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1.3 Lernen als Wissenserwerb
ОглавлениеDie im vorangegangenen Abschnitt skizzierte Auffassung von Lernen als Verhaltensänderung weist einige Begrenztheiten auf. Dazu gehört z. B. die Einschränkung, nur auf beobachtbares Verhalten zu fokussieren. Akademisches Lernen beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Erwerb spezifischer Fertigkeiten, die unmittelbar auf der Verhaltensebene sichtbar werden. Zu weit größeren Teilen besteht das schulische Lernen darin, sprachliche und mathematische Symbolsysteme zu verarbeiten und anzuwenden. In den 1960er Jahren wurden Modelle kognitiven Lernens entwickelt, in denen Annahmen über die inneren (mentalen) Prozesse und Mechanismen des Verstehens und Erinnerns von Informationen eine wichtige Rolle spielten. Man nennt diese Modelle auch Informationsverarbeitungsmodelle des menschlichen Gedächtnisses, weil sie neue Vorstellungen über die Strukturen und Funktionsweisen des menschlichen Gedächtnisses enthalten. Den mittlerweile zahlreichen Informationsverarbeitungsmodellen des menschlichen Gedächtnisses sind einige Grundannahmen gemein, die bereits in einem der ersten Modelle dieser Art von Atkinson und Shiffrin (1968) beschrieben wurden: Lernen beruht demnach auf einem Informationsfluss zwischen drei Hauptkomponenten des Gedächtnissystems – den sensorischen Registern, einem Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis und einem Langzeitgedächtnis ( Abb. 1.2).
Werden Umweltreize über die Sinnesorgane rezipiert und transformiert, dann werden sie über die Dauer der physikalischen Reizeinwirkung hinaus kurzzeitig in modalitätsspezifischen Sensorischen Registern (visuell, akustisch, haptisch, etc.) gehalten. Vermutlich werden bereits in diesem frühen Stadium der Reizrepräsentation bestimmte Merkmale dieser Reize (Informationen) extrahiert und auf der Grundlage der im Langzeitgedächtnis verfügbaren Wissensinhalte identifiziert und klassifiziert (zum Prozess der Musterkennung vgl. Crowder, 1976).
Abb. 1.2: Modell der menschlichen Informationsverarbeitung nach Atkinson und Shiffrin (1968)
Wird die so identifizierte Information im Weiteren beachtet, wird ihr also bewusst Aufmerksamkeit geschenkt, so gelangt sie in das Kurzzeitgedächtnis, das wegen seiner vielfältigen Funktionen bei komplexen Lernprozessen auch Arbeitsgedächtnis genannt wird. Im Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis wird die Information für kurze Zeit »festgehalten« und über mannigfaltige Verarbeitungs- und Kontrollprozesse im Abgleich mit den im Langzeitgedächtnis bereits vorhandenen Informationen bewertet, geordnet und transformiert. Wegen der engen Verzahnung von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis beim Erwerb neuen Wissens wird das Arbeitsgedächtnis bisweilen auch als aktivierter Teil des Langzeitgedächtnisses beschrieben (Cowan, 1988; Engle, Nations & Cantor, 1990).
Im Langzeitgedächtnis ist das überdauernde »Wissen über die Welt« gespeichert. Nach Tulving (1985) lassen sich wenigstens drei verschiedene Teile des Langzeitgedächtnisses unterscheiden, das semantische, das episodische und das prozedurale Gedächtnis. Das semantische Gedächtnis ist der Speicher, der das meiste schulisch erworbene Wissen enthält. Es besteht aus den Fakten, Konzepten, Prinzipien und Regeln, die wir kennen. Das episodische Gedächtnis bezieht sich dagegen auf die Erinnerungen an persönliche Erfahrungen. Man kann sich das vorstellen wie eine Art mentalen Film über Dinge, die wir gesehen und gehört haben. Das prozedurale Gedächtnis enthält Handlungswissen darüber, wie etwas gemacht wird. Es ist die Grundlage komplexer motorischer Fertigkeiten, wie sie z. B. beim Fahrradfahren, beim Tanzen oder beim Korbwurf im Basketballspiel ausgeführt werden.
Vor dem Hintergrund dieser Vorstellungen zur Struktur und Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses haben kognitive Lernforscher den Wissenserwerb beschrieben und erklärt. Die Grundideen ihrer Auffassungen von Lernen lassen sich anhand der Antworten auf die folgenden Fragen demonstrieren: Wie wird Wissen erworben? Wie ist erworbenes Wissen im Langzeitgedächtnis repräsentiert? Was erleichtert den Erwerb von Wissen? Was beeinträchtigt den Zugriff auf erworbenes Wissen? Wie lässt sich die Verfügbarkeit von Wissen erhöhen?