironischerweise im Ikkevold-Fall, abermals vor Gericht gestellt werden, da er eine von den USA finanzierte Abhörstation auf Andøya und eine Überwachungsanlage enttarnt hatte. Er wurde schließlich vom Obersten Gericht freigesprochen, von der AKP(ml) als sowjetischer Agent beschuldigt, von der Zeitschrift Farmand, dem Organ für die Freiheit der Wirtschaft, als Parteigänger der RAF bezeichnet, während die Leitung seiner eigenen Partei SV sich besorgt fragte, ob er wohl ein Provokateur sein könne, als herauskam, dass er in engem Kontakt zu dem legendären und geheimnisvollen Sektionschef des militärischen Geheimdienstes Trond Ivar Johansen gestanden hatte.

Bei ihrem Prozess im Liste-Fall wollten Gleditsch und Wilkes in erster Linie aufzeigen, wie leicht es war, solche geheimen Stationen zu entlarven, die eine fremde Macht in Norwegen angelegt hatte. Man brauche sich nur irgendwo hinzustellen und Ausschau nach Antennen zu halten, behaupteten sie. Da sie es für selbstverständlich hielten, dass die UdSSR über diese amerikanischen Installationen auf norwegischem Boden längst informiert war, schrillten keinerlei Alarmglocken, als das Buch geschrieben wurde. Alle Quellen waren doch ganz offen und zugänglich bis hinunter zum Telefonbuch. Aber das Kommunalgericht meinte, es gebe in diesem Dokument zu viele Details, und stellte die Frage, ob das denn wirklich nötig sei nur, um gesellschaftskritische Forschung zu betreiben.

Ich rufe Vater an, den alten NATO-Skeptiker.

»Ist das möglich, Vater?«

Er zögert ein wenig. »Es sind neue Zeiten, mein Sohn. Aber ich bringe diesen Friedensforschern gewaltige Achtung entgegen.«

»Ja?«

»Ja.«

Ich lege auf, verwirrt darüber, dass es zu keiner größeren Diskussion gekommen ist. Dass sich die Argumentation im Urteil in den Schwanz beißt, ist offenkundig. Etwas an diesen Prozessen und ihrer Sprache ist unheimlich. Ein Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, ein anderes Stück Norwegen, von dem ich nichts weiß. Dass normale, intelligente Menschen auch in Norwegen zu Dissidenten werden, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein sowjetischer Dissident ist ein Held. Ein norwegischer Dissident ist ein potenzieller Kommunist und eine Gefahr für das Land.

Ab und zu, am frühen Morgen, wenn ich unten am Anleger stehe und auf die Søgne warte, kann ich schwere Militärflugzeuge sehen, oft Herkulesmaschinen, die leise im Tiefflug über die Insel jagen. Es kann ein Dienstag oder ein Freitag sein. Nie ein Wochenende. Aber die Flüge kommen mit einem fast unmerklichen Summen von Lyngør herüber. Erst klingt es, als ob man an einer Angelrute die Schnur einholt. Später wird das Geräusch nähmaschinenartig, ehe es wie ein heißer Hauch von etwas Gefährlichem wirkt, etwas Stillem, etwas Unwirklichem, etwas Verdecktem: »Sieh mich nicht, aber wenn du mich gesehen hast, dann vergiss lieber nicht, dass es mich gibt.«

Als führte Misstrauen gegen das System zu Ohnmacht. In Oslo und draußen auf Sandøya spreche ich mit anderen über die unbegreifliche Servilität der Politiker. Wo steckt Gro? Was will sie gegen die nukleare Aufrüstung und die Stationierung von Atomwaffen in Norwegen unternehmen? Wo bleibt die Linke? Traut sich denn niemand mehr, über die NATO zu reden? Was passiert mit allen Gegnern? Soll Ronald Reagan allein entscheiden, welche Waffen auf norwegischem Boden gelagert werden?

Eine von den jungen Zugezogenen auf Sandøya kommt an die Tür und will reden. Wissen wir nicht, was passiert? Haben wir nicht von Eva Nordland gehört? Oder von Rachel Pedersen und Wenche Søranger? Wir, die hier in die Schären gezogen sind, um unser eigenes Leben aufzubauen, wollen wir uns denn ganz und gar aus der Gesellschaft abmelden? Unsere Kartoffeln ausmachen und in den Kochtopf legen ohne einen einzigen Gedanken daran, was ansonsten in der Welt vor sich geht?

Es ist die Frau aus Pasvik, die nun an unserem Esstisch sitzt und agitiert. Ist es ihre Herkunft, so weit aus dem Nordosten, wie man in Norwegen überhaupt kommen kann, die sie so stark macht? Sie ist blond und schön, ist mit ihrer Familie hergekommen. Sie studiert Medizin, ich nehme sie im Auto oft mit nach Oslo. Einmal habe ich sie gefragt, wie sie nach Sandøya gefunden hat. »Ich habe etwas gelesen, was du in der Zeitung gesagt hattest«, antwortete sie. Das machte mir Angst. Dann war ich es, der einer Erwartung entsprechen musste. Was hatte ich gesagt? Etwas Unverbindliches darüber, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben, die eigenen Fische zu fangen, selber Kartoffeln zu setzen? Mir ging doch kaum je ein Kabeljau an den Haken. Das sagte ich zu ihr. Da lachte sie: »Die Verantwortung für mein Leben brauchst du nicht zu übernehmen.«

