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Teil I Lernen

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Lernen gehört zweifelsohne zu den charakteristischen Aktivitäten des Menschen. Ohne das Erlernen kultureller Fertigkeiten, konsensfähiger Verhaltensnormen sowie spezifischer Sachverhalte und Überzeugungen wäre es dem Menschen nicht möglich, sich erfolgreich an die Erfordernisse einer Gesellschaft oder einer menschlichen Kultur anzupassen. Die Fähigkeit zum Lernen ist deshalb das entscheidende Potenzial des Menschen, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Um dieses Potenzial zu nutzen und weiterzuentwickeln, haben nicht erst die modernen Industrienationen eigene Bildungssysteme geschaffen. Diese Systeme ermöglichen und optimieren das Erlernen der von der jeweiligen Kultur für notwendig erachteten Fertigkeiten, Kenntnisse, Normen und Überzeugungen.

Doch worin genau besteht die »Lernfähigkeit« des Menschen? Was ist Lernen? Welche individuellen Bedingungen sind für den Erfolg von Lernen verantwortlich? Was sind die Folgen gelungenen Lernens? Welches sind die Begabungs- und die Entwicklungsvoraussetzungen erfolgreichen Lernens?

All diese Fragen werden im ersten Teil dieses Buches aufgeworfen. Die Antworten erfolgen auf der Basis der Befunde einer weit über 100-jährigen psychologischen Lernforschung. Die Perspektive, aus der wir unsere Antworten entwickeln, ist dabei die der erfolgreich lernenden Person. Im Gegensatz zu traditionellen Darstellungen zum Thema Lernen wird den behavioristischen Grundlagentheorien (auch Konditionierungs- oder Reiz-Reaktions-Theorien genannt) vergleichsweise wenig Raum gegeben. Sie haben sich in der Vergangenheit zwar als nützlich erwiesen, um Lernen zu erklären, jedoch in einem viel bescheideneren Maße als lange Zeit angenommen zur Verbesserung des Lernens in Schule, Aus- und Weiterbildung beigetragen. In dieser Hinsicht sind kognitionspsychologische Ansätze sehr viel erfolgreicher. Sie sind geeignet, komplexe Lernleistungen und Prinzipien der Wissensorganisation und -nutzung in so vielfältigen Bereichen wie der Mathematik und den Naturwissenschaften sowie den Sprach- und Geisteswissenschaften so zu beschreiben und zu erklären, dass sich daraus Schlussfolgerungen auch für das Alltagslernen ergeben. Deshalb wird der Darstellung der kognitionspsychologischen Ansätze und der durch sie eröffneten Möglichkeiten deutlich mehr Platz eingeräumt als den sogenannten klassischen Lerntheorien.

Teil I dieses Lehrbuchs besteht aus vier Kapiteln:

1. Auffassungen über Lernen

2. Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung

3. Ergebnisse erfolgreichen Lernens

4. Besonderheiten des Lernens

In Kapitel 1 werden die einflussreichsten Antworten auf die Frage »Was ist Lernen?« nachgezeichnet. Trotz weitgehender Übereinstimmung, dass Lernen immer etwas mit der Veränderung von Verhalten oder von Verhaltensmöglichkeiten zu tun hat, wird zu zeigen sein, dass diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob wir uns für die direkt beobachtbaren Verhaltensänderungen oder aber für die nicht direkt beobachtbaren Veränderungen »im Kopf« von Lernenden interessieren und ob wir uns eher an den Inhalten oder an den Prozessen des Lernens, eher an den Gemeinsamkeiten oder eher an den Unterschieden zwischen Lernenden orientieren. In unserer Darstellung wird den nicht direkt beobachtbaren Veränderungen »im Kopf« der Lernenden und den Prozessen des Lernens unter Berücksichtigung interindividueller Unterschiede besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie sind für die Gestaltung und Optimierung des institutionellen Lernens in Schul- und Bildungssystemen von entscheidender Bedeutung.

Kapitel 2 kann als Schlüsselkapitel für die von uns vertretene Sichtweise des Lernens aufgefasst werden. Hier wird Lernen aus der Perspektive einer »guten Informationsverarbeitung« (Pressley, Borkowski & Schneider, 1989) beschrieben. Gute Informationsverarbeitung beruht auf einer Reihe individueller Voraussetzungen. Die wichtigsten dieser Voraussetzungen haben wir in einem Modell der INdividuellen VOraussetzungen erfolgreichen Lernens (kurz: INVO-Modell) beschrieben. Das INVO-Modell orientiert sich am erfolgreichen individuellen Lernen und fokussiert die dazu beitragenden individuellen Voraussetzungen. Es ist ein idealer Orientierungsrahmen zur Beschreibung, Erklärung und Optimierung von Lernprozessen.

Mit den Lernergebnissen, also den Konsequenzen und dem Nutzen eines erfolgreichen Lernens für den einzelnen Lernenden, beschäftigt sich Kapitel 3. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Grundlagen und Ziele erfolgreichen Lernens, nämlich der Erwerb basaler Fertigkeiten und bereichsspezifischer Expertise sowie der Aufbau inhaltsübergreifender Kompetenzen, in systematischer Weise mit den Prinzipien guter Informationsverarbeitung zusammenhängen.

Das erreichbare Ausmaß erfolgreichen Lernens hängt von individuellen Besonderheiten der Begabungen und vom erreichten Entwicklungsstand ab. Mit einigen allgemeinen Entwicklungsvoraussetzungen und individuellen Lernbesonderheiten beschäftigt sich abschließend das Kapitel 4 dieses ersten Teils.

Pädagogische Psychologie

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