Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 25
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Ich lief im Schein der Laternen über das Kopfsteinpflaster die Straße hinauf in Richtung »Beaulieu« – ein kleines französisches Bistrot in der schicken Einkaufspassage des Palais Ferstel auf der Freyung.
Als ich die Tür öffnete, drängten sich in dem kleinen Geschäftslokal Menschen in Mänteln. An Schultern und Köpfen vorbei versuchte ich Mama zu entdecken. Aber es war aussichtslos. Ich musste vom Eingang eigentlich nur ein paar Schritte geradeaus und nach links ins Restaurant, aber ich wurde ins Gedränge gezogen und nach rechts geschoben. Gerade noch rechtzeitig konnte ich der Kante eines weißen Wagens ausweichen, auf dem sich Dosen und Gläser mit französischen Delikatessen türmten. Ich wurde an einem großen Holzregal mit Gewürzgläsern, bunten Salzen und Pasteten vorbeigedrückt, deren Etiketten exotische Namen in geschwungenen Lettern trugen. Eine Dame stieß mich mit ihrem Hintern zur Seite, als sie sich neben mir zu einem Metalleimer mit Lavendelseifen hinunterbückte, die einen zarten Duft verströmten.
»Verzeihung!«, sie blickte zu mir herauf.
»Kein Problem!«, flötete ich.
Die Kante einer Handtasche bohrte sich in meine Hüfte.
»O, pardon!«, eine Frau drehte sich zu mir um.
»Pas de problème!«, ich zwängte mich an einem mit Geschenkkörben beladenen Tisch vorbei zwischen den Leuten hindurch und stand unter zart geschwungenen Tischen und Stühlen, umgeben von Männern und Frauen, die tranken, aßen und plauderten.
»Negomi!«, Mama hängte gerade ihren Mantel auf einen der zierlichen Kleiderständer.
Wir umarmten und küssten uns.
»Was ist denn hier los?«, fragte ich.
»Französische Woche! In der ganzen Stadt machen die französischen Lokale großes Programm mit Verkostungen und Fest-Menüs.«
Wir nahmen an einem Zweiertisch Platz.
»Schau’ in die Speisekarte! Das Essen hier ist himmlisch!«, Mama stellte ein Koffertäschchen mit silberner Kettenschnur und Nieten an die Tischkante.
Es war schön, dass sie wieder vom Essen schwärmte. Ihr Neuer tat ihr offenbar gut. Ihre Löwenmähne war frisch gefärbt, um ihre Augen lagen nicht mehr dunkle Schatten, und ihre Wangen hatten wieder mehr Fülle. Nur die Tasche, die er ihr geschenkt hatte, zeugte nicht gerade von gutem Geschmack, aber solange sie glücklich war…
Ich klappte die Karte auf und musste grinsen: sie war zweisprachig, und ich als Französistin verstand kaum ein Wort. Ein Kellner kam an unseren Tisch: braungebrannt, polierte Glatze, Mitte Dreißig, er sah gut aus und wusste es.
»Haben Sie schon gewählt?«, sein französischer Akzent stand ihm sehr gut: auch das wusste er.
Ich trug ihm unsere Speiseauswahl auf Französisch vor. Er schmunzelte und wiederholte jede von mir auf französisch benannte Speise auf Deutsch: Es ist nicht nötig, dich mit Französisch abzumühen, du kannst ruhig bei deiner Sprache bleiben!
Ich sprach weiter auf Französisch: Ich weiß, dass ich es nicht muss, aber ich will es. Vielleicht bin ich ein bisschen unbeholfen, aber nur so kann ich besser werden!
»Merci!«, er zwinkerte mir zu und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung.
Mein Gesicht glühte.
»Und, was tut sich?«, fragte Mama.
