Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 18
Оглавление9
Die Flammen der Teelichter flackerten. Sie waren die einzigen Lichtquellen auf der Terrasse. Mein rechtes Bein lag auf Felix' Stuhl. Er rauchte, ich betrachtete ihn schweigend.
»Ich liebe dich, Negomi.«
»– – Das ist mutig.«
»Warum mutig?«
»Du kannst nicht wissen, ob ich deine Liebe erwidere, ich könnte dich zurückweisen. Du machst dich verletzbar, du lieferst dich mir aus.«
»Das ist mir klar. Ich erwarte aber nicht, dass du meine Liebe erwiderst.«
»Achso?«
»Nur weil ich dich liebe, musst du ja nicht auch gleich mich lieben. Wenn ich das wollte, würde ich dich nicht lieben, ich würde einen Lohn erwarten.«
Ich überlegte kurz, »Stimmt!«
»Ich habe mich geprüft. Ich habe mich gefragt, ob meine Liebe stark genug ist, dich bedingungslos zu lieben, und in mir war ein großes Ja, unter allen Umständen, egal, was kommt. Ich weiß, dass ich auch deine Fehler lieben werde.«
»Meine Fehler? Wieso glaubst du, dass ich Fehler habe?«
»Jeder Mensch hat Fehler, oder?«
»Okay, ich gestehe!«
»Ich habe dich in einer Situation kennengelernt, in der du sehr mit dir gerungen hast. Du hast mir nicht einfach deine Zuckerseite gezeigt, um gut bei mir anzukommen. Ich kenne dich verzweifelt, wütend, traurig. Das ist ungeheuer wertvoll. Du bist ganz offen, unverstellt, du lässt mich in dein Innerstes schauen – und sofort bin ich auf mich verwiesen und tief berührt.«
»Und du weißt schon nach so kurzer Zeit, dass du mich liebst?«
»Ich muss dich nicht jahrelang erleben, um sagen zu können: Die ist es und keine andere. Sicher sein kann man nie. Sicherheit gibt es nicht, nie, für nichts. Man kann nur bereit sein. Ich bin bereit. Ich bin bereit, dich in allem zu unterstützen, was auch immer du tun wirst. Ich bin neugierig auf deine Veränderungen und will sie liebevoll begleiten.«
Ich wollte seine Liebe erwidern, ich wollte es ihm sagen, aber ich hatte schreiende Angst davor.
»Ich bin gleich wieder da!«, ich stand auf und ging ins Lokal. In der Toilette ließ ich mir kaltes Wasser über die Handgelenke rinnen. – Vor einem Jahr habe ich mir hier Sex mit ihm vorgestellt, vor Kurzem habe ich ihn abgewiesen, jetzt bekomme ich Atemnot bei der Vorstellung, er könnte zur Tür hereinkommen. Ich kann es ihm nicht sagen! Ich kann nicht! Wie soll das gehen? Er ist viel zu alt! Vielleicht ist es ja gut so, die Spannung, die Ungewissheit, vielleicht kann es so bleiben. – Ich trocknete mir die Hände und ging wieder nach draußen.
»Ich habe mir noch einen Cappuccino bestellt!«, Felix schüttete zwei Tüten Zucker in die Tasse, rührte kurz um, ließ den Löffel auf die Untertasse fallen und nahm den ersten Schluck, »Ah! Weicher Schaum, warme Milch, bitterer Kaffee und Zucker!«, er lehnte sich zurück,
»Nimm dir alles, was du willst, Negomi. Du bist jung, du bist intelligent, du bist attraktiv. Du kannst dir das erlauben. Du solltest es dir erlauben.«
»Ich nehme mir alles, was ich will.«
– Lügnerin! Lügnerin! Du und dir nehmen, was du willst!? Du legst dir Ketten an, nur um die Kontrolle zu behalten! –
Felix grinste.
