Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 15

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Ich setzte mich an die Kante des Stuhls und starrte auf den Boden. Meine Muskeln spannten sich. – Das erste Wort! Es soll ganz aus mir kommen. Aus dem Nichts. Aus meinem Inneren. Aus einer Gedankenflut, in der es zufällig das erste Wort ist, das ins Hörbare stößt. –

»Glück? Was wird mein Glück sein? Was für eine glückliche Frau soll aus der kleinen Antigone werden? Welche Niedrigkeiten werde ich Tag für Tag begehen müssen, um dem Leben mit den Zähnen ein kleines Fetzchen Glück zu entreißen? Sag doch, wen werde ich belügen, wem falsch ins Gesicht lächeln und an wen mich verkaufen müssen? Von wem muss ich mich abwenden und ihn sterben lassen? …«

Ich versuchte die Worte sprechend zu denken. Aber sie rannten mir aus meinem Mund davon. Dann taumelten sie wieder, holperten und stolperten eins übers andere, und wollten einfach nicht natürlich klingen. Alles, was ich sagte, wirkte aufgesetzt. Ich schaffte es nicht, den Text zu mir zu nehmen, ihn zu verinnerlichen. Meine Sprache stakste wie ein Rehkitz, das gerade dem Mutterleib entschlüpft ist. Dann hackte sie wieder, wie ein Beil, das Knochen zertrümmert. Ich hetzte durch den Text, als wollte ich möglichst schnell zum Ende kommen.

»… Ihr seid mir alle widerlich mit eurem Glück und eurer Lebensauffassung. Gemein seid ihr! Wie Hunde, die geifernd ablecken, was sie auf ihrem Weg finden. Ein bescheidenes Alltagsglück und nur nicht zu anspruchsvoll sein! Ich, ich will alles, sofort und vollkommen – oder ich will nichts. …«

Der Text war mir zu nah, zu vertraut. Aber je öfter ich ihn sprach, desto mehr entfernte er sich von mir. Er sollte hier und jetzt aus mir kommen. Aber was ich sagte, gehörte nicht zu mir, es gehörte irgendwem, es war irgendwas, ich wusste nicht was, ich wusste nicht, wo es war, ich wusste nicht, wo und wer ich war, wenn ich diese Worte sagte. Ich wollte mittendrin stehen, mittendrin in Antigones Gedanken, aber ich konnte es schon nicht mehr hören, ich konnte mich schon nicht mehr hören.

»… Wir gehören zu den Menschen, die jeder Frage auf den Grund gehen, bis kein Fünkchen Hoffnung mehr bleibt. Wir treten die Hoffnung mit Füßen, wo immer sie auch auftaucht, eure niedrige, weibische Hoffnung …«

Ich war voll von Emotionen, die ich zwanghaft versuchte in die Worte reinzupacken. Aber das ließen sich die Worte nicht gefallen, sie entzogen sich, blieben staubtrocken, platt, eckig. Ich verlor jedes Gefühl für ihre Bedeutung. Sie klebten aneinander. Weder sie selbst noch ihre unsichtbaren Zwischenräume wollten sich mit Sinn füllen. Ich sprach Papier.

»… Ich brauche euch alle nur anzusehen mit euren armseligen Köpfen – ihr Glückskandidaten! Ihr seid hässlich, selbst die Schönsten unter euch! …«

Felix saß mir gegenüber, hörte mir aufmerksam zu, sah mich gespannt an, machte mir Vorschläge, aber ich konnte es nicht, ich bekam es nicht hin, ich konnte keinen einzigen seiner Vorschläge umsetzen: Was ich machte, war schrecklich.

»Das ist schon gut, Negomi. Aber bleib’ schlichter, weniger Wut, weniger Gefühl. Lass’ die Gefühle überhaupt weg.«

»Aber Gefühle sind doch das, worum es geht!«

»Gefühle sind Firlefanz! Woher weißt du, ob deine Gefühle wirklich deine Gefühle sind, oder nur das, was man dir beigebracht hat, dass es deine Gefühle seien?«

»Gefühle sind alles, was ich habe! Der Text ohne Gefühle ist nichts!«

»Wir lügen uns Gefühle nur vor. Wir sind eine Welt von Heuchlern! Auf der Bühne hört das Heucheln endgültig auf! Bleib’ am Text! Er sagt alles, du brauchst nicht mehr. Tu nichts hinzu! Folge den Gedanken! Sag’, was du denkst, und denk’, was du sagst! Das ist deine Aufgabe, und die ist schwierig genug. Fang’ noch einmal an!«

