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Studie: Aggressives Verhalten durch Lernen am Modell
ОглавлениеBandura (1965) zeigte Kindergartenkindern einen Film, in dem eine erwachsene Person (ein Modell) eine lebensgroße Puppe handgreiflich traktierte und beschimpfte. Per Zufall waren die Kinder drei verschiedenen Versuchsbedingungen zugeteilt. Die Kinder der ersten Gruppe sahen im Filmverlauf, wie das aggressive Modell durch einen zweiten Erwachsenen gelobt und beschenkt wurde (positive Verstärkung). Die Kinder der zweiten Gruppe sahen, wie das Modell für sein Verhalten getadelt wurde (Bestrafung). Die Kinder der dritten Gruppe sahen nur das aggressive Verhalten des Modells, ohne dass es positive oder negative Verhaltenskonsequenzen gab. Nach der Darbietung des Films wurden die Kinder einzeln in ein Spielzimmer geführt, in dem sich u. a. auch eine Puppe befand, die der im Film gezeigten ähnelte. Jedes Kind wurde nun 10 Minuten allein gelassen, verbunden mit dem Angebot, spielen zu können, womit es wolle. Es zeigte sich, dass die Kinder der ersten und der dritten Gruppe häufiger das aggressive Modellverhalten imitierten als die Kinder der zweiten Gruppe.
Abschließend bot der Versuchsleiter allen Kindern für jede noch erinnerte aggressive Verhaltensweise aus dem Film eine Belohnung an. Die Kinder aller drei Gruppen zeigten nun gleich häufig sehr viele der aggressiven Verhaltensweisen. Bandura schlussfolgert, dass die Kinder in allen Gruppen durch Beobachtung gelernt hatten, und zwar unabhängig von den Verhaltenskonsequenzen des beobachteten Verhaltens. Ob sie die aggressiven Verhaltensweisen aber auch offen zeigten, hing von den Konsequenzen ab, die sie im Film beobachtet hatten.
Hatte Bandura in den 1960er Jahren seinen Ansatz noch als »sozio-behavioristisch« bezeichnet, so entfernte er sich später zunehmend von der behavioristischen Sichtweise. Der Hauptgrund hierfür war seine Überzeugung, dass es weder ausreichend noch erforderlich sei, externe Konsequenzen als wesentliche Determinanten menschlichen Verhaltens anzunehmen.
Das weithin akzeptierte Diktum, demzufolge der Mensch von Reaktionskonsequenzen regiert wird, trifft besser auf antizipierte als auf tatsächliche Konsequenzen zu. (Bandura, 1974, S. 860)
Die Überzeugung, dass Verhalten vor allem durch Denken und durch andere mentale Prozesse und Repräsentationen determiniert wird, wurde zur Grundlage der sozial-kognitiven Lerntheorie, mit der Bandura (1977b) sich endgültig vom Behaviorismus löste. Neben den Prinzipien des Modell-Lernens sind für die sozial-kognitive Lerntheorie Annahmen zu zwei weiteren Prozessen charakteristisch, die auch für kognitive Theorien des Wissenserwerbs ( Kap. 1.3) typisch sind: Dies ist zum einen die Annahme, dass wir unser Verhalten durch selbst erzeugte Anreize und Konsequenzen steuern und verändern können, was die Vorstellung einer reziproken Determiniertheit des Lernens (Umwelt und Selbst) impliziert. Die zweite Annahme besteht darin, dass der lernende Mensch Beobachtungen, Ereignisse und Erfahrungen zu symbolisieren und zu abstrahieren versteht und dass er diese Erfahrungen in seinem Gedächtnis festhalten bzw. repräsentieren kann, wodurch es ihm letztendlich möglich wird, ganz unabhängig von den aktuellen Sinneseindrücken und Reizzuständen nachzudenken, neue Ereignisse und Handlungen mental zu planen und schöpferisch tätig zu sein.