Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 24

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Gedämpfte Stimmen, Geruch von heißem Kaffee mit Milch, Papierrascheln, über Handys gebeugte Köpfe, Ohren, aus denen an weißen Stöpseln dünne Kabel herunterhängen, geschlossene Lider, Tuscheln, Kichern, Blick auf die Armbanduhr, Fußwippen. Ich schaute durch die hohe Glasfassade nach draußen auf den baumbestandenen Hof mit seinen großen Rasenflächen, den Kieswegen und Parkbänken. Die Strahlen der Morgensonne durchbrachen gleißend die kalten Luftschichten, über den Dächern der Universitätsgebäude strahlte der Himmel knallblau. Ich spürte noch Felix' Kuss zum Abschied – Felix bleibt auf dem Vorplatz stehen, ich gehe hinein, drehe mich gleich wieder um und werfe ihm mein Herz zu. Er fängt es auf, klopft sich auf die Brust und, als hätte er ein Türchen geöffnet, lässt er sein Herz in seine zu einer Schale geformten Hände fallen. Er hebt es an seinen Mund, schürzt die Lippen und bläst es auf, bis es als großer Ballon in der Luft vor ihm schwebt. Mit den Fingerspitzen versetzt er seinem Herz einen leichten Stoß und lässt es zu mir herübersegeln. Ich nehme es mit offenen Armen in Empfang und drücke es an meine Brust. – Jemand tippte mir auf die Schulter, »Ähm, entschuldige?«, piepste eine Stimme. Ich fuhr herum: die Wartenden hinter mir schauten auf ihre Handys, unterhielten sich, starrten ins Leere oder spähten über meinen Kopf hinweg zur verschlossenen Tür des Hörsaals, keiner von ihnen schien mich angesprochen zu haben. Um mich herum auf der Galerie standen die Studenten jetzt dicht an dicht, bis zum unteren Absatz der breiten Eisentreppe, die zur Galerie hinaufleitete, drängten sich die Wartenden. Das morgendliche Gemurmel hatte sich in ein aufgeregtes Durcheinander von Tonlagen und Stimmen verwandelt, Wortfetzen tanzten in der Luft und verschmolzen zu einem pulsierenden Wogen anschwellender und abschwellender Laute über den Köpfen der Menge. Ich spürte wieder eine Hand an meiner Schulter, jemand riss am Zipfel meines Mantels. »Hey!«, ich schaute nach unten: graue Augen blickten ängstlich aus einem blassen Gesicht zu mir herauf. Dünne braune, zu einem Pferdeschwanz zusammengezurrte Haare klebten fettig an einer schuppenden Kopfhaut. Papierene Lippen waren zu einem panischen Lächeln gespannt. Knochige Ärmchen hielten eine dicke Schreibmappe umklammert und pressten sie an eine zerbrechliche Kindsbrust. Die Papierlippen öffneten sich und legten spitze gelbliche Zähne frei, sie formten Worte, die ich nicht hörte.

»Ich verstehe dich nicht!«

Das Angstbündel zerrte an meinem Ärmel.

»Was ist?!«, ich bückte mich.

Die Papierlippen drückten sich an meine Ohrmuschel und fiepten heiser: »Warst du in der Vorlesung letzte Woche?«

Ein harter Stoß: ich stolperte, prallte gegen das Angstbündel, drohte zu fallen, spürte, wie die dünnen Ärmchen mich umklammerten, die Schreibmappe knallte auf meine Füße, ich streckte die Arme aus und konnte mich gerade noch an den Schultern eines Vordermannes festhalten. »Hey!«, er schlug meine Hände weg. Wackelig kam ich zu stehen, da traf mich wieder ein Stoß und ich wurde vorwärts geschoben. Die Stirn der kleinen Ängstlichen drückte gegen mein Brustbein. Sie reckte den Kopf, stierte mich an und schnappte nach Luft, als würde sie sich vor dem Ertrinken retten wollen.

»Weiter, weiter!«, kreischte eine Frauenstimme.

Körper drängten an mir vorbei, Ellenbogen bohrten sich zwischen meine Rippen, Hände grapschten mich an.

»Was soll das?!«, schrie ich.

»Was soll das? Was soll das?«, äffte mich eine Studentin nach, die sich wie ein Panzer an mir vorbeischob.

