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Kernannahmen der konstruktivistischen Auffassung von Lernen
ОглавлениеAus den bisherigen Ausführungen dürfte bereits deutlich geworden sein, dass die konstruktivistische Auffassung von Wissenserwerb von einem individuellen Aufbauprozess (im Unterschied zu einem mechanischen Abbildungsprozess) ausgeht. Der Fokus liegt mehr auf dem Verstehen als auf dem Behalten von Information. Durch die Betonung des Verstehens stehen auch eher die Prozesse des Wissenserwerbs als die Formate der Wissensrepräsentation im Vordergrund des Interesses. Der lernende Mensch wird als zielgerichtet Handelnder aufgefasst, der aktiv nach Informationen sucht, diese vor dem Hintergrund seines Vorwissens interpretiert und daraus neue Konzepte und Auffassungen über die Wirklichkeit ableitet.
Auch in der kognitiv-konstruktivistischen Sichtweise wird Lernen als Informationsverarbeitung verstanden. Zugleich wird jedoch der individuelle und konstruktive Charakter des Wissensaufbaus hervorgehoben. Wissen wird nicht passiv aufgenommen oder erworben, sondern aktiv konstruiert. Durch seine Eigenaktivität konstruiert die lernende Person eine mentale (und notwendigerweise subjektive) Repräsentation der neuen Informationen. Subjektiv ist diese Wissenskonstruktion insofern, als es sich dabei stets um eine Interpretation und Bedeutungszuschreibung auf der Basis bereits bestehender Wissenselemente und Lernintentionen handelt. Die Hervorhebung des konstruktiven Elements lässt den Unterschied zu den frühen kognitionspsychologischen Lerntheorien deutlich werden: Dort wird Wissenserwerb eher im Sinne einer passiv-rezeptiven Aufzeichnung oder als kumulative Anhäufung von Informationsbausteinen verstanden. Gemäß der kognitiv-konstruktivistischen Vorstellung von Lernprozessen ist der Wissensaufbau aber ein aktiver Prozess, in dessen Verlauf Informationen interpretiert und akzentuiert werden. Subjektive Vorerfahrungen und Intentionen von Lernenden sind deshalb wesentliche Rahmenbedingungen des Wissensaufbaus.
In konstruktivistischen Ansätzen zum Lernen wird außerdem die Bedeutung der selbstverantwortlichen Überwachung und Kontrolle des eigenen Lernens betont. Solche unterstützenden Prozesse des aktiven Lernens werden seit den 1970er Jahren auch unter der Überschrift »Metakognition« erforscht. Unter Metakognition versteht man
eine Reihe von Phänomenen, Aktivitäten und Erfahrungen, die mit dem Wissen und der Kontrolle über eigene kognitive Funktionen (z. B. Lernen, Gedächtnis, Verstehen, Denken) zu tun haben. […] Metakognition hebt sich von anderen kognitiven Phänomenen insofern ab, als dass kognitive Zustände oder Funktionen die Objekte sind, über die reflektiert wird. Metakognitionen spielen im Lernprozess eine wesentliche Rolle, da sie […] auch Kontrollfunktionen übernehmen können, insbesondere die der Überwachung, der Steuerung und der Regulation. Die Fähigkeit über eigene Gedanken und eigenes Verhalten zu reflektieren spielt eine wichtige Rolle für ein planvolles und selbstregulatives Lernen. (Hasselhorn & Artelt, 2018, S. 520)
Van Kesteren und Meeter (2020) haben darauf hingewiesen, dass konstruierte Wissensstrukturen jede Form der Verarbeitung und Konsolidierung von Informationen unterstützen. Sie erlauben nicht nur, sich an Vergangenes zu erinnern, sondern leiten auch das aktuelle Verhalten und ermöglichen es uns, zukünftige Ereignisse vorherzusagen. Allerdings kommt es bei stark ausgebildeten Schemata auch immer wieder zu unerwünschten Nebeneffekten wie Fehlerinnerungen oder Fehlkonzepten. Van Kesteren und Meeter (2020) plädieren daher dafür, in pädagogischen Kontexten darauf zu achten, dass vorhandene Schemata immer wieder mit episodischen Wissensdetails abgeglichen werden, damit sie immer leistungsfähiger für das Begreifen der Welt und ihrer Bezüge werden.