»Okay!«

– Ich will nicht beginnen! Ich kann nicht beginnen! Ich weiß jetzt schon, dass ich es nicht schaffen werde! ‚Du hast die Macht über die Rolle, du kannst alles mit ihr machen.‘ Aber ich weiß nicht was und wie! In mir ist Leere. Ich bin verkrampft. Fang' an! Fang' an! Das erste Wort!–

»Glück?«

– Es klingt flach, meine Stimme fliegt! –

»Was wird mein Glück sein? Was für eine glückliche Frau soll aus der kleinen Antigone werden? …«

– Er soll es doch endlich sagen: ‚Du schaffst es nicht. Lass‘ es sein und quäl’ dich nicht länger! Du bist eben keine Schauspielerin, du bist nicht für die Bühne, fürs Schauspielen geboren. Lass’ uns auf einen Kaffee gehen und über etwas anderes sprechen. Lass’ uns das Schauspielen ein für alle Mal vergessen. Du wirst sehen, das wird dich befreien! ’ – Aber Felix sagte nichts dergleichen. Ich sprach weiter: »Schlag mich doch, komm, schlag zu, Kreon. Du kannst ja nichts anderes. Schlag mich, denn du weißt, dass ich Recht habe.«

»Okay!«, sagte Felix leise, »Hier breitest du die Arme aus und reckst ihm deine Brust entgegen«, er machte es mir vor, »Du zeigst ihm damit, dass du keine Angst vor ihm hast. Du bietest dich ihm an. Es ist eine Provokation.«

Ich wiederholte den Satz und breitete langsam die Arme aus. Jetzt saß ich da wie aufgespannt. Ich musste lachen und ließ die Arme fallen, »Das kommt mir so komisch vor, als wäre ich ein Hampelmann.«

Felix blieb ernst: »Mach’ es noch mal. Komm, sag es zu mir. Ich bin Kreon. Sag es: Schlag mich! Komm, schlag mich!«

»Schlag mich doch«, ich breitete die Arme aus, »komm, schlag zu Kreon. Du kannst ja nichts anderes.« Tausend Nadeln durchbohrten meine Haut, ich saß nackt vor ihm: Nein! Nein! Lass mich! Es tut mir weh! Hilfe! Hör auf, mich anzusehen! Nein!

»Negomi! Wo bist du? Was tust du gerade? Sei in der Gegenwart! Sei aufmerksam! Du denkst an die große Dramatik und vergisst, dass sich das große Ganze aus unzähligen kleinen Schritten zusammensetzt. Erlebe jeden einzelnen im Augenblick! Wenn du die Aufmerksamkeit auf die kleinen Schritte vernachlässigst, wird das große Ganze lasch und falsch sein. Du wirst nie das erreichen, wonach du dich gesehnt hast: das Feuer der großen dramatischen Konflikte, die Krisis, die Katastrophe oder Erlösung. Auf der Bühne hat jedes Wort, jede Geste Bedeutung und direkte Folgen. Ein Theaterstück besteht aus einer Abfolge von Szenen, jede Szene besteht aus einer Abfolge von Handlungen, und jede Handlung besteht aus einer Abfolge von kleinsten Tätigkeiten; alles hat seinen Anfang, erfährt eine Entwicklung, erreicht einen Höhepunkt und geht auf ein Ende zu. Renne da nicht drüber! Lass dir Zeit! Denke nicht voraus, sei immer im Augenblick, kümmere dich nur um das, was jetzt geschieht. Und plötzlich bist du am Ende des Stückes angelangt, und es könnte ewig so weitergehen, weil du immer von Augenblick zu Augenblick, von Gedanke zu Gedanke gegangen bist. – Fang’ noch mal an!«

»Glück? Was wird mein Glück sein? Was für eine glückliche Frau soll aus der kleinen Antigone werden?-«

»Negomi, Negomi! Du drückst schon wieder so auf das Gefühl an! Bitte, weg damit!«

