Читать книгу Almas Rom - Patrizia Parolini - Страница 20
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Die Frühschicht war vorbei. Alma legte die weisse Schürze mit den Spitzenbordüren ab, steckte eine widerspenstige Strähne in ihren Haarknoten und verliess den Laden, das mit Brot gefüllte Stoffbündel für das Frühstück in der Hand. Sie bog um die Ecke, sor Augusto war noch nicht da. Zum Glück. Sie mochte es nicht, wie er sie anguckte und Sprüche klopfte. Wie er Irene wegen ihres Fliegengewichts nur tre once e mezza libbra nannte – die halbe Portion – und Pietro er bello de Via Merulana – den Schönling. Ausgerechnet ihren Bruder, Pietraccio, der widerspenstigste von allen!
Sie blickte die Via Merulana hinunter und suchte den Zeitungsausläufer. Der junge Mann mit dem Strohhut über den dichten, schwarzen Haarlocken stand weit unten in der Strasse mitten in einer Traube Menschen und schwatzte und lachte und kam nicht voran. Er trug einen erdfarbenen, abgetragenen Anzug und einen grossen Lederbeutel mit den Zeitungen um den Hals. Sie stellte sich an und beobachtete, wie er geschickt, fast mechanisch Zeitung um Zeitung hervorklaubte, die cinque centesimi – die Fünf-Rappen-Stücke – entgegennahm und in die Hosentasche steckte. Gleichzeitig trug er Schlagzeilen vor und gab Klatsch zum Besten. Wenn er lachte, blitzten seine dunklen, lebhaften Augen auf. Die Leute strömten herbei, warteten und verschwanden wieder. Manche Begegnungen waren hitzig, andere lustig und alle kurz. Antonio hiess er, schnappte sie auf.
«Guten Tag, die junge Dame!», begrüsste er Alma fröhlich und deutete einen Knicks an. «In zwei Tagen wird der Leuchtturm auf dem Gianicolo eingeweiht. Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen!»
«Ah, ja», erwiderte Alma scheu und reichte ihm zwei cinque-centesimi-Stücke. «Il Giornale d’Italia und den Messaggero, bitte!»
«Ja, zum fünzigjährigen Jubiläum unseres Staates. Sein Lichtstrahl wird in den Farben der Nationalflagge über die Stadt hinweg blinken.»
Sie schaute ihn verzückt an.
«Und vergessen Sie nicht, heute Abend wird die principessa gefeiert – die Miss eures Quartiers.»
Sie nickte und spürte, wie sie rot anlief. Aufgeregt packte sie die Zeitungen, die er ihr hinhielt, sagte «Danke!» und drehte sich schnell um.
«Bittesehr, Signorina», hörte sie noch und spürte seinen aufmerksamen Blick in ihrem Rücken.