Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 26

Оглавление

5

Anja zerrte mich hinter sich her in die Wohnung. Ich stolperte über die Schwelle, richtete mich lachend auf und sah mein weiß gepudertes Gesicht mit den schwarzblau verschmierten Augen und den blauen Lippen im Spiegel der Garderobe. Meine Haare waren mit Gel nach hinten gestriegelt, Blut lief aus meinem Mundwinkel mein Kinn hinunter über meinen Hals.

»Geile Scheiße!«, Anja zog die schwarzen Striche um ihre Lider nach, die sich zu den Schläfen hin zu Blüten formten, und befühlte ihre Ballerina-Frisur. Um uns her drängten sich Studenten und solche, die gerne welche wären. Ihre Kostüme waren nachlässig, nur wenige schienen sich doch etwas mehr Gedanken gemacht zu haben. Es roch nach Zigarettenrauch, Hasch und Alkohol. Aus einem CD-Player tönten Lieder einer Punk-Band, die jeder kannte, nur ich nicht.

»Neggi, machst du das, bitte?«, Anja drehte ihren Kopf über die Schulter nach hinten und schielte auf den halb offenen Reißverschluss an ihrem Rücken.

»Du musst die Luft anhalten!«

»Scheiße!«, sie zerrte ihr kurzes schwarzes trägerloses Kleid ein Stückchen höher, zog den Bauch ein und presste die Lippen zusammen. Ich riss den Schieber mit einem Ruck hoch.

Anja stöhnte, »Danke, Neggi!«, sie hängte sich ihre schwarzen Flügel um die Schultern, drehte sich vor dem Spiegel hin und her, sprang in ihren schwarzen Pumps auf und nieder, die Flügel flatterten, sie klatschte in die Hände, quietschte und kicherte, »Ich bin der Black Swan! Ich bin der Black Swan!«

»Und ich bin eine Wasserleiche!«

Sie zückte ihr Handy und schmiegte sich an mich. Ich hielt meine von dunklen Striemen gezierten Unterarme an meinen Hals, verdrehte die Augen und streckte meine Zunge heraus. Anja riss die Augen auf, machte einen Schmollmund und drückte ab. »Geile Scheiße!«, sie nahm mich an der Hand und zog mich hinter sich her durchs Gedränge, »Komm, Neggi, ich zeig’ dir alles!«

Über den Lampenschirmen in den Zimmern hingen schwarze und rote Tücher. Die Wohnung war kahl eingerichtet. Eine Couch und eine Stehlampe machten aus einem Raum das Wohnzimmer, nebendran war die Küche: eine schmale Nische, voll mit Wein- und Schnapsflaschen, auf dem Küchentisch weiße Plastikbecher und massenhaft Chips und Soletti.

»Schau, und das ist das Badezimmer!«, Anja zog mich durch eine offene Tür aus der Küchennische in eine dahinterliegende Nische mit zwei schwarzen Waschbecken an der Wand, die beide bis zum Rand mit Bürsten, Kämmen, Duschgeltuben, Haarspraydosen und Haarspangen gefüllt waren, eine weiße, halb abgebrannte Kerze lag zuoberst eines der beiden Haufen. In der Dusche häuften sich schmutzige Klamotten. »Ich dusche hier fast jeden Morgen, und jetzt sind so viele Leute hier, das ist total ungut!«, sie zog mich um die Ecke zurück in die Küche, wo der Gastgeber, ihr Angebeteter, mit drei Kumpels und einer großen Blonden zusammenstand, »Ich nehme mir mal was zu trinken, Neggi!«, sie sprang zu den anderen. Die drei Typen nickten, sagten Hallo und prosteten ihr zu. Ihr Angebeteter und die Blonde nahmen keine Notiz von ihr, sie flüsterten miteinander, während er an ihren Locken rumfummelte und sie ihn angrinste. Ich hatte den Eindruck, dass Anja vor Wut fast platzte, aber so tat, als würde sie nicht merken, was die beiden machten. Sie wandte ihnen den Rücken zu und ließ aggressive Sprüche in die Runde ab. Sie wusste selbst nicht, wen sie damit treffen wollte, sie schlug wahllos um sich und versuchte gleichzeitig das süße Mädchen zu spielen – eine Kombination, die angestrengt wirkte, verbissen und frustriert. Ihr Angebeteter legte der Blonden seine Hand auf den Hintern und zog sich mit ihr zurück. Ich spürte Anjas Schmerz, als er an ihr vorbeiging, ohne sie anzusehen. Jetzt hing sie bei seinen Freunden fest, für die sie sich überhaupt nicht interessierte, die aber Interesse an ihr fanden, und die sie mit ihren zynischen Bemerkungen zugleich abwehrte und anlockte. Die drei lachten und schauten ihr auf die Brüste.