»Ich nehme mir, was ich will!«
– Er macht mich fertig! Er sitzt da mit seiner entblößten Brust, seinem selbstsicheren Lächeln, er ist Herr über sich, er hat keine Angst, er ist bereit. –
»Wovor hast du Angst, Negomi?«
»Ich habe keine Angst!« – Ich glaube mir kein Wort! –
»Wir schließen gleich!«, Veronika legte uns die Rechnung auf den Tisch.
»Soll ich dich noch nach Hause begleiten?«
– Nein, Hilfe, lass’ mich, geh weg! –
»Ja.«
Auf der Straße fuhren keine Autos mehr. Die Ampeln an der Kreuzung blinkten orange. Felix schlenderte neben mir her. Ich versuchte, gelassen zu wirken, fingerte aber nervös an meiner Handtasche. In mir stauten sich Worte auf, die ich ihm sagen wollte, aber mein Mund blieb geschlossen. Felix sprach, aber ich hörte ihn nicht. – Verdammt, warum sage ich es nicht!? Gleich platze ich, gleich ist es raus! - Nein, nein, halte dich zurück! Es ist nicht der richtige Zeitpunkt! – Wir gingen durch die schummrig beleuchteten Gassen der Innenstadt. Felix plauderte und lachte, ich verstand kein Wort. Wir kamen zum Schottentor, gingen durch den Park an der Votivkirche vorbei. – Sag’ es ihm! – Wir bogen in meine Straße ein, blieben an der Ecke stehen. Ich wusste nicht warum, war es zur Verabschiedung? Ich wollte davonrennen, aber ich war unfähig mich zu bewegen. »Felix?«
»Ja?«
»Ich liebe dich.«
Er sah mich mit großen Augen an.
»Wirklich!«, ich trat an ihn heran. Er legte seine Hand auf meinen Po und drückte mich sanft an sich. Ich roch sein Parfum, ich spürte seinen Penis durch die Hose an meinem Venushügel. Seine Lippen berührten meine Lippen. Sie waren weich und warm und schmeckten süß. Seine glatte spitze Zunge spielte mit meiner Zunge. Meine Vagina pulsierte. Ich wollte Felix und mir die Kleider vom Leib reißen und über ihn herfallen – aber ich löste meine Lippen von seinen. Felix hielt die Augen geschlossen und lächelte. Ich nahm ihn an der Hand und ging mit ihm zur Haustür.
»Gehen wir zusammen rein?«, fragte er.
Ich zögerte. »Vertraust du mir?«
»Ja!«, er lachte mich an.
»Ich kann noch nicht weiter gehen. Ich brauche noch etwas Zeit.«
»Ich habe Geduld. Ich würde mein ganzes Leben auf dich warten.«
»So lange wird es hoffentlich nicht nötig sein.«
Wir küssten uns: kurz und zart.
Ich sperrte die Tür auf und stieg die Stufen nach oben, in der Mitte der Treppe drehte ich mich um: Felix schaute mit großen Augen zu mir herauf, sein Gesicht war ein einziges Lächeln. Er klopfte mit der Hand auf seine Brust und warf mir sein Herz zu. Ich tat es ihm gleich. Oben vor der Wohnungstür wendete ich mich ihm noch einmal zu: er stand da wie ein strahlender und funkelnder Stern, der schönste, den der Nachthimmel je gesehen hatte.
Ich legte mich aufs Bett. – Wie sieht der Penis eines Sechzigjährigen aus? Was, wenn er weiß und schwammig ist, durchzogen von blauen Adern? Kriegt Mann mit Sechzig überhaupt noch einen hoch? Braucht man da nicht schon längst Viagra oder sowas? - So ein Quatsch, und wenn schon! Felix ist der jüngste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er erregt mich so sehr, dass ich immer das Gefühl habe, splitternackt vor ihm zu sein. Das macht mir Angst, ich habe schreckliche Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Aber sehne ich mich nach ihm, ich brenne für ihn, ich kann und will mich ihm nicht länger entziehen.