»Hau halt ab! Gibt eh zu wenig Plätze!«, blaffte mich eine andere an und erntete damit kaltes Gelächter von den mit ihr Schiebenden und Drängenden. Die Horde trieb mich vorwärts. Hintern, Hüftknochen, Arme, Knie, Füße, Köpfe drückten, schoben, traten, verkeilten sich, drohten mich zu zerquetschen. Die kleine Ängstliche war weg! Vielleicht hatte sie sich durch den Druck in Luft aufgelöst, oder sie war zertrampelt worden, vielleicht hatte man sie von mir abgedrängt: hoffentlich lebte sie noch! Das vielgliedrige Menschenknäuel presste sich an den geöffneten Flügeln einer schweren Holztür vorbei, quetschte sich durch den Türrahmen und stolperte über die Schwelle in den Saal. Der Druck wich, und mein plattgedrückter Körper dehnte sich wie ein Blasebalg. Ich blieb stehen. Die zahllosen Glieder, die eben noch als Knäuel ineinander verhakt gewesen waren, entwirrten sich im Nu und fügten sich wieder zu einzelnen Menschenkörpern. Ein vielköpfiger Strom floss zielgerichtet auf eine Tribüne zu, die rechts von mir steil in die Höhe ragte. Ich hielt Ausschau nach der kleinen Ängstlichen, aber in dem Gewimmel konnte ich sie nicht ausmachen. Wenn sie, so wie ich, hier ausgespuckt worden war, war sie bestimmt verzweifelt zurückgelaufen, um draußen vor dem Hörsaal ihre Schreibmappe zu suchen. Ob sie dann noch einmal die Kraft haben würde, hier hereinzukommen? Sie hatte so zerbrechlich gewirkt, und ich hatte sie nicht beschützen können!

Gegenüber der Tribüne hoch oben an der Wand hing eine Projektortafel, einige Meter darunter zwei große grüne Schiefertafeln. Zwischen Tafelwand und Tribüne schritt eine großgewachsene vollbusige Frau, deren blonde Locken zu einer Turmfrisur hochgesteckt waren, an einem Rednerpult vorbei und warf einen silbergrauen Pelzmantel über einen Standcomputer auf dem Tisch daneben. Mit spitzen Fingern strich sie zwei Lockensträhnen aus ihrer Stirn, die in symmetrischem Abstand aus den dicken Wirbeln des aufgetürmten Haares an ihren Schläfen herunterhingen. Indem sie die Hände senkte, bogen sich ihre Finger schwungvoll nach außen, sodass sie für den Bruchteil einer Sekunde ihre Wangen wie ein Sonnenkranz umstanden, die Finger klappten ein und neigten sich auf die Schultern, wo sie nervös eine silbergraue Pelzstola zurechtzupften, die mit einem Band über dem Dekolleté eines silbergrauen Kostüms zusammengebunden war. Die Finger hatten den Sitz der Stola für gut befunden, die Hände vollführten auf Brusthöhe eine dynamische Schleife aneinander vorbei, formten sich zu prallen Blütenkelchen und fielen durch eine Kippbewegung der Handgelenke nach vorne, wo die Finger knapp über dem Zippverschluss einer grauen Ledertasche sich wie elektrisierte Spinnenbeine spreizten, schlagartig zuschnappten, mit einem akkuraten Ruck an den metallenen Schiebern zogen, wieder in die Höhe schossen, sich über der geöffneten Tasche zu Drachenflügeln entfalteten, hinabschnellten in den schwarzen Schlund und eine dünne Heftmappe bargen, mit der sie hinüber zum Rednerpult flogen.

Die Tribüne war brechend voll, sogar auf dem schmalen Stufengang, der die Reihen teilte, ballten sich die Studenten, nur ganz unten in der ersten Reihe waren noch zwei Plätze frei. Ich setzte mich, legte mein Notizbuch auf die an den Sessel geschraubte Holzplatte und lehnte mich zurück. Die Saaltür war jetzt geschlossen, mein Blick verschmolz mit der glatten Oberfläche ihrer lackierten Holzstruktur. Plötzlich ging ein Riss durch das erstarrte Bild vor meinen Augen: die Klinke wurde heruntergedrückt, die Tür öffnete sich einen Spalt breit, hindurch zwängte sich eine kleine schmächtige Gestalt, die mit überkreuzten Armen eine dicke Schreibmappe an ihre Brust presste. Der Blick der kleinen Ängstlichen wanderte über die vollbesetzten Ränge. Im Licht der Neonröhren mischte sich in das Grau ihrer Haut ein fahles Grün. Sie entdeckte den freien Platz neben mir und zuckte zusammen. Ich lächelte ihr zu. Schnell schaute sie zu Boden, zögerte und steuerte mit gesenktem Kopf auf den freien Platz zu. Die Arme immer noch fest um die Schreibmappe geschlungen, bog sie ihren Körper zwischen Stuhl und Pult wie eine Gummistange und glitt geräuschlos auf den Sitz.

»Super, dass du deine Mappe wiedergefunden hast! Das war ein Gedränge da draußen, was?«

Ihre Lider zitterten, aus den Augenwinkeln sah sie mich misstrauisch an.

