Читать книгу Die Welt, die meine war - Ketil Bjørnstad - Страница 9

5.

Оглавление

Ich sitze im Norum. An einem Dienstagabend im Januar sind nur sehr wenige Gäste in der Bar und fast keine im Restaurant. Ich setze mich allein an den Fenstertisch, an dem ich immer mit Ole gesessen habe. Die Kellnerin erinnert mich an Ingerid Vardund. Ich bestelle einen Aperitif, eine Flasche Rotwein und ein Filet Mignon.

Ich habe das Gefühl, nach der vergangenen Nacht noch immer nicht richtig aufgestanden zu sein. Wach zu liegen. Während alle anderen schlafen.

Ich denke an Tante Svanhild. Ich denke an Kjell Bækkelund. Zwei ungeheuer verschiedene Welten. Und ich stehe dazwischen. Das Einzige, was wir alle gemeinsam haben, ist die Musik.

Eine gute Stunde später stehe ich in einer Toilettenkabine unten im Keller und übergebe mich. Die widerlichen Sekunden, ehe der Körper bereit ist. Die Verwirrung in meinen Innereien, als ich den Finger in den Hals stecke. Der Versuch des Körpers, das zu verweigern, was das Gehirn ihm befiehlt. Dann spüre ich die Welle. Das befreiende Gefühl, wenn alles Essen wieder heraufkommt. Die schockierende Kraft der Kotze. Den widerlichen, sauren Geschmack. Den unerträglichen Geruch.

Das kommt von mir, denke ich. Nur von mir.

Als ich am nächsten Morgen nach Sandøya fahre, höre ich im Autoradio, dass Präsident Jimmy Carter weiterhin mit einem Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau droht. Er verlangt den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan innerhalb von vier Wochen. Aber die Besatzer sind noch immer im Land. Der norwegische Nachrichtensprecher ist nüchtern und scheinbar neutral. In Mekka haben die saudi-arabischen Behörden 63 Personen enthaupten lassen. In Indien ist Indira Gandhi zur Premierministerin gewählt worden. Danach ist in der Sendung Nitimen Kjell Edlund zu hören. Nach Chanson d’Amour in Acker Bilks schrecklicher Klarinettenversion erkenne ich Pink Floyd. Den aggressiven und zugleich so befreienden Jugendchor aus The Wall. Etwas einreißen. Sich nichts vorschreiben lassen. We don’t need no education. We don’t need no thought control. Eine Mauer, die eingerissen werden soll. Das Symbol ist so klar. Die Mauern, die deutlich aufragen in unserem Leben. In der Welt draußen. Ich versuche, mitzusingen. Aber es klingt einfach albern. »Scheiße!«, rufe ich plötzlich, mit einer Aggression, von der ich nicht weiß, wozu ich sie benutzen soll. Dann drehe ich das Radio aus.

Auf Sandøya laufe ich bis hinaus nach Klåholmen und über den äußeren Weg zurück nach Hella. Draußen am Strand schnuppere ich im Südwestwind, der plötzlich milderes Wetter bringt. Es ist so schön, einfach nur hier zu stehen, ohne einen einzigen Plan oder eine Idee im Kopf. Keine Zukunft und fast keine Vergangenheit. Ich betaste unter dem Jogginganzug meine Rippen. Im Haus steige ich auf die Waage. Noch ein Kilo ist von meinem Körper verschwunden. Beim bloßen Gedanken ans Abendessen möchte ich mich schon übergeben.

Die Schallplattenfirma hat mir die Pretenders geschickt. Zum ersten Mal höre ich Chrissie Hynde. Die dunkle, fast maskuline Stimme. Das aggressive Klangbild, die souveränen Melodien. Am selben Nachmittag gehe ich mit der Platte zu Birthe und Eyvind in die alte Schule. Es ist so schön, dass die beiden von jetzt an auf der Insel sein werden. Dass auch sie wirklich hier wohnen wollen. Im Winter waren wir knapp 250 Menschen. Jetzt sind wir 252.

Wir sitzen zusammen, den ganzen Abend. Wir reden über die Musikgruppe, die wir gründen wollen. Und über die Literaturgruppe. Den Filmclub. Die Filmvorführer von Norsk Bygdekino reisen durch das ganze Land. Warum können sie nicht auch nach Sandøya kommen? Doch, denke ich. Das hier ist doch die Welt. Unsere Welt. Mit dem Meer um uns herum, auf allen Seiten. Von hier aus können wir Amerika ins Schaukeln bringen. Der Abend wird lang. Es gibt so vieles, was wir einander vorspielen wollen. Wir sind doch nicht diesen weiten Weg gekommen, um uns voreinander zu verstecken.

Birthe und Eyvind tischen selbstgebackenes Brot, Butter, Käse und Rotwein auf. Ich kann es nicht lassen, die Butter dick zu schmieren.

Um ein Uhr nachts stehe ich vor dem Haus im Gebüsch und übergebe mich. Sie dürfen es nicht sehen. Es ist das zweite Mal an diesem Tag.

Die Welt, die meine war

Подняться наверх