Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 12

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Ich stolzierte in meinen weißen Pumps zur Straßenbahnhaltestelle beim Schloss Belvedere. Ich hatte den roten Ledergürtel eng um meine Taille geschlungen und seinen Zipfel keck am Rücken in den Riemen gesteckt. Der blauweiß geblümte Rock spielte um meine Knie wie eine pralle Blüte. Es war heiß, aber ich wollte zu Fuß in die Stadt. An der Mauer des Schloss Belvedere entlang klackerten meine Absätze übers Kopfsteinpflaster. Ein Lieferwagen fuhr die Straße hinauf, mir entgegen. Er bremste, zwei junge südländische Männer pfiffen und winkten mir aus dem offenen Fenster zu: Déjà-vu! Ich lächelte, hob den Kopf und setzte meinen Weg fort.

An der Ecke zum Caffè blieb ich stehen und öffnete einen Knopf an meiner Bluse, sodass sich die Spitzen meines mit schwarzem Faden bestickten BHs erahnen ließen.

Felix saß in einem breiten Korbstuhl und las ein Buch. Auf dem kleinen runden Tisch vor ihm stand eine Tasse Cappuccino, auf den Stuhl daneben hatte er seine schwarze Ledertasche abgestellt. Seine Arme ruhten auf den Lehnen, er hatte ein Bein übers andere geschlagen. Er saß aufrecht, aber keineswegs steif, nein, unglaublich locker und kraftvoll zugleich. Er wirkte entspannt, aber bereit, jede Sekunde aufzuspringen und aus voller Brust eine mitreißende Rede zu halten, einen Tango zu tanzen oder sich zu erheben, seine Arme auszubreiten und mit warmer, rauchiger Stimme zu sagen: »Negomi, gut schaust du aus. Setz‘ dich zu mir!« Er hatte sein graues Haar locker nach hinten gestrichen, seine Wangen waren glattrasiert, er trug sein Hemd oben aufgeknöpft, zwischen seinen Fingern steckte eine Zigarette. Er blickte auf, lächelte, legte sein Buch beiseite, drückte die Zigarette zu den anderen Stummeln in den Aschenbecher und breitete im Aufstehen die Arme aus - seine glatten Wangen rochen und schmeckten nach Parfum.

»Hier über dem Café hatte ich meine allererste Wohnung, als ich in den Siebzigern von Berlin nach Wien gekommen bin. Elf Zimmer, wunderschöne Stuckatur an den Decken, große Kassettenfenster und hohe Doppeltüren aus dunklem Holz. Ich habe mir die Wohnung mit einer befreundeten Schauspielerin geteilt. Hier sind wilde Partys gefeiert worden. Ich war selten dabei. Ich habe abends immer gespielt - oder geprobt. Wenn ich von den Vorstellungen oder Abendproben nach Hause kam, war meine Wohnung voll mit Menschen, die ich nicht kannte, und die nicht wussten, dass das meine Wohnung war. Es wurde gekifft und gesoffen bis in den Vormittag. Mir wurde es erst zu bunt, als ich eines Abends meine Zimmertür aufmachte, und zwei in meinem Bett gevögelt haben – naja«, er lächelte, »Aber jetzt erzähl’ mal, wie geht es dir bei den Proben?«

»Schlecht! Es nervt mich.«

»Was nervt dich daran?«, Felix beugte sich zu mir: seine Augen leuchteten wie Bernsteine, grünlich-goldbraun.

»Alles! Es ist einfach die totale Katastrophe!«

»Was darf es sein?« Ich erkannte die Kellnerin sofort wieder als die, die mich im vergangenen Sommer eifersüchtig gemacht hatte, weil Felix sie auf den Mund geküsst hatte. »Einen Cappuccino, bitte!«, sagte ich überschwänglich.

»Für mich auch noch einen!«, Felix stürzte schnell den letzten Schluck hinunter, »Bitte!«, er strahlte die Kellnerin an, sie schmunzelte und servierte die Tasse ab.

»Das ist Veronika, ich kenne sie schon länger, habe gleich Freundschaft mit ihr geschlossen, nachdem ich ein paar Mal hier war. Das ist seit einem Jahr mein Lieblingscafé. Also, wo waren wir stehen geblieben? Bei den schrecklichen Proben!«, er lachte mich an – sein Frohsinn war ansteckend, aber ich war verkrampft und konnte mich nicht lockern.

»Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt. Eigentlich bin ich schon viel zu lange unzufrieden, das Sommertheater ist nur noch das Tüpfelchen auf dem i.«

»Was hast du dir erwartet?«

»Ach, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!«

»Fang am besten am Anfang an!«

»Ich habe geglaubt, dass ich in der Schauspielschule auf Menschen treffe, die meine Leidenschaft fürs Schauspielen und fürs Theater teilen. Aber das war ein Irrtum. Die anderen in meinem Jahrgang interessieren sich nicht fürs Theater, die gehen nie ins Theater, sie lesen nichts übers Theater, aber sie wollen Schauspieler werden. Dabei wissen sie gar nicht, was das ist!«

»Was ist das denn?«, Felix schmunzelte.

»Das weiß ich nicht. Ich hätte es gerne herausgefunden. Aber die Lehrer! Die sind total daneben! Die haben keine Ahnung, was sie tun!«, ich bremste mich: Felix war Lehrer an dieser Schule, was, wenn er auf der Seite derer stand, denen ich Unfähigkeit vorwarf? Aber Felix' Strahlen war ungebrochen, er hörte mir aufmerksam zu, »Ich wollte Schauspielen lernen, aber alles, was wir dort tun, ist schwammiges Zeug. Ich wollte zu mir finden, zu meinen Quellen vorstoßen, aber ich habe mich in diesem Jahr immer weiter von mir entfernt. So viel Gerede und Übungen, die sich nur um sich selbst drehen und nicht zum Eigentlichen führen: zum Spielen! Ich wollte in Rollen schlüpfen, ich wollte in menschliche Schicksale eindringen, aber das ist auf dieser Schule nicht möglich. Die sind alle selbstherrlich. Schüler wie Lehrer sind permanent damit beschäftigt, sich selbst zu bespiegeln. Sie tun auf große Schauspieler, aber in Wahrheit verarschen sie sich nur. Die haben gar nichts drauf, das sind Schmieranten, die nie jemand engagiert! Am Sommertheater hängen sie wie Junkies an ihren Nadeln. Sie versuchen die Stimmung mit öden Witzen am Laufen zu halten, über die sie sich dann halb totlachen, weil sie gute Figur machen wollen, und um noch besser auszusehen, versuchen sie sich ständig mit noch dümmeren Witzen zu überbieten. Sie sind nie ernst, sie sind überhaupt nicht greifbar! Ich sitze mitten unter ihnen, wenn sie vor Lachen schreien und kreischen, und langweile mich zu Tode. Ich glaube, die machen nur deswegen am laufenden Band Witze, weil sie sonst von ihrer Blödheit innerlich aufgefressen würden.«

Felix lachte. Ich lachte auch, aber es schmerzte mich.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll. Das Ganze macht mich echt fertig.«

»Steig‘ aus!«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Aber ich will, was ich angefangen habe, auch zu Ende zu bringen. Wenn das Sommertheater vorbei ist, schaue ich weiter.«

Felix schwieg und lächelte. »Ich habe auch so meine Probleme mit dieser Schule.«

»Achso?«

»Die May hat mich gefragt, ob ich an ihrer Schule Dramatischen Unterricht geben will, vor allem Klassik, weil ich viele klassische Rollen an großen Theatern gespielt habe. Ich habe zugesagt, dachte mir, auf so einer kleinen Privat-Schule komme ich in engen Kontakt mit den Studenten und habe die Möglichkeit, mit ihnen intensiv zu arbeiten. Aber den Studenten des zweiten Jahrganges fehlten sogar die einfachsten Fertigkeiten, sie hatten von nichts eine Ahnung. Ich musste bei Adam und Eva anfangen, und damit waren alle meine Vorhaben vereitelt. Diese jungen Leute waren sprachlich und verstandesmäßig nicht in der Lage, klassische Texte zu lesen, sie stotterten und stammelten in schlechtem Deutsch daher, staksten und schlurften über die Bühne, dass mir Hören und Sehen verging.«

»Wieso hast du nicht hingeschmissen?«

»Ich habe mich schon gefragt, wo ich da gelandet bin. Aber die Studenten sind mir schnell ans Herz gewachsen, ich wollte sie nicht im Stich lassen. So habe ich eben mein Möglichstes getan. Die Unterrichtseinheiten waren viel zu kurz. Wann es nur ging, habe ich Sondereinheiten gemacht. Die May hat das gar nicht gerne gesehen. Sie will Abstand zu den Studenten halten, sie besteht darauf, dass alle sie siezen: das Du muss man sich bei ihr verdienen: dieser autoritäre Quatsch! Ich habe meine Studenten von Anfang an in den Arm genommen, habe mich für sie persönlich interessiert. Sie sollten mir vertrauen – ohne Vertrauen geht gar nichts! Die Studenten haben mir von ihren Sorgen erzählt, von ihren Träumen und Hoffnungen. Als Schauspieler gibst du alles von dir preis, du bist sehr verletzlich. Schauspielschüler muss man behutsam an diese für den Beruf notwendige Öffnung und Preisgabe ihrer selbst heranführen.«

