Читать книгу Die Welt, die meine war - Ketil Bjørnstad - Страница 20
16.
ОглавлениеSeit Wochen warte ich schon auf Nachrichten aus Schweden. Tor Marcussen von Aftenposten ruft an und möchte ein Interview mit Lill Lindfors und mir in Verbindung mit der neuen LP, die nun gleichzeitig in allen nordischen Ländern veröffentlicht werden soll. Es ist schön, Lill wiederzusehen. Sie wirkt noch immer so begeistert von dem Projekt, aber im Gespräch mit Andreas Burman wird mir klar, dass Warner/ Metronome ihre Erwartungen heruntergeschraubt haben. Das hier sind nicht gerade die neuen ABBA. Nun hat auch die Marketingabteilung die Lieder gehört. Natürlich sind sie zu introvertiert, denke ich. Außerdem schreibe ich keine Melodien, die gleich beim ersten Hören haften bleiben. Sie brauchen Zeit. Sie sind zu rätselhaft. Aber wie soll man sich in der Welt der Popmusik Zeit verschaffen? Drei Minuten hier und drei Minuten da, in Konkurrenz zu allen anderen, die einen Platz in den Hitlisten anstreben.
Aber Lill lässt sich nichts anmerken.
»Ich bin verdammt stolz auf diese Scheibe«, sagt sie zu Tor und umarmt mich.
Später sehe ich die Bilder in den Zeitungen.
So dünn war ich noch nie.
Ich muss es der Anderen erzählen. 10 000 Exemplare ist nicht schlecht, aber Millionär wird man nicht davon. Wir hatten ohnehin nicht nach Holmenkollåsen ziehen und uns eine Villa mit Swimming Pool zulegen wollen. Ich sitze auf dem Plumpsklo auf Sandøya und denke, dass ich immer hier wohnen will. Ich darf das niemals vergessen. Darf mich nie in etwas anderes verirren, etwas Idiotisches, wie es so viele meiner Kollegen bereits getan haben. Will an diesem Leben festhalten. Muss daran festhalten. Und im Garten wächst Grünkohl. Ich habe sogar Kartoffeln ausgemacht.
Wieder zurück. Nichts ist wie das hier. Nichts. Ich muss das denken. Muss es spüren.
Ich gehe über den Hofplatz zu Tore. Ich höre, dass er im Wohnzimmer sitzt und Trompete bläst.
»Störe ich?«, frage ich.
»Nimmermehr«, sagt er und blickt mich fragend an.
»Siehst du den Sternenhimmel?«
Er macht einige Schritte in die Dunkelheit.
»Ach, meine Güte.«
»Weißt du noch, in alten Tagen?«
»Wie meinst du das?«
»Du bist mit mir mit der Schnicke nach Båen gefahren. Und noch weiter hinaus. Und da draußen hast du den Motor ausgeschaltet. Weißt du noch?«
»Klar, weiß ich noch.«
»Wir haben uns im Boot auf den Boden gelegt und zu den Sternen geschaut. Wir haben die Wellen unter uns gespürt. Weißt du noch, was wir gesehen haben?«
»Dass wir mitten in der Zeit waren. Unserer eigenen Zeit.«
»Genau.«
Tore lächelt. »Dann zieh dir was an. Jetzt ist es kalt draußen auf dem Meer.«
In den USA sind Präsidentschaftswahlen. Ich werde in der Bar des Doktor Holms Hotell in Geilo auf einem weißen Flügel spielen. Die liebenswürdige Direktorin. Obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, wem das Hotel gehört. Jedenfalls nimmt sie mich herzlich auf, als wäre ich einer ihrer Stammgäste aus Vestre Aker.
»Hat der Herr Pianist bereits gespeist?«
»Ich speise gern nach dem Konzert«, sage ich.
»Wir haben Rentier von der Hardangervidda auf der Speisekarte«, sagt sie und zwinkert mir zu. »Und vielleicht eine Flasche guten Burgunder?«
»Da sage ich nicht nein.«
In der Welt passiert etwas. Etwas Wichtiges. Das Land, das sich stolz als beste Demokratie der Welt betrachtet, setzt alles auf einen Mann, gibt ihm mehr Macht als jedem anderen auf der Welt. Carter gegen Reagan. Liegt es nur daran, dass wir ein neues Jahrzehnt begonnen haben, dass ich das Gefühl habe, an einem Kreuzweg zu stehen, dass sich etwas ändert, dass die Menschen sich ändern. Als die siebziger Jahre anbrachen, war ich so jung. Ich hatte das Gefühl, dass wir eine enorme Freiheit besaßen. Unser einziges Problem war, wie wir sie nutzen sollen. Jetzt hatten wir sie genutzt, jetzt hatten wir gewählt. Obwohl ich immer noch nicht entschieden habe, was ich werden will. Ich mache Musik und ich schreibe, genau wie früher. Ist es nicht bald an der Zeit, Lokführer bei der Bergenbahn zu werden?
