Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 16

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Ich eilte um die Ecke zu unserem Caffè, aber es hatte schon wieder nicht geklappt. Egal, wie früh ich von zu Hause wegging, egal wie schnell ich machte, Felix saß immer schon im Schatten des weißen Sonnensegels bei seinem Cappuccino, mit einer Zigarette zwischen den Fingern und las in einem Buch. Wenn ich ihn da so sitzen sah und wusste, dass er gleich aufschauen und mich mit seinem Strahlen begrüßen würde, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen.

»Wie geht es dir mit unseren Proben?«

»Ich habe in manchen Momenten das Gefühl, dass ich zu klein bin, dass es in mir zu eng ist.«

»Das ist ganz normal, besonders am Anfang. Ich habe Schauspieler, die ich für Produktionen engagiert habe, manchmal gefragt: Du bist Schauspieler, und was kannst du sonst noch? Mir war es nie genug, nur Schauspieler zu sein. Beim Schauspielen geht es grundsätzlich um etwas ganz anderes.«

»Worum denn?«

»Ein berühmter Schauspieler hat einmal gesagt: Wichtiger, als ein guter Schauspieler zu sein, ist es, ein guter Mensch zu sein.«

»Was ist ein guter Mensch?«

»Das ist eine gute Frage! Gegenfrage: Liebst du dich?«

»Wie bitte?«

»Liebst du dich?«

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Keine Ahnung! Ich finde mich ganz okay. Ist es denn so wichtig, mich selbst zu lieben?«

»Selbstliebe ist die Voraussetzung für alles andere! Wie willst du jemand anderen lieben, wenn du dich selbst nicht liebst?«

»Aber das ist doch das Prinzip der Nächstenliebe, oder? Der andere kommt immer zuerst.«

»Es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! - Nein, bitte nicht!«

Ich musste lachen.

»Das Verhältnis zu dir selbst ist am allerwichtigsten, es kommt immer zuerst! Es gibt nur einen Menschen, mit dem du vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, jede Sekunde jedes Tages, jede Sekunde deines Lebens zusammen bist: du selbst! Es ist die größte Herausforderung überhaupt, mit sich selbst zu sein. Wie ich zu mir bin, bestimmt darüber, wie ich zu anderen Menschen bin. Ein Mensch, der sich selbst nicht liebt, der sich selbst gegenüber gleichgültig ist oder unschlüssig oder sich selbst gar hasst, ist entweder grauslich zu anderen oder er ist süchtig danach, anderen zu helfen, er drängt ihnen seine Hilfe auf, er braucht es, dass andere ihn brauchen, er lebt von der Hilfsbedürftigkeit und Dankbarkeit der anderen.«

»Aber, was heißt sich selbst lieben? Ist das nicht Eitelkeit, Selbstherrlichkeit?«

»Ganz und gar nicht! Das heißt, mit dir selbst im Gespräch zu sein: das innere Zwiegespräch! Das heißt, ehrlich zu dir zu sein, dir deine Fehler einzugestehen und an dir zu arbeiten, das heißt, hart mit dir ins Gericht zu gehen, härter als mit jedem anderen Menschen auf der Welt. Das heißt aber auch, dir deine Fehler zu verzeihen, dich für deine Erfolge zu loben, dich zu ermutigen und anzuspornen. Dein Selbstverhältnis ist das innigste Verhältnis, das du jemals haben wirst. Nur wenn du mit dir im Reinen bist, wenn du weißt, dass du gut mit dir auskommst, dass du mit dir gut alleine sein kannst, kannst du mit anderen Menschen sein, ohne dich von ihnen oder sie von dir abhängig zu machen.«

»Aber ist das nicht ein Ideal?«

»Natürlich ist es das! Ich denke und spreche ausschließlich in Idealen. Alles, was darunter liegt, ist mickrig.«

»Aber Ideale kann man doch sowieso niemals erreichen.«

»Nein, aber wir können danach streben. Die vom Menschen gemachte Welt ist ein einziges Jammertal, weil wir Menschen unsere Ideale schon lange über Bord geworfen haben. Wir haben sie durch Werte ersetzt, und selbst ihnen, diesen verkümmerten Schein-Idealen, werden wir nicht und nicht gerecht. Ohne Ideale würde ich zugrunde gehen. Ich werde meine Ideale niemals erreichen können, aber sie mir jeden Tag aufs Neue vor Augen zu führen, jeden Tag aufs Neue alles daran zu setzen, ihnen nahe zu kommen, macht mein Leben erst lebenswert. Die meisten Menschen pfeifen auf Ideale, sie haben ständig Ausreden parat, warum sie sich gegen sich selbst und andere vergehen, sie sind stinkfaul und gefallen sich in ihrer Schlechtigkeit. So will ich nicht leben! Ich scheitere lieber jeden Tag fröhlich an meinen Idealen. Aber sie sind es auch, an denen ich mich jeden Tag wieder aufrichte. Und hin und wieder schaffe ich es ja doch, ihnen zu entsprechen.«

»Felix, entschuldige mich bitte kurz«, ich stand auf und ging ins Lokal. In der Toilette ließ ich mir kaltes Wasser über die Handgelenke rinnen. – Mich selbst lieben, mich selbst lieben… – Die Tür hinter mir ging auf, und Felix stand da. Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. Er trat an mich heran. Ich spürte seinen heißen Atem in meinem Nacken. Mein Herz schlug mir bis den Kopf. Er strich über meinen Rücken, meinen Po, küsste meinen Hals. Meine Vagina schwoll an und wurde feucht. Ich drehte mich zu ihm um, »Ich kann das nicht, Felix. Nicht jetzt. Ich will die Ebenen nicht vermischen. Ich…«

Er trat einen Schritt zurück, »Ist schon gut, Negomi. Ich verstehe. Kein Problem. Wir lassen uns Zeit.«

Negomi

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