Читать книгу Almas Rom - Patrizia Parolini - Страница 12
ОглавлениеVII
Alma und ihre Geschwister schliefen in einer der beiden Dachkammern. Diese waren über eine schiefe Steintreppe an der Aussenmauer des Hauses erreichbar, genauso wie das Klohäuschen am Ende des Holzstegs über dem Miststock. Alma erwachte viel zu früh, noch vor dem Ave Maria. Sie hörte die Esel schreien. Vogelgezwitscher. Dann Ruhe. Diese lähmende Stille. Erst das Meckern der Ziegen und das Schreien der Ziegenhirten beruhigten sie.
Es war Sonntag, und Alma, Irene und ihre Brüder waren mit Nazzarena, deren Eltern und Geschwistern und deren Familien auf dem Weg zum Gottesdienst. Alle drehten die Köpfe nach ihnen. Auch das konnte Alma nicht ausstehen. Dieses schreckliche Schaulaufen!
Frauen und Männer in ärmlicher Sonntagskleidung strömten zur Kirche. Die älteren Frauen in Schwarz mit Kopftuch, die jüngeren in langen Röcken und mit selbstgestrickten Umhängen über den Schultern. Die Männer in Gilet, Krawatte und Zylinder. Die wenigsten trugen die in der Stadt in Mode gekommene Melone.
Alma hatte ihr neues Kleid an. Es war aus weichem Baumwollstoff mit rot-schwarzem Karomuster und Bordüren aus schwarzem Samt. Mutter hatte es beim Schneider bestellt, weil sie, die älteste, hochgeschossen in den letzten Jahren, nichts Anständiges mehr anzuziehen gehabt hatte. In Rom gefiel sie sich darin, hier aber war ihr, als fiele sie aus dem Rahmen, was ihr gar nicht behagte. Alma schaute weder nach rechts noch nach links, als sie die Kirche betraten, sondern starr auf den Boden. Sie schloss dicht zu Nazzarena auf, hielt Rücken und Schultern gerade, so wie sie es von den Nonnen gelernt hatte, und kniff die Lippen zusammen. Nur nicht die Zähne zeigen, die hervorstehenden. Die neugierigen Blicke der jungen ciociari waren ihr unangenehm, und sie wagte erst wieder aufzuschauen, als sie sich in eine Kirchenbank gesetzt hatten. Ihr war heiss trotz der Kühle im Kircheninneren. Verunsichert wandte sie sich zu Pietro, der neben ihr sass, und nestelte an seinem Hemdkragen herum. Der Bruder wehrte sich sofort heftig.
Endlich! Die Kirchenorgel mit dem Eröffnungsstück. Don Innocenzo und die Messdiener erschienen, das Schwatzen verstummte und die Blicke der Gläubigen richteten sich nach vorn. Weihrauch strömte vom Altarraum in den bis auf den letzten Platz besetzten Kirchenraum.
Die Messe begann, und Alma versank in Gedanken. Sie malte sich die Rückkehr nach Rom aus. Am nächsten Tag würde das ganze Haus sauber gemacht, Vorräte würden bereitgestellt, die Sachen gepackt. Der blecherne Bottich, der neben dem Miststock stand und Regenwasser auffing, auf dessen Rand die Vögel frühmorgens fröhlich zwitschernd hin- und herhüpften, würde in die Küche gebracht. Mit warmem Seifenwasser würden sie den ganzen Staub und Dreck des Sommers abschrubben, bis ihre Haut rosig glänzte. Zuerst die Buben, dann sie und ihre Schwester.
Dann all die Leute, die kommen würden. Die ganze Verwandtschaft von Nazzarena, ihre Freundinnen, die Nachbarn und viele Bekannte. Das halbe Dorf. Die älteren Frauen würden die widerstrebenden Kleinen an die üppige Brust drücken, alle würden ihnen eine gute Heimreise wünschen und hoffen, dass sie das nächste Jahr wieder kommen würden.
Nur das nicht! Nächstes Jahr würde sie sich entschlossener dagegen wehren, aufs Land abgeschoben zu werden, schwor sich Alma. Am Tag darauf, morgens in aller Frühe, würden sie mit der klapprigen Kutsche ins Tal hinunterrattern, den Omnibus besteigen und später mit dem Zug in die Stadt zurückfahren. Sie freute sich auf den Moment, wenn sie in die Stazione Termini einfahren, mit der Kutsche die Piazza Santa Maria Maggiore überqueren und dann endlich in die Via Merulana einbiegen würden. Bei dieser Vorstellung kräuselten sich Almas Nackenhaare, und ein Strahlen huschte über ihr Gesicht.
Nach der Messe verliessen die Frauen die Pfarrkirche und eilten nach Hause an den Herd. Die Männer suchten die nächste Bar auf, bestellten Kaffee und Wein und begannen zu debattieren.