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6. Die Datierbarkeit biblischer Texte

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Literaturgeschichtliche Rekonstruktionen am Alten Testament gehen davon aus, dass dessen Texte – oder zumindest ein wichtiger Teil davon – datierbar sind. Da es keine Textzeugen der Hebräischen Bibel aus biblischer Zeit gibt (die Qumrantexte reichen für die jüngsten Bücher der Hebräischen Bibel, etwa das Danielbuch, bis auf wenige Jahrzehnte an den Zeitpunkt von deren literarischer Fertigstellung heran), ist man allein auf interne Beobachtungen angewiesen. Die Frage nach der Datierung biblischer Texte bleibt notorisch schwierig, ist oft nur in relativen Verhältnisbestimmungen vorzunehmen und lässt sich nur selten in klare absolute historische Einordnungen überführen, da die Texte selber über ihre Entstehungszeit entweder schweigen oder nur kritisch zu evaluierende Angaben darüber machen. Es lässt sich aber feststellen, dass sich die Sachlagen in den drei Teilen des hebräischen Bibelkanons unterschiedlich verhalten. Die historische Verortung biblischer Texte dürfte im Bereich der Prophetenbücher vergleichsweise am klarsten vorzunehmen zu sein. Das hängt damit zusammen, dass die Prophetenbücher am ehesten so etwas wie literaturgeschichtliche »Leitfossilien«16 zu erkennen geben, die sich aufgrund bestimmter politisch-theologischer Prägungen als solche sortieren lassen. So bieten etwa die Erwartung eines umfassenden kosmischen Weltgerichts, die Unterscheidung von Frevlern und Frommen, die Bevorzugung der Abkömmlinge der ersten Gola (der Deportation Jojachins und seiner Gefolgschaft 597 v. Chr.) gegenüber den damals im Land Verbliebenen oder die »deuteronomistische« Interpretation der Schuldgeschichte Israels recht klare Zuordnungsmerkmale prophetischer Texte zu bestimmten politischen oder sozialgeschichtlichen Problemlagen aus der Geschichte Israels und Judas: Die Vorstellung eines kosmischen Weltgerichts setzt den Zusammenbruch des weltumspannenden Perserreichs voraus, die Unterscheidung von Frevlern und Frommen die Aufkündigung der noch bis in die späte Perserzeit supponierten Einheit des Gottesvolks, die Favorisierung der Jojachin-Gola widerspiegelt Konflikte der frühpersischen Zeit zwischen Heimkehrern und im Land Verbliebenen und die »deuteronomistische« Geschichtstheologie gehört in die Zeit nach dem Untergang Judas und Jerusalems.

Anders verhält es sich im Bereich des Pentateuchs und der Geschichtsbücher. Sie sind zwar reich an geschichtlichen Aussagen. Aber diese gehören nicht in die Welt des Erzählten, sondern des Erzählers und bedienen deswegen in der Regel nicht das Interesse des historischen Zugriffs. Das gilt zwar auch für die prophetische Literatur, doch ist deren erzählte Welt nicht zusätzlich in die mythische Ursprungszeit Israels zurückversetzt. Eben aufgrund des Umstands, dass die erzählte Welt von Pentateuch und Geschichtsbüchern eine derart starke Eigenprägung mit sich bringt, versagen die an der prophetischen Literatur gewonnenen Instrumente zur historischen Einordnung der Texte mitunter. Die literaturgeschichtlichen »Leitfossilien« lassen sich aber hinter ihren mythischen Einkleidungen, die kritisch analysiert werden müssen, durchaus noch erkennen. Einen zentralen Datierungsanhaltspunkt im Pentateuch bietet zudem nach wie vor der aufgrund neuassyrischer Aufnahmen in die spätvorexilische Zeit datierbare Kern des Deuteronomiums.17

Noch einmal andere Probleme stellen sich bei der historischen Interpretation der poetischen Bücher der Hebräischen Bibel, namentlich der Psalmen. Entsprechend ihren Gattung sind sie oft bewusst in überzeitlichen Formulierungen gestaltet worden, so dass hier absolute Datierungen in aller Regel überhaupt nur tentativ im Gefolge relativer Verhältnisbestimmungen zu anderen Teilen der biblischen Literatur möglich sind. In den Psalmen und in der Weisheitsliteratur finden sich allerdings hier und dort Hinweise auf einen sozialgeschichtlichen Hintergrund, der eine noch königszeitliche Entstehung bestimmter Textteile wahrscheinlich macht.18

Bei allen Schwierigkeiten ist aber festzuhalten, dass das methodische Instrumentarium der alttestamentlichen Wissenschaft zur literaturgeschichtlichen Einordnung biblischer Texte stark ausdifferenziert ist – es gehört zu den großen Errungenschaften im Bereich von Textexegesen überhaupt. Allerdings ist immer wieder zu beobachten, wie bestimmte Teilschritte der Methodik gegenüber anderen unsachgemäß privilegiert werden, was zu Verzerrungen in der literaturgeschichtlichen Urteilsbildung führt. Die grundsätzlich unbestrittene Interdependenz der verschiedenen Methodenschritte stellt eine Maxime dar, die in der Exegese wieder neu einzufordern ist, wobei namentlich zwei Aspekte hervorzuheben sind: Zum einen ist es unabdingbar, dass entstehungsgeschichtliche Rekonstruktionen inhaltlich und sachlich begründet werden, und zum anderen müssen die Plausibilitäten der verschiedenen Schritte explizit und selbstkritisch gewichtet werden. Andernfalls droht der alttestamentlichen Exegese sowohl die Marginalisierung im Bereich der Theologie als auch in demjenigen der antiken Philologien.

In neuerer Zeit wird für die Literatur der Hebräischen Bibel vermehrt die Frage linguistischer Datierungsmöglichkeiten diskutiert,19 doch ist die methodische Diskussion dazu noch nicht ausgereift. Zwar ist die in der Sache seit Wilhelm Gesenius erkannte Unterscheidung zwischen dem »Classical Biblical Hebrew« in Genesis bis 2Könige sowie in den großen Prophetenbüchern und dem »Late Biblical Hebrew« im Rahmen von chronistischem Geschichtswerk, Ester und Daniel sprachgeschichtlich wichtig, doch liefert sie keine absoluten Datierungshinweise, da die Verwendung von »Classical Biblical Hebrew« in bestimmten Texten nicht nur von einer bestimmten Entstehungszeit abhängt, sondern auch von den gewählten Genres und theologischen Positionen.

Die Welt der Hebräischen Bibel

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