»Wirst du weitermachen?«

»Ich fühle mich meinen Studenten mittlerweile verpflichtet. Wegen dem Geld mache ich das sicher nicht, das ist vernachlässigbar – sogar für einen wie mich. Aber ich habe jetzt ein Jahr mit ihnen verbracht und soll sie auch in ihrem letzten Jahr begleiten. Da geht alles nur um diese komische Abschlussprüfung. Die werden in drei Jahren durch eine teure Pseudo-Ausbildung gejagt und haben keine Ahnung, was sie in der Realität des Berufes erwartet. Was sie auf dieser Stümperschule lernen, dieses laienhafte Getue, brav Texte aufsagen und in netten Kostümen auf der Bühne herumhampeln, das wird ihnen in der Realität da draußen herzlich wenig helfen, da weht ein rauer Wind, da brauchst du ein verdammt gutes Rüstzeug. Ich starte gleich zu Jahresbeginn ein Projekt mit ihnen, bevor sie dann für die Prüfung auf Schiene gebracht werden. Ich will ihnen einen Eindruck davon vermitteln, was heute an den Theatern los ist. Aber ich weiß gar nicht, ob das Projekt wirklich stattfinden wird.«

»Wieso das?«

»Die May ist misstrauisch. Sie ruft mich alle paar Tage an und stellt mir komische Fragen. Ich glaube, sie will das Ganze hinauszögern oder abblasen. Sie sagt immer, ‚Ja, Ja, interessant!’, aber sie hat keine Ahnung, wovon ich spreche. Ich erwarte heute noch einen Anruf von ihr. Sie hat noch ‚ein paar organisatorische Fragen‘, hat sie gemeint.«

»Felix, was soll ich tun? Ich habe Angst, dass mein Traum in unerreichbare Ferne rückt, wenn ich die Schule jetzt abbreche.«

Felix’ Bernsteinaugen funkelten mich verschmitzt an. »Du musst dir nur zuhören, Negomi. Du hast alles schon gesagt.«

»Was?«

»Du hast bereits aufgehört, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Du hast die Schule in Wahrheit längst verlassen. – Und ich ja vielleicht auch!«

»Du hast Recht! Genau! Ich gehe weg von der May-Schule! Das wird ein großer Befreiungsschlag sein!«

Felix’ Handy läutete, er zog es aus der Tasche, »Wenn man vom Teufel spricht! Bin gleich wieder da!«, er stand auf und ging ins Lokal.

Ich trank meinen Cappuccino aus, riss das Plastiktütchen auf und steckte mir die Schokomandel in den Mund. Drinnen hinter der Fensterscheibe machte Felix beim Reden große Bewegungen mit den Armen. Er nahm das Handy vom Ohr und trat mit einem breiten Lächeln unter das Sonnensegel, »Negomi, meine Schöne, wir haben was zu feiern!«

»Was ist denn?«

»Lädst du mich zuerst auf einen dritten Cappuccino ein? Ich bin dauerblank!«, er setzte sich.

»Ich zahle dir sogar die ersten zwei mit!«

»Wie schön! Dann bleiben mir noch ein paar Münzen in der Börse!«

Veronika stellte sich in die Tür, »Noch zwei?«

»Ja, bitte!«, sagten Felix und ich wie aus einem Mund.

»Also, jetzt sag schon!«

»Ich habe der May gekündigt!«, Felix klatschte in die Hände.

»Was?! Wieso? Was ist mit dem Projekt?«

»Sie wollte mir die Probenzeit auf zwei Wochen kürzen. Da habe ich sie gefragt, ob sie eine Schauspielschule leitet oder eine Fabrik für Instant-Suppen. – Ich bin raus! Jetzt habe ich endlich Zeit für wichtigere Dinge, für schönere Dinge«, er zwinkerte mich an.

Veronika servierte uns die Cappuccinos, wir stießen mit den Tassen an, küssten uns die Wangen und lachten aus vollem Herzen.

