Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 20

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Trübes Grau drang durch den Spalt unter dem Rollo. Ich wollte nicht aufstehen, ich wollte liegen bleiben. Aber was liegen? Was schlafen? Es änderte ja doch nichts. Ich richtete mich auf und setzte mich an die Bettkante. Es war zu eng in meinem Kopf. Ich hatte auf Abstand zu ihm gehen wollen, eine Woche nur für mich sein. Ich hatte zu mir kommen, meine Kräfte zurückgewinnen wollen, aber ich war unter einer luftdichten Glocke eingesperrt, umgeben von geruchloser, geschmackloser Leere. Ich konnte nichts greifen, ich spürte mich nicht. Nichts tat weh, aber alles war Schmerz. Ich hatte keine Gedanken, war selbst nicht einmal mehr ein Gedanke, nur noch ein Punkt im Grau, der einzig und alleine sich selber weiß, aber der nicht weiß, wer er ist und wo er ist und warum er ist. Ich hatte das Leben anhalten wollen, aber es war ohne mich weitergelaufen. Ich war stehengeblieben und hatte keine Ahnung, wie ich es wieder einholen konnte. Mein Magen knurrte. Ich hatte in den letzten Tagen kaum was gegessen. Ich stand auf und ging in die Küche. Im Brotkasten lag noch ein halber Laib Brot. Ich schnitt eine Scheibe ab und bestrich sie mit Butter. Sie war kalt und schmeckte süß und zerschmolz zusammen mit dem weichen Teig auf meiner Zunge. Ich machte mir noch eine Scheibe. Der erste Hunger war gestillt.

Ich ging zurück ins Zimmer und ließ das Rollo hochschnalzen: ein nassgrauer Tag glotzte mich durch die schmutzigen Scheiben an. Über dem Stuhl am Schreibtisch hing Felix’ Schal. Meine Hand berührte das weiche feinmaschige Gewebe, meine Finger glitten zwischen die Fransen, spielten mit den kleinen Knoten an ihren Enden. Ich nahm den Schal und hielt ihn an mein Gesicht: Felix‘ Geruch, der würzige Duft seiner Haut, sein betörendes Parfum. Mir wurde warm, mein Herz schlug schmerzhaft gegen meine Rippen. Ich hatte ihn zurückgewiesen, hatte ihn stehen lassen in der kalten Nacht, er war alleine weggegangen. Er war genauso in meiner inneren Leere verschwunden wie ich: als hätte ich ihn getötet, als hätte ich uns beide getötet.

Es war schon dunkel. Der Regen platschte auf den durchnässten Stoff des Sonnensegels, Wasser rieselte auf die dicht zusammengeschobenen Tische und Stühle, kalte Tropfen fielen auf mein Haar. Durch die Fensterscheiben schien Licht auf die Terrasse, es umspielte warm die roten Ledermöbel und das dunkle Holz im Lokal. Ich sah Felix an einem Tisch an der Wand sitzen: Zigarette, Cappuccino, offenes Hemd. Ich spürte einen Stich in der Brust.

Er bewegte nur kurz seine Augen in meine Richtung, als ich an den Tisch herantrat. Kein Wort der Begrüßung, kein Kuss, keine Berührung. Ich setzte mich ihm gegenüber. Sein Gesicht war versteinert, er schaute an mir vorbei und zog an seiner Zigarette. Es gab keine Sprache mehr zwischen uns, nicht einmal mehr ein einziges Wort. Ich hatte alles zerstört, ich hatte uns zerstört. Es würde nie wieder so sein wie früher. Ich würde ihn nie wieder küssen können, nie wieder seine Nähe spüren. Die Zeit dehnte sich schmerzhaft, jeder Atemzug, jeder Augenaufschlag fiel schwer. Wir waren Fremde geworden.

Er richtete seinen Blick auf mich und sah mich streng und schweigend an, fast ungeduldig, als erwartete er von mir die Antwort auf eine Frage, die er mir gestellt, die ich aber überhört hatte.

»Felix, ich kann verstehen, wenn du nichts mehr von mir wissen willst. Es kann keine Verzeihung geben für das, was ich dir angetan habe. Aber ich weiß jetzt, dass es meinen Tod bedeutet, ich bin eine lebende Tote, wenn ich nicht Ja zu dir sage. Ich liebe dich, Felix. Und auch wenn ich es nicht von dir verlangen kann, bitte ich dich: Verzeih mir!«

Er sah mich immer noch streng und schweigend an. Ich weiß nicht, wie lange wir so einander gegenübersaßen und uns ansahen, es kam mir vor, als wäre ich eine Ewigkeit in seinen Augen versunken gewesen, als er sagte: »Es gibt nichts zu verzeihen!«

Ich hatte das Gefühl, mein Herz bleibt stehen und die Zeit und die Welt.

»Auch ich bin in mich gegangen. Dieses Alleine-Sein war hart, ich wusste ja nicht, wie viel Zeit du brauchst und wie du dich entscheidest, aber ich habe die Zeit genutzt, um mich genau zu befragen, ich habe mich noch einmal geprüft und ich bin mir so sicher wie eh und je und zugleich sicherer als je zuvor: Ich liebe dich, Negomi.«

Mir kamen die Tränen, ich weinte und lachte. Wir fielen einander in die Arme, meine Tränen nässten seine nackte Brust, sie rannen unter sein offenes Hemd, wir lachten und küssten uns, und endlich spürte ich sie wieder, seine zarten weichen Lippen, die spitze Zunge, ich schmeckte seinen Speichel, ich strich über seine glattrasierten Wangen, ich atmete sein Parfum und den würzigen Geruch seiner Haut tief ein.

Arm in Arm gingen wir durch die kalte Regennacht nach Hause.

Negomi

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