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Die Schematheorie von Bartlett
ОглавлениеDer im Zusammenhang mit den Repräsentationsformaten unseres Wissens im Langzeitgedächtnis bereits erwähnte Begriff des Schemas wurde ursprünglich von dem der Gestaltpsychologie nahestehenden Briten Frederic Bartlett (1932) eingeführt.
Unter einem Schema ist die aktive Organisation vergangener Reaktionen oder Erfahrungen zu verstehen, die dem Organismus eine gute Anpassung ermöglicht. […] Schemata sind seriell organisiert, wirken jedoch nicht unabhängig voneinander, sondern als einheitliche Masse. (Bartlett, 1932, S. 201)
Bartlett legt zwar keine Theorie des Wissenserwerbs vor, seine Ausführungen über die aktiven, hierarchisch organisierten Schemata, die sich aus den Reaktionen und Erfahrungen der Vergangenheit zusammensetzen, deuten jedoch bereits die konstruktivistische Natur des erworbenen Wissens an. Zu den bekanntesten empirischen Untersuchungen von Bartlett gehören seine Demonstrationen des rekonstruktiven Charakters des Verstehens und Behaltens von Texten. So gab Bartlett seinen Probanden z. B. einen Text vor, der von einer indianischen Sage handelt und einige Ereignisse enthält, die den Teilnehmern der Untersuchung fremd und unverständlich erscheinen mussten. Die anschließenden Wiedergaben des Textes durch die Untersuchungsteilnehmer wiesen deutliche quantitative und vor allem qualitative Unterschiede zum Original auf. Randständige und unpassend erscheinende Details wurden häufig weggelassen, andere wurden umgedeutet. Auf diese Weise wurde der unvertraute Inhalt »sinnvoller« gemacht. Bartlett nahm das als Beleg dafür, dass das Erinnern komplexer Textinformationen eher durch Rekonstruktions- als durch Reproduktionsprozesse geprägt sei. Die Interpretation und Repräsentation wahrgenommener Ereignisse und Sachverhalte werde wesentlich durch die bereits vorhandenen Schemata und Einstellungen bestimmt und geformt. Reizinformationen werden also nach Bartletts Vorstellungen nicht passiv aufgenommen, repräsentiert und verarbeitet. Sie werden vielmehr schemageleitet von Beginn an aktiv verarbeitet und in sehr subjektiver Weise transformiert.