»Felix, weißt du eigentlich, dass wir uns vor ungefähr einem Jahr genau hier in diesem Café schon einmal begegnet sind?«

»Ich wusste es sofort, als ich dich in der Schule wiedergesehen habe.«

»Warum hast du nichts gesagt?!«

»Ich wusste nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Ich wollte nicht aufdringlich sein.«

»Oh, Mann!«, ich musste grinsen.

»Du bist mir seit damals nicht mehr aus dem Kopf gegangen.«

»Gleichfalls! Ich habe geglaubt, ich würde dich nie wieder sehen.«

»Wäre das schlimm für dich gewesen?«

Mein Handy klingelte: Anja: »Hallo, Neggi! Treffen wir uns eine halbe Stunde später? Ich muss noch was von meinen Großeltern holen.«

»Okay, bis dann! – Ich treffe mich später noch mit meiner besten Freundin.«

Felix lächelte leise. »Was machst du jetzt mit deinem Traum von der großen Schauspielerin? Nur weil du von der May weggehst, gibst du ihn doch nicht auf, oder?«

»Nein! Aber irgendwas hemmt mich.«

»Was denn?«

»Ich weiß nicht«, ich fingerte am Henkel meiner Kaffeetasse, »Felix?«

»Ja?«

»Wie weiß ich, ob ich begabt bin?«

»Das weißt du einfach.«

»Wie?«

»Ob du begabt bist, weißt nur du, niemand kann dir das sagen. Es wird oft behauptet, dass man Begabung innerhalb der ersten Sekunden bei einem Vorsprechen erkennt. Aber so viele sind auf namhaften Schulen abgelehnt worden, ihnen wurde ein Mangel an Begabung attestiert, und sie sind großartige Schauspieler geworden.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Stell’ es dir andersherum vor: Jemand lobt deine Begabung, du siehst sie aber nicht und hast kein Zutrauen in dich, da bringt dir diese Beurteilung gar nichts.«

»Hm.«

»Ich war auf keiner Schauspielschule. Ich bin Autodidakt. Ich habe immer gesagt: Mich muss niemand entdecken, ich habe mich selbst entdeckt. Natürlich musste ich meine Begabung dann auch von der ersten Sekunde an unter Beweis stellen. Hätten mich die Regisseure, die Zuschauer und Kritiker nicht gut gefunden, hätte ich es nicht lange gemacht. Das war der Härtetest, und ich habe ihn im ersten Ansatz bestanden.«

»Du wusstest es also.«

»Na klar! Sonst hätte ich nie damit begonnen.«

»Ich habe es vom ersten Moment an geliebt. Ich war elf, da habe ich angefangen, im Laientheater. Von da an wollte ich nichts anderes mehr tun: Reiten, Klavierspielen: das war plötzlich langweilig. Schauspielen, nur noch Schauspielen, sieben Jahre lang.«

»Dann weißt du es ja!«

»Stimmt! Ich weiß es! Haha!«

»Was war das für ein Laientheater?«

»BAM: Bühne an der Mauer. Die eine Längswand im Theaterraum war Teil der mittelalterlichen Stadtmauer. Ein schönes kleines Theater. Ein ehemaliger Deutschlehrer aus dem Gymnasium hat es geleitet. Wir Schüler, die das Freifach Bühnenspiel besuchten, trafen uns einmal in der Woche im BAM und experimentierten mit Texten oder verfassten selbst welche. Zu Semesterende gab es eine Abschluss-Aufführung. Später haben die, die besonders gerne dabei waren, mit den erwachsenen Laienspielern in richtigen Theaterstücken gespielt«, mir fiel plötzlich auf, dass Felix mich ganz verändert ansah: er hatte aufgehört, dem zu folgen, was ich sagte, hatte sich in seinem Korbstuhl aufgerichtet und betrachtete mich. Ich hielt inne. Jetzt lachte er mich an und sagte mit fröhlicher Bestimmtheit: »Negomi, du tust mir gut, ich glaube, du musst mich heiraten!«

Es rauschte und brauste in meinen Ohren, mein ganzer Körper vibrierte, ich starrte Felix an.

»Nein, ich bin ja viel zu alt für dich!«, er winkte ab.

Meine Zunge war gelähmt.

»Aber das heißt eigentlich nichts. Wo die Liebe hinfällt!«, er strahlte mich an.

»Ich muss gehen«, stammelte ich und sprang auf.