– Sag’ es ihr! – »Nichts Besonderes. Und bei dir?«
»Das Geschwistertreffen vorgestern war eine einzige Katastrophe! Nett, ja! Wir schaffen es zu sechst drei Stunden zusammen zu sein, ohne dass wir uns zu sehr in die Haare kriegen. Aber sie sind wirklich alle alt geworden, auch unsere beiden Jüngsten. Nur ich bin jung geblieben!«, sie lachte, »Ich habe ja wirklich kein Problem damit, älter zu werden, aber ich muss es doch nicht so vor mir hertragen. Rita hatte einen Hut auf, der sah aus wie ein alter Blumentopf, und dazu eine neue Brille und so ein Oberteil, beides Leopardenmuster! Aber die war immer schon so: hat sich als Jugendliche angezogen wie eine alte Jungfer. Ich muss ja nicht so tun, als wäre ich eine Zwanzigjährige, es gibt zeitlos schöne Kleidung, mit der ich einfach gut aussehe, auch wenn ich über fünfzig bin. Aber damit sind in meiner Familie ja wirklich alle gesegnet: einfach keinen Sinn für Stil! Werner zieht im Winter auf der Skipiste enganliegende hellgrüne Hosen an, die sind zwanzig Jahre alt, aber sie haben noch keine Löcher, also trägt er sie. Genauso seine rosa Ski! ‚Die sind noch gut! Was soll ich die weghauen!‘ Bei unserer Jüngsten geht es ja: nur wenn sie zu ihren Krautstampfern kurze Röcke anzieht: da haut es einem die Augen raus! Und Ralf! Immer nur Jeans und T-Shirts mit diesen kindischen Sprüchen aufgedruckt, als wäre er zwölf! Und Emma! Mit ihren Spielhosen, den bunten Schuhen und den groß gemusterten Blusen: kommt daher wie ein Kleinkind! Früher hat sie ja wirklich in der Kinderabteilung eingekauft, weil die Größen gestimmt haben. Und seit Kurzem schnürt sie sich dicke Schals um den Hals, weil sie ihre Falten verstecken will. Das sieht furchtbar aus: sie ist eh schon so ein Zwerg und dann hat sie keinen Hals mehr! Ich lauf' ja auch nicht herum wie ein Supermodel, aber ich muss doch nicht unbedingt so danebengreifen. Ich bin da überhaupt anders. 'Unsere Lisi! Kommt immer daher wie die schicke Madame!' Da schauen sie groß! Ja, weil ich einfach was aus mir mache! Ich fühle mich nicht alt.«
Der Kellner servierte zwei Salate als Vorspeise und wünschte uns »Bon Appétit!«
– Jetzt sag’ es ihr endlich! –
»Und Emma! Ich war wirklich erschrocken, das hätte ich nie geglaubt: redet, als würde sie mit der heutigen Zeit nicht mehr zurechtkommen. Sie ist schon so langsam und bedächtig. Sie altert rapide und wird dabei in allem unserer Mutter immer ähnlicher«, Mama riss die Augen auf, »Das darf man ihr aber niemals sagen! Sie würde auf der Stelle tot umfallen! ‚So wie du, werde ich nie!‘, hat sie unserer Mutter immer gesagt. Und jetzt?! Naja… Mich ruft sie ja nie an. Seit dem Tod deines Vaters sind meine Geschwister alle auf Abstand zu mir gegangen. Die wissen immer noch nicht, wie sie damit umgehen sollen. An seinem Todestag ruft Rita mich an und heult mir was vor, wie schlimm sie das immer noch mitnimmt und so. Das weiß ich seit seinem Tod: Die meisten, die dir ihr Beileid aussprechen, laden dir in Wahrheit nur ihre verlogene Betroffenheit auf. Na, und, wie gesagt, von Emma höre ich seither auch so gut wie gar nichts mehr. Mit allen anderen ist sie ständig unterwegs, seit sie aus Indien zurück ist: im Konzert, im Theater, in Ausstellungen. Ich würde da sowieso nicht mitgehen wollen: das ist ja ein Zirkus – diese Zwangsbeglückungen!«
»Ich hoffe, es hat geschmeckt«, der Kellner servierte die Teller ab und kam gleich darauf mit den Hauptspeisen, »Bon Appétit!«
– Negomi, jetzt mach’ schon! –
»Ich könnte das ja nicht. Ich habe kein Problem, alleine zu sein. Emma hat das immer Angst gemacht. Die hält sich ja selbst nicht aus. Deswegen braucht sie immer andere. Sie lebt nur in den Problemen anderer. Sie braucht das! Das ist ihr Leben: über das Leben anderer reden. Und was sie dir alles erzählen kann: über die und den – das ist unglaublich! Das wäre mir wirklich zu viel. Das interessiert mich gar nicht. Deswegen kann man mir auch Geheimnisse anvertrauen. Ich erzähle die sicher nicht weiter, weil mich das gar nicht interessiert. Aber wenn du sicher sein willst, dass alle von einer Neuigkeit sofort erfahren, musst du nur Emma anrufen und ihr vorneweg sagen: ‚Aber Emma, das darf wirklich niemand wissen!‘ – Ich wüsste eh nicht, was ich mit ihr reden sollte. Sie halst sich dauernd was auf, das ihr dann zu viel wird, und dann ist sie wieder mit den Nerven am Ende: nur im Stress, nur im Stress! Weil sie glaubt, dass sie allen und jedem helfen muss.«
»Hat es geschmeckt?«, der Kellner zwinkerte mir von der Seite zu.