»Meine Damen und Herren, ich darf Sie zur zweiten Vorlesung dieses Semesters begrüßen«, meldete sich eine kühle Frauenstimme durch ein Mikrophon.

Ich schaute nach vorne, konnte aber keine Sprecherin entdecken.

»Nachdem wir in der letzten Einheit die Formalitäten ausführlich besprochen haben, gehe ich davon aus, dass es dazu keine Fragen mehr gibt. Wenn dem doch so sein sollte, bitte ich Sie, nach meinem Vortrag zu mir nach vorne zu kommen, um mit mir Etwaiges noch zu besprechen.«

Über einem schmalen goldenen Lampenschirm an der Außenkante des Rednerpultes ragte die blonde Turmfrisur empor. Das Pult verstellte den Körper der Professorin gänzlich, nur an den Seiten lugte die silbergraue Pelzstola hervor. Auch von ihrem Gesicht war kaum etwas zu sehen: der Lampenschirm verdeckte Augen und Stirn, die schräge Fläche des Pultes ihren Mund, nur ihre Nase war sichtbar.

»Wir haben viel Stoff und wenig Zeit, also gehen wir gleich in medias res zu den Grundbegriffen der Literaturwissenschaft und erörtern die Frage: Was ist Literatur?«

Mit diesen Worten erschien die gerade mündlich gestellte Frage in fetten Lettern auf der Projektortafel. Hinter dem Lampengestell und Pultverbau hatte die Professorin den Kopf über Papiere gebeugt und las, ohne Pause und scheinbar ohne zwischendurch zu atmen, einen vorgefertigten Text ab. Es fiel mir schwer, einzelne Wörter herauszuhören, sie verschwammen ineinander und bildeten ein monotones Band verschlüsselter Satzfolgen. Im Hintergrund erschienen auf der Projektortafel Schlagwörter und Grafiken. Kein einziges Mal schaute die Professorin auf, sie hatte offensichtlich kein Interesse an dem hundertköpfigen Auditorium ihr gegenüber. – Das kann doch nicht ernst gemeint sein! – Ich drehte mich um, aber keiner der Studenten in den Reihen über mir spiegelte meine Irritation. Sie saßen über ihre Notizblöcke gebeugt und schrieben mit oder trommelten in die Tasten ihrer Laptops. Sie schauten nur auf, wenn neue Grafiken an der Tafel aufschienen, die sie mit ausdruckslosen Gesichtern abzeichneten. Ich drehte mich wieder nach vorne. Mein Verstand schrie, mein Herz schoss mir aus der Brust. – So kann es doch nicht weitergehen, das können doch nicht alle einfach so hinnehmen! – Die Minuten prasselten als messerscharfe Feuertropfen auf meine Haut. – Tu' was! Rette dich und alle, die noch etwas empfinden! – Ich riss den Arm hoch, sofort spürte ich Blicke in meinem Rücken. Die Professorin nahm keine Notiz von mir.

»Ich habe eine Frage!«, sagte ich laut.

Die Wortspule stoppte, die Turmfrisur hob sich, über dem goldenen Lampenschirm kam ein graugrünes Augenpaar zum Vorschein. »Ich habe Ihnen gesagt, dass ich auf Fragen erst nach der Vorlesung eingehen werde«, wies mich die Mikrophonstimme ab.

»Aber ich habe eine Frage zu dem, worüber Sie gerade sprechen!«

»Notieren Sie die Frage und stellen Sie sie am Ende, wenn sie sich bis dahin nicht sowieso geklärt hat. Wir haben viel Stoff durchzunehmen, bitte unterbrechen Sie den Vortrag nicht mehr«, tönte die Stimme barsch.

Mir stockte der Atem.

Die graugrünen Augen verschwanden hinter dem Lampenschirm, die Wortspule lief wieder los. Ich fiel in einen Ozean aus gefrorenen Wortbrocken. Sie zerschnitten meine Haut, sie zerrissen mein Herz, sie zerquetschten mein Gehirn, sie erschlugen meinen Geist, sie lynchten meine Seele und zermalmten meine Knochen. Zähflüssig rann der Minutenstrom über meinen Kadaver hinweg, am Ende der Dürre wurde ich ausgespuckt. – Ich erwachte aus einem leeren Traum und schlug die Augen auf. Hundert Taschen wurden gepackt, hundert Jacken und Mäntel übergezogen, hundert Körper schoben sich aus den engen Sitzreihen und drängten sich auf den Stufen zu den Ausgängen.

»Das kann doch nicht wahr sein! Da hat man doch kein Wort verstanden!«, sagte ich laut und schaute mich nach einem menschlichen Wesen um.

Neben mir warf sich eine Studentin ihren Rucksack über. Sie zuckte mit den Schultern: »Das läuft hier eben so, gewöhn’ dich dran!«, sie ging, ich starrte ihr hinterher.

Negomi

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