»Ach ja, du triffst dich mit deiner besten Freundin, hast du gesagt«, Felix erhob sich. Als seine zarten, weichen Lippen meine Wange berührten, fing sie Feuer. Jede Pore meiner Haut kribbelte und knisterte. Ich spürte meine Glieder nicht mehr. In Auflösung begriffen taumelte ich rückwärts, wusste nicht, was ich mit meinen Beinen machen sollte, stolperte, kam zu stehen, schaute zu Felix, der am Tisch stehen geblieben war und mich mit seinem Strahlen blendete, hielt mich an meiner Handtasche fest und stakste in meinen Pumps unbeholfen ans Ende der Gasse, wo ich mich noch einmal umdrehte und sah, wie Felix mir nachwinkte, ich hob die Hand und verdrückte mich um die Ecke.

Irgendwie gelang es mir, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seine Worte hallten in mir nach, ich hatte das Gefühl, zu schweben. Dichte Silberschleier verhängten die Gestalten der Menschen, die sich an mir vorbei drängten, ich spürte nicht, wie sie ihre Ellenbogen in meine Hüften stießen. Das Hupen der Autos und das Reifenquietschen klangen wie ein liebliches Kinderlied in meinen Ohren.

Im Café Stein waren alle Tische besetzt mit schwatzenden und lachenden Leuten. Anja winkte mir von der Galerie aus zu. Ich stürzte die Stufen hinauf, »Anja, mir ist etwas Unglaubliches passiert!«

Sie schaute unbeeindruckt, »Was denn?«

»Es ist kompliziert, das zu erzählen.«

»Wieso tust du's dann?«

»Felix hat zu mir gesagt: ‚Du tust mir gut, ich glaube, du musst mich heiraten’!«

Anja schaute immer noch unbeeindruckt, »Und was hast du darauf gesagt?«

»Nichts! Ich bin einfach aufgestanden und gegangen!«

»Aha«, jetzt schaute sie skeptisch.

»Ich will ihm aber unbedingt sagen, dass-«

»Dass du genauso für ihn empfindest«, ergänzte Anja sachlich.

»Jaa! Aber er hat das sicher nur so gesagt – oder?!«

»Schätzt du ihn so ein?«

»Ich weiß nicht! Was, wenn das nur ein Scherz war, wenn er das gar nicht ernst gemeint hat!?«

»Glaubst du das von ihm?«

»Nein! Ich weiß nicht! Aber ich muss ihm unbedingt antworten!«

Anja zuckte mit den Schultern, »Dann tu's doch!«

»Ich habe Angst!«

»Wenn du's nicht tust, wirst du's bereuen«, bemerkte Anja trocken.

»Okay, dann rufe ich ihn jetzt an«, ich nahm mein Handy aus der Tasche, blieb sitzen und schaute sie an.

»Ja, tu das. Was soll schon passieren?«

»Okay!«, ich zögerte, »Ich bin gleich wieder da.« Ich stand auf, klammerte mich an mein Handy und trippelte die Stufen hinunter und nach draußen unter den überdachten Eingang. Ich schaute auf das schwarze Display.

Ich kann das nicht!

Tu es! Du musst es tun!

Okaay!

Ich entsperrte das Handy.

Felix, Feelix! Für ihn ist das längst vorbei, er hat es schon wieder vergessen. Er hat es einfach so gesagt, hat sich nichts weiter dabei gedacht, das war nur ein kleiner Witz!

Und wenn nicht!? Er hat es gesagt! Los, mach’ schon! Ruf ihn an!

Ich ging zur Anrufliste. Da stand sein Name. Ich musste nur drücken, aber zwischen meinem Daumen und der Taste war ein unüberwindbar tiefer Graben.

Tu es!

Ich drückte auf die grüne Taste: Rufaufbau… Nein! Ich drückte die rote Taste.

Negomi! Noch mal! Noch maal!

Okaaay!

Ich drückte nochmal auf grün: Rufaufbau… Ich hielt das Handy ans Ohr.

Ich glaube es nicht, ich glaube es nicht, ich glaube es nicht!

Tut… Tut…

Hilfe! Ich tue das jetzt nicht wirklich! Was wird er sagen? Wie wird er reagieren?

»Ja, hallo?«, Felix’ warme, rauchige Stimme kippte mich fast aus den Schuhen.

»Hier ist Negomi.«

»Ja?«

»Ja, also, was du vorhin zu mir gesagt hast, dass ich dir guttue und dass ich dich heiraten muss-«

»Ja?« Ich hörte, dass er lächelte.

»Ich wollte dir nur sagen: Wenn du mich fragen würdest, ich würde Ja sagen.«

Stille.

Ich spürte, dass er lächelte.

Negomi

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