»Oui, très bien, merci!«, sagte ich.
Mit den Tellern in der Hand blieb er bei unserem Tisch stehen und sagte: »Madame, Sie haben eine sehr schöne Tochter.«
Mama lief rot an, »Danke!«
»Ganz nach der Mutter«, fügte er hinzu.
Mama lachte auf und wehrte sein Kompliment mit den Händen ab: »O, nein, ich brauche die Blumen nicht, ich weiß, dass ich viel älter bin, nicht mehr so frisch! Aber, naja, wenn Sie meinen …!«, sie lehnte sich zurück und blickte lächelnd zu ihm hinauf, »Danke für das Kompliment!«
»Was darf ich Ihnen als Nachspeise bringen?«
»Deux Tartes au citron, s'il vous plaît, et un café au lait et un café noir, merci!«
– Sag es ihr! Du hast es dir fest vorgenommen. –
»Und wie ist es auf der Uni? Gefällt es dir?«
»Ja, schon.« – Du Feigling! –
Der Kellner servierte die Nachspeisen.
Mama stach mit der Gabel in ihre Mini-Tarte.
Ich übersprang meine Nervosität: »Mama, ich will dir etwas sagen«, ich grinste sie an.
»Ja?«, sie übernahm mein Grinsen und sah mich erwartungsvoll an.
»Ich bin verliebt in einen alten Mann.«
Mamas Augen weiteten sich, »In einen alten Mann?«, fragte sie mit ironischem Unterton.
»In den Felix Holder.«
»Ah!«, sie lachte, »Seit wann geht denn das schon?«
»Seit ein paar Monaten. Und ich bin sehr glücklich!«
»Das ist das Wichtigste, mein Schätzchen.«
– Es ist raus! Sie hat es gut aufgenommen, es scheint alles normal zu sein zwischen uns. –
»Und – es ist mir wirklich egal, aber – wie alt ist er denn?«
»63.«
Mama lachte auf, »Sogar noch etwas älter als mein Freund! Wie die Mutter so die Tochter! – Schön, Negomi, schön! Und über den Altersunterschied macht man sich immer viel zu viele Gedanken: dass der andere viel früher stirbt als man selbst oder krank wird.«
»Ich würde Felix pflegen, wenn er krank ist, so wie er das auch für mich tun würde.«
Mama trank ihren letzten Schluck Kaffee. Der Kellner legte die Rechnung auf den Tisch und zwinkerte mir zu. Ich zwinkerte zurück.
»À bientôt!«, rief er mir nach, als wir das Lokal verließen.
»Oui, à bientôt!«
– Ein scharfer Typ, aber er hat keine Chance, ich habe den Mann meiner Träume bereits gefunden! –
Der Platz vor dem Palais war von Laternen und Girlanden erleuchtet. Mama nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste meine Wangen.
»Genieße es, Negomi!«
Sie ließ mich los, ging ein paar Schritte, drehte sich zu mir um und sagte mit ausgebreiteten Armen: »Der Himmel hängt voller Geigen!«