Aber in der Welt sind nicht alle auf die gleiche Weise frei. Die Jagd nach dem Geld ist jetzt deutlicher. Man darf sein Leben nicht mit Jazz, Liedermacherei und Romanen verplempern. Man braucht Kapital, größere Häuser, schnellere Wagen, Geld auf dem Konto. Zurück zu Smokings, weißen Hemden und Fliegen. Lebwohl Sigrun Berg und die lila Schals. Eine neue Zeit zieht herauf. Die jungen Schnösel im Anzug. Young Aspiring Professionals? Einige sitzen bereits in dem Bereich der Bar, wo der Flügel steht. »Wolltest du nicht immer schon Barpianist werden, Ketil?«, fragte Paul, als er mich wegen dieses Auftritts anrief. Er wusste nicht, dass er damit fast ins Schwarze getroffen hatte. Meine Rolle finden, als Mussikant zwischen Bier-, Wein- und Schnapsgläser gleiten, Narkosemusik für die Ehrgeizigen spielen. Ihnen I’m in the Mood For Love geben, oder, vielleicht noch besser: Ain’t misbehavin’. Dasitzen wie Fats Waller mit Schuhcreme im Gesicht und dem Gefühl, besser zu sein, es geschafft zu haben. Das war plötzlich so verlockend. Bei der freundlichen Frau Holm ein bescheidenes Zimmer beziehen und zu ihrem festen Barpianisten werden, einem Teil der Einrichtung. 25 Standardstücke einstudieren, mich wieder fett fressen, genau wie die Brauseböcke, die auf die Alm wollten. In Geilo fett werden. Den Verfall einsetzen lassen, das Wohlleben in allen Formen willkommen heißen, am Fenster sitzen und auf die Slalomhänge schauen, wo die Leute auf den Loipen auf und ab jagen, am Ende der Mittagszeit ins Restaurant gehen und die Reste essen, Schweinerippe, Soße und Kartoffeln, wie unbeschreiblich verlockend. Kein neues Dach auf das Haus legen müssen, der Anderen sagen, dass auch sie hier herzlich willkommen ist, dass sie ein aktives Freiluftleben führen kann, sich eine kleine Holzhütte zulegen, wo der Webstuhl steht, dass unsere Beziehung weitergeht, nur in ganz neuen Formen.
»Und in was für Gedanken ist der Herr versunken?«, fragt Frau Holm.
»Wann das Konzert losgehen soll.«
»Das geht jetzt los.«
»Jetzt?«
Sie nickt, ein bisschen traurig. In der Bar sitzen elf Menschen. Vier von ihnen sind offensichtlich Makler oder Investoren. Sie sitzen vor dem teuersten Rotwein und reden leise miteinander, haben Papierstapel auf dem Tisch liegen. Dann sind da zwei wohlhabende Ehepaare, die aus den Häusern in Ustaoset oder den Privatsuiten ganz oben im Hotel hergekommen sind. Die Männer tragen grünkarierte Hosen und blaue Jacken. Die Damen sind entweder lachsrosa oder türkis mit dem schwersten Goldschmuck von David Andersen. Ein Komiker auf dem absteigenden Ast sitzt erschöpft da und trinkt Gin Tonic mit einem viel zu jungen Mädchen aus dem Ort. Er erzählt ihr die ältesten Witze aus der großen Zeit des NRK in den fünfziger Jahren. Beide lachen laut über die Glanznummern von Einar Rose und Arvid Nilssen.
Und dann ist da noch die eine, die dort sitzt, ganz allein.
Ich würde gern zu ihr gehen und sagen, dass das hier kein Konzert von Ole Paus ist, dass es sogar ziemlich langweilig werden wird, dass der Flügel nicht gestimmt ist und außerdem zu stark intoniert. Der Klang ist so formlos wie die Schafswolle, aus der die Hammerköpfe gemacht sind. Aber das tue ich nicht.