»Aber wieso, Felix? Ich muss doch zeigen, was die Figur fühlt!«

»Die Figur? Wer ist die Figur? Es gibt keine Figur! Es gibt nur dich!«

»Wie meinst du das?«

»Du stehst auf der Bühne, du sprichst, du handelst! Du bist ganz auf dich alleine gestellt! Und deswegen musst du dich kennen, alles an dir und in dir! Das fängt ganz banal an, nimm es aus deinem Alltag, so wie du es immer machst: ein Glas an den Mund führen, jemandem die Hand schütteln und 'Guten Tag' sagen, dir die Zähne putzen, eine Torte essen. Sei aufmerksam auf jede kleinste Regung! Dann beantwortet sich die Frage nach der Darstellung von Gefühlen, von inneren Konflikten der Figur ganz von alleine: Wie ist das bei dir, wenn du in Tränen ausbrichst? Was passiert mit dir, wenn du seelischen Schmerz empfindest? Wie ist es, wenn du lügst, wie fühlt sich für dich Hass an, wie Neid, Eifersucht, Liebe? Du musst alles in dir finden: die Mörderin und die Retterin, die Hure und die Heilige. – Jetzt fang’ noch einmal an. Sprich den Text und zerreiße dabei diese Zeitung!«

Ich willigte ein. Das erste Wort verließ meinen Mund, das zweite, das dritte … Ich fühlte mich alleine. Aber nicht ich als Antigone, sondern ich als Negomi. Ich riss an der Zeitung, eine großformatige Tageszeitung, Blatt an Blatt zusammengelegt, in der Mitte gefaltet. Es wäre besser gewesen, sie vorher auseinanderzufalten. Sie lag auf meinem Schoß wie ein Block. Ich musste ihr mit großer Anstrengung Brocken entreißen. Mein Kiefer sperrte. Ich sprach durch die Zähne. Die Empörung der Figur wurde zur Wut auf die Zeitung in meinen Händen. Schon wieder scheiterte ich. Ich stand im Sprechen auf und zerrte an dem Zeitungsblock.

»Gut so!«, sagte Felix leise und bedeutete mir weiterzumachen.

Ich ließ mich auf die Knie fallen. Nach vorne gebeugt, den Text sprechend, die Zähne zusammengebissen, wutschnaubend, riss ich weiter an der Zeitung. Sie, die mich hätte frei machen sollen für die Lust am Spiel, quälte und demütigte mich vor seinen Augen. Ich war ein Häufchen Elend. Felix sah mich gebannt an und nickte eifrig. – Merkt er denn nicht, dass ich es bin!? Ich bin verzweifelt, ich! Nicht die blöde Figur! –

»Ich kann nicht mehr!«, mir standen Tränen in den Augen, der halb zerlegte Zeitungsklumpen glitt mir aus den Händen und plumpste zu Boden. Ich ging zu Felix hinüber und sank neben ihm in die Couch.

»Du machst das gut«, er stand auf und schenkte mir Kaffee nach.

Ich kam mir vor wie eine Betrügerin. Felix wollte hier mit einer Frau sein, die Freude hat, an dem, was sie tut, die sich selbst vergisst, wenn sie vor ihm steht und ihre Rolle probiert. Und ich? Ich gab auf, bevor ich überhaupt begonnen hatte. Warum hatte er mich nicht längst rausgeschmissen? Warum beschimpfte er mich nicht als verklemmt und gehemmt? Warum sagte er nicht, dass ich vielleicht eine gute Bürokraft werden könnte, aber niemals Schauspielerin? Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, »Heute ist nicht mein Tag.«

»Gib nicht auf! Arbeite dich daran ab, steigere dich hinein. Das ist Schauspielen! Wenn du da durch bist, wirst du das Gefühl haben, gleich um hundert Meter gewachsen zu sein.«

»Ich finde es verdammt hart!«

»Das ist gut! So spürst du deine Lebenskraft. Ich habe mich auf der Bühne immer viel lebendiger gefühlt als im wirklichen Leben. Der Alltag, die kleinen Sorgen und Nöte, das beschwert, das ist öde, immer das Gleiche. Schauspielen ist eine Lebensform! Ein Schauspieler tritt nie auf oder ab, er ist immer Schauspieler. Er spielt auch niemandem etwas vor, seine Aufgabe ist es, wahrhaftig zu sein: im Leben wie auf der Bühne. Leben ist Bühne, Bühne ist Leben. Aber das Leben ist ein Schmierentheater. Die Bühne dagegen ist verdichtetes Leben, konzentriertes Leben, sie ist das Laboratorium des Lebens, der große Schutzraum für die, ‚die sich ihre Kindheit in die Tasche gesteckt und davongestohlen haben, um ewig weiterzuspielen‘. Keiner wird auf der Bühne wirklich ermordet, aber genau deswegen gilt umso mehr: Spiele immer so, als würdest du um dein Leben spielen!«

Negomi

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