Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 13

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»Mit welchem Monolog willst du beginnen?«, Felix goss Kaffee aus einer French-Press-Kanne in zwei hohe weiße Porzellantassen.

»Mit Antigone.«

»Schön! – Zucker? Milch?«

»Ja. – Bitte. – Beides.«

»Setz’ dich doch!«, Felix deutete auf einen Stuhl neben dem Couchtisch.

»Ja. – Danke!«, unter dem fadenscheinigen Bezug der verbeulten Polsterung bohrten sich alte Federn in mein Sitzfleisch. Die schmalen geschwungenen Holzlehnen nötigten mich, meine Arme weit weg vom Körper abzulegen. Drei hölzerne Querstreben drückten gegen meine Wirbelsäule. Die Kante des Couchtisches schnitt in meine Schienbeine. – Ich will endlich loslegen. Ich will, dass es eine gelungene Sitzung wird: ich, die talentierte Jungschauspielerin, er, mein Lehrer: gemeinsam begeben wir uns in die Untiefen schicksalhafter Wirrungen und Abwege, hinab in die Seele meiner Figur: Antigone! –

Felix setzte sich auf die Ledercouch, »Nimm einen Schluck Kaffee. Entspann’ dich. Es ist unser erstes Mal. Lass’ uns ein bisschen warm werden«, er zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück.

Ich griff an den abgeplatzten Goldhenkel der Tasse und führte sie zum Mund: der Kaffee schmeckte picksüß und milchig. Ich stellte die Tasse wieder ab.

Felix summte ein Liedchen, grinste und nahm einen kräftigen Schluck, »Ah! So mag ich ihn! Ist er dir zu süß?«

»Neinnein!«, ich nahm die Tasse wieder in die Hand und strich mit dem Daumen über die aufgemalten schwarzen Figuren – wie Scherenschnitte: eine Frau mit Sonnenschirm unter einem Baum, auf der anderen Seite ein Mann mit Gehstock und Zylinder, unter den Bildchen stand in schwarzen, geschwungenen Lettern »Wiener Kaffee«, »Können wir anfangen?«

»Okay!«, Felix stand auf, stellte noch so einen Folterstuhl in die Mitte des Raumes und setzte sich wieder auf die Couch. Mein Herz pochte. Ich näherte mich dem Stuhl und setzte mich vorne an die Kante.

»Lass' dir Zeit! Stell’ dich darauf ein und beginne, wenn du es für richtig hältst.«

Ich starrte auf den Boden und versuchte mich zu konzentrieren. Mein Mund war trocken. – Das erste Wort! Wie kann ich es sagen? –

»Glück? Was wird mein Glück sein? Was für eine glückliche Frau soll aus der kleinen Antigone werden?«

Felix hob die Hand, er lächelte, »Was sagst du da genau?«

»Na, ich frage mich, was mein Glück sein soll.«

»Ja, genau: Was wird mein Glück sein? Das ist doch die Frage: Kreon, sag es mir: Was wird mein Glück sein, hier in diesem Staat, den du regierst, hier in dieser Welt, die du mir als so toll hinstellst, sag es mir: Wen soll ich betrügen, wen, und so weiter. – Verstehst du? Versuch's noch mal!«

Ich sammelte mich und fing erneut an: »Glück?«

Felix unterbrach mich: »Glück!? – Du sprichst es Kreon nach. Er hat von Glück gesprochen. Du stellst, was er gesagt hat mit diesem ersten Wort infrage. Du fragst nicht einfach, du stellst es infrage: Glück!? Was für ein Glück soll das bitteschön sein, lieber Kreon? Glück!? – Du kannst das auf unterschiedliche Weise sagen, aber das ist der Untertext: Du glaubst nicht an dieses Glück, du glaubst nicht daran, dass das, was Kreon dir da verkaufen will, wirklich Glück ist. – Das soll Glück sein, dass ich betrüge, belüge, mich verkaufe, andere sterben lasse, so wie du es tust? Das nennst du Glück? Meine Vorstellung von Glück ist eine andere! – Ja? Fang’ noch einmal an.«

»Okay!« Ich sprach die ersten Sätze, aber es wollte mir nicht gelingen, ich verstand, was Felix meinte, aber ich bekam es nicht in meine Sprache: es klang aufgesetzt. Ich versuchte mich an dem ganzen Monolog, aber ich hatte auf einmal keine Ahnung mehr, was ich sagte.

»Gut, gut! Machen wir eine kleine Pause. Komm’, trink noch einen Kaffee«, Felix winkte mich zu sich, »Weißt du, Negomi, ich bin kein Lehrer, ich will kein Lehrer sein. Du bist hier, du bist eine junge Schauspielerin, du tust, was du tun willst, du probierst aus, was du ausprobieren willst. Ich bin bei dir, ich schaue dir zu, ich reagiere nur auf das, was du mir zeigst. Du hast die Macht über die Rolle, du kannst alles mit ihr machen, spiel’ dich frei!«

»Ja!«, ich nahm einen Schluck Kaffee, »Ich will es gleich noch mal machen.«

»Gerne!«

Ich setzte mich wieder an die Kante des Stuhls, atmete tief durch und sprach die ersten Worte, die ersten Sätze… Ich hatte das Gefühl, am Stand zu rennen. Ich verstand die Situation, aber ich konnte sie nicht entstehen lassen. Der Zuschauer folgt meinen Worten und will sie glauben. Er will mir glauben, dass ich genau das erlebe, was ich sage, dass die Gedanken, die ich ausspreche, gerade in diesem Augenblick in mir entstehen. Aber ich war nicht in diesem Augenblick, ich war ganz woanders. Ich war nicht Antigone im Herrscherhaus, ich war die junge Schauspielerin auf der Sesselkante, die sich abmühte, einem ihr fremden Text, Ausdruck zu verleihen. Der Zuschauer wird nicht Zeuge von Antigones Gedanken, sondern Zeuge meines Scheiterns. Er ist betrogen um das, was er sich erwartet hat: Mit Antigone zu sein, zu hören, was sie über ihr Schicksal zu sagen hat, ihre Angst zu erleben, ihren Schmerz, ihre Tapferkeit!

»Wie geht es dir damit?«

»Nicht so gut.«

»Was glaubst du? Woran liegt das?«

»Ich versuche das zu tun, was du mir sagst, aber ich kriege es nicht hin.«

»Das ist schon gut. Du machst manchmal eckige Bewegungen mit den Armen. Da merke ich, dass du dir nicht vertraust. Aber keine Sorge: das ist ganz normal, das passiert auch erfahrenen Schauspielern. Wichtig ist, dass du dich in deinem Körper wohlfühlst. Lerne ihn kennen. Liebe deinen Körper! Und jetzt machen wir Schluss! Morgen gehen wir es wieder an.«

Negomi

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