Das Konzert beginnt. Ich weiß nie, was ich spielen soll. Drücke auf einige Tasten und lausche. Die Art, wie das Instrument mir antwortet, entscheidet, was es für ein Konzert wird. Wenn das Instrument aggressiv ist, ein wenig hysterisch, überempfindlich, wenn es bespielt wird, versuche ich, es zu beruhigen nach einigen Minuten heftigen Streits. Ist der Flügel, oder ab und zu das Klavier, von der zurückhaltenden Sorte, versuche ich mich respektvoll an einer Art Vertraulichkeit, erzähle Geschichten, die nicht zu anstößig oder nervenaufreibend sind. Aber der Flügel im Doktor Holms ist eingeschlafen. Ich versuche, ihn zu wecken, aber das bringt nichts. Also spiele ich Wiegenlieder. Die passen zu den vier Anzugmännern, die sich lautstark unterhalten. Einer der Wohlhabenden bedeutet ihnen zu schweigen, aber das nutzt nichts. Erst, als ich fast mit Spielen aufhöre, werden sie leise. Stille kann eine effektive Waffe sein.
Danach bleibt die gesamte Zuhörerschar sitzen und trinkt weiter. Nur die einsame Frau erhebt sich und geht mit einem eiligen Danke hinaus in die Novembernacht. Als ich sie verschwinden sah, fragte ich mich: Habe ich etwas vermitteln können? Ist sie mir in dieser Stunde gefolgt? Kannte sie meine Musik bereits? Hatte sie einige von meinen Büchern gelesen? Habe ich ihre Erwartungen erfüllt?
Ich hatte keine Ahnung. Die liebenswürdige Hoteldirektorin setzte mich im Restaurant an einen Ecktisch. Die Rotweinflasche stand da. Das Menü war bereits festgelegt.
»Wo sind die Leute alle?«, fragte ich leicht verwirrt.
»Ach, die sitzen sicher zu Hause vor dem Fernseher. Heute Nacht wird doch Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt. Muss man sich mal vorstellen. Nichts wird mehr so sein wie bisher.«
»Wieso das denn?«
»Bildung allein reicht nicht, junger Mann. Man braucht auch Klasse. Hat Ihnen der Flügel gefallen? Toralv Maurstad hat darauf gespielt.«
»Der ist Schauspieler.«
»Ja, aber trotzdem.«
»Der Flügel hat geschlafen«, sage ich höflich. »Ich weiß nicht, ob es ihm recht war, von mir geweckt zu werden.«
»Sie haben fabelhaft gespielt, junger Mann. Das war eines der denkwürdigsten Konzerte in der Geschichte dieses Hotels.«
Ich nahm den Rest der Rotweinflasche mit aufs Zimmer. Zum Glück gab es dort Fernsehen und Radio. Später am Abend und bis in den frühen Morgen würde es Sondersendungen geben.
Magie zu wirken, Alchimist zu sein, aus Nichts Gold zu machen. Das schafften die Hoteldirektorin und Ronald Reagan. Die Begeisterung der Hoteldirektorin griff auf die Gäste über. Sie konnte mir fast einreden, dass ich ein gutes Konzert gegeben hatte.
Aber nun war Ronald Reagan an der Reihe. Nach all dem Rotwein konnte ich mich auf verblüffende Weise mit ihm vergleichen. Dieses Gefühl, das so viele von uns haben: Dass wir niemals wirklich ernstgenommen werden. Die seriösesten und zugleich aufgeblasensten politischen Journalisten trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, dass Reagan die Vorwahlen gewann. Aber Himmel? Ist das denn die Möglichkeit? Hat er wirklich …?! Sollte der denn …? Aber Himmel. Aber Himmelarsch!!!
Ja, er hatte. Und im Laufe dieser Nacht sollte er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden.
Damit war die Ähnlichkeit verschwunden. Reagan würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach ins Oval Office begeben. Ich dagegen im Kino von Sandvika einen Soloauftritt haben.
Und an allem waren diese neunzig Kommandosoldaten schuld. Wussten sie, als sie sich an jenem Tag im April, am Tag vor meinem 28. Geburtstag, in ihre Hubschrauber und Hercules-Flugzeuge setzten, dass das, was sie jetzt vorhatten, darüber entschied, wer in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus sitzen würde? Wenn es ihnen gelungen wäre, die Geiseln aus der Botschaft in Teheran zu befreien, hätte in dieser Nacht vermutlich Jimmy Carter den Sieg davongetragen. Was hätte das für die Welt bedeutet, für uns alle? Ich lag im Bett und dachte die großen apokalyptischen Gedanken. Die Übelkeit kam wie eine Mahnung. Natürlich. Ich hatte ja das Kotzen vergessen.