Nun waren ein paar Monate vergangen, es hatte einige Autofahrten gegeben, einige Begegnungen unterwegs. Die neu Zugezogenen sind so intensiv, ein bisschen jünger als wir, sie hören seltsame neue Künstler wie Prince auf den Festen, die wir arrangieren. Die Frau aus Pasvik sitzt an unserem Tisch, die Junisonne fällt durch das kleinsprossige Fenster und trifft auf ihre langen Haare. Mir kommt plötzlich ein trostloser Gedanke. Das wäre ja was, wenn ich mich verliebte! Ich sitze da und sehe ihre Hände an, wie diese die ganze Zeit versuchen, den Pony aus ihrer Stirn zu streichen, was Tante Svanhild gefallen würde. Nackte Stirnen. Die haben etwas so Schutzloses. Ihre Worte erinnern mich an unser Projekt hier draußen am Meer: nicht in festgelegten Mustern zu erstarren, nicht zu heiraten, sondern an die Freiheit zu glauben. Sie spricht über die Freiheit, sich für Frieden zu entscheiden, über das wichtige Treffen im November des vergangenen Jahres, als Pedersen und Søranger Kontakt zu Eva Nordland aufgenommen hatten, der bedeutenden Autorin, Pädagogin und Friedensaktivistin, die seit so vielen Jahren für den »kultivierten Menschen« kämpfte, den Menschen als Teil einer tieferen Gemeinschaft. Es sollte mit der Schulpolitik anfangen: »Der Mensch muss jetzt in eine Phase eintreten, in der größeres Gewicht auf seine sozialen und künstlerischen Aspekte und Möglichkeiten gelegt wird.« Als eine der Initiatorinnen der gemeinsamen neunjährigen Grundschule stand sie mitten in der gesellschaftlichen Diskussion.

Das Treffen im November trug dazu bei, die neuen Organisationen Nein zu Atomwaffen und Frauen für Frieden zu festigen. Die Frau aus Pasvik zeichnet und erzählt. Sie kam aus einer kleinen Gemeinschaft und wollte in einer anderen kleinen Gemeinschaft leben. Wir sitzen da und hören zu, die Andere und ich. Ja, was denkt die Andere? Sie hört das hier ja nicht zum ersten Mal. Sie und Tores Freundin haben über diese Friedensdemos gesprochen. Gleich vor dem Johannistag werden sich 3000 Menschen, vor allem Frauen, in Kopenhagen versammeln, um den Friedensmarsch nach Paris anzutreten. Das Bild der Frau aus Pasvik vermischt sich mit den tatsächlichen Informationen. Ihr Wunsch, daran teilzunehmen, alle zum Teilnehmen zu bewegen. Die Sonne trifft auf ihre Haare. Die Hand, oben an der Stirn, schiebt die Haare zur Seite. Die blauen Augen, die in unsere Gesichter starren.

Mehrere Tausend wandern durch Kopenhagen und dann zur Fähre nach Puttgarden. Auch einige Männer. In Deutschland wird es schwieriger. Das Land hat Atomkraftwerke. Das Land unterstützt die NATO. Nie wieder Krieg, solange man Atomwaffen besitzt. Aber diese schlängelnde Bewegung ist eine Versammlung von Einzelmenschen, die dasselbe wollen. Draußen in den Kulissen sitzen die Reaktionäre, die das lächerlich machen wollen, die Menstruationswitze erzählen, Blondinenwitze. Ich begegne ihnen, auf der Insel und in Oslo. Wie Ole auf hundert Meter Entfernung eine Feministin erkennen kann, erkenne ich einen Anti-Feministen auf noch größere Entfernung. Eines Abends, nach einigen Stunden im Studio, sitze ich mit Mutter in der Küche, sehe, wie erregt sie ist.

»Ich wäre gern bei dem Friedensmarsch dabei, Ketil.«

Ich glaube ihr. Ich fragte nicht, warum sie nicht geht. Es ist ihre Entscheidung. Tante Svanhild geht es schlechter. Mutter will in der Nähe sein, damit sie weiß, dass sie helfen kann. Ich frage mich, warum ich nicht gehe.

Die Frauen gehen. Der Kampf gegen Atomwaffen. Allein schon die Stationierung und der Bau der Lagerstätten sind eine Bedrohung. Es ist ein Marsch für die Zukunft der Kinder. Der Enkelkinder. Der Kinder der Enkelkinder.

In der Bar des Ambassadør sitzt einer der fetten Radioflaneure des NRK bei einem Whisky und macht sich lustig über die Feministinnen der siebziger Jahre, er hatte doch gehofft, wir seien fertig mit denen.

»Kennst du den Witz über die Braut, die nackt aus der Wohnung kommt, um den Müll in den Schacht auf der anderen Seite des Ganges zu werfen?«

»Das reicht«, sage ich.

Aber etwas ist passiert. Ein sechs Wochen langer Marsch. 1100 Kilometer. In Paris gibt es 20 000 Teilnehmerinnen. Frauen aus aller Welt. Französische Zeitungen, die nur ausnahmsweise über Atomwaffen schreiben, ermöglichen Diskussionen. Olof Palme, der in Paris weilt, erinnert daran, dass die Supermächte mehr als 50 000 tödliche Waffen besitzen. Die sowjetische Botschaft in Paris lädt die Initiatorinnen des Marsches zu einem Empfang ein, und Breschnew schickt aus dem Kreml ein Telegramm: »Es ist möglich, mit dem Abbau von Atomwaffen in Ost und West zu beginnen, wenn auf beiden Seiten der Wille vorhanden ist.« Reagan schickt nichts, aber die US-Botschaft ist dennoch bereit, zwei Vertreterinnen zu treffen. Rachel Pedersen und Eva Nordland wird klargemacht, dass das Militär der USA mit all seinen Waffen zur Verteidigung gedacht ist und niemals zu etwas anderem eingesetzt werden wird.

Die Welt, die meine war

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