Ich ging ins Wohnzimmer, wo der dicke Mitbewohner des Gastgebers mit einem Plastikbecher in der Hand auf der Couch saß und durch die Tanzenden hindurch ins Leere starrte. Neben ihm schlug eine lange Brünette ihre Beine übereinander. Ich setzte mich zu ihnen. Die Brünette trug ein enges giftgrünes Kleid, dazu passende Strümpfe und High-Heels, Lippenstift und Lidschatten waren dunkelviolett, ihre falschen Wimpern glitzerten pink, wie auch die zwei langen Haarsträhnen, die ineinander gedreht als Knoten ihren Kopf schmückten. Ich konnte nicht ausmachen, welchen Zombie ihr Outfit darstellte. Als ich sie fragte, sah sie mich erschrocken an und sagte: »Ich habe mich gar nicht verkleidet!« Sie stand abrupt von der Couch auf und verließ den Raum. Der dicke Mitbewohner grinste, ich grinste zurück, fühlte mich aber gar nicht wohl in seiner Gegenwart und folgte der Brünetten in die Küche. Dort war Anja jetzt umringt von fünf Typen, die gierig auf ihre Brüste gafften und über ihre beißenden Sprüche lachten. Plötzlich schien es Anja zu viel zu werden, sie entfernte sich aus dem Hahnenkreis und ergriff meine Hand, »Neggi, ich habe Hunger! Gehst du mit mir zum Mc Donald's?«, sie zog mich hinter sich her ins Vorzimmer. Wir schlüpften in unsere Mäntel und Stiefel und begaben uns hinaus ins Stiegenhaus, wo aus aufgebrochenen Wänden bunte Schläuche heraushingen und Metallrohre im Schein der flackernden Deckenbeleuchtung matt glänzten.

Draußen war es eiskalt und sternenklar. Den ganzen langen Weg die Straße hinunter redete Anja nur von ihm. Ich hörte ihr zu – wie immer – und wie immer versuchte ich, ihr nahe zu legen, sie solle ihm ihre Gefühle gestehen und endlich aufhören, sich zu quälen, indem sie so tut, als sei sie seine beste Freundin und er ihr bester Freund: eine bequeme Zurechtlegung für ihn, und für sie die einzige Möglichkeit, ihn nicht zu verlieren. Sie antwortete mit »Jaja!« – wie immer – und wie immer würde sie damit weitermachen, sich und ihn zu belügen.

Wir traten von der dunklen Straße ins grelle Neonlicht der McDonald's Filiale. Burger, Pommes und Chicken McNuggets prangten auf den Plakaten.

»Einen Big Mac, bitte, und eine große Cola! Willst du auch was?«

Ich winkte ab.

Anja zahlte und wollte zum Essen nach draußen gehen. Ich konnte sie nicht halten und folgte ihr. Wir setzten uns auf eine schmutzige Holzbank bei der Straßenbahnhaltestelle.

Sie biss in den Burger und schmatzte: »Er ist so blöd!«

»Er weiß nicht, dass du verliebt in ihn bist.«

»Trotzdem! Er macht mit mir rum, wir schlafen miteinander, ich verbringe mehr Zeit in seiner Wohnung als bei mir, und dann trifft er sich mit anderen!«, sie fauchte und schmetterte den Burger zurück in die Pappschachtel, »Neggi! Was soll ich tun?«

»Sag es ihm!«

»Das kann ich nicht!«

»Anja!«

»Scheiß drauf!«, sie starrte vor sich hin.

»Hey, willst du was trinken?«, ein junger besoffener Typ in zerrissenen Jeans und abgetragenem Sweatshirt stand vor uns und hielt Anja eine Wodkaflasche vor die Nase. Anja griff nach der Flasche und nahm einen fetten Schluck. Der Typ stierte sie an. Ich ekelte mich vor ihm.

»Was machst du heute Abend noch?«, er grinste und strich sich die fettigen Haare aus der Stirn.

»Ich bin auf einer Halloween Party eingeladen«, sie lächelte ihn an und hob herausfordernd die Augenbrauen.

»Und als was gehst du?«

»Das sieht man doch! Ich bin der Black Swan!«

»Kann ich mitkommen?«, er stützte sich mit einem Arm auf die Lehne der Bank und beugte sich über sie.

»Nein!«, sagte Anja schroff. Sie nahm einen zweiten Schluck aus der Flasche und hielt sie ihm hin, »Geh jetzt!«, schnauzte sie ihn an.

»Jaja, schon gut!«, er wankte davon.

Ich war erleichtert. Aber Anjas unkontrolliertes Verhalten verstörte mich. – Was ist nur los mit ihr? Warum verletzt sie sich ständig selbst? – Ich sah sie an: ihre Schminke war verwischt, aus ihrer Ballerina-Frisur hatte sich eine Haarsträhne gelöst und hing über ihr Augenlied. Sie schlang die letzten Bissen ihres Burgers hinunter, drückte die Pappschachtel platt, ging vor zur Straßenbahnhaltestelle, warf die Pappe und den halb vollen Becher Cola in einen Mülleimer, drehte sich um und ging wieder auf die Bank zu. Bei jedem Schritt schwang sie einen Fuß weit nach vorne und ließ ihn unsanft auf den Boden fallen. Sie setzte sich neben mich. Wir schwiegen.

»Es ist unglaublich, was in Menschen vorgehen kann«, sagte ich.

»Wie meinst du das?«

»Naja, ich bin heute eine Wasserleiche, die sich die Pulsadern aufgeschlitzt hat. Als ich mich geschminkt habe, fand ich die Verletzungen selbst richtig gruselig.«

»Wieso tut sich ein Mensch so etwas Grausames an, Neggi?«

»Wir sehen andere nur von außen, wir können über ihr Innenleben nur Vermutungen anstellen. In den meisten Fällen liegen wir falsch.«

»Wir sollten wieder zur Party zurückgehen, die fragen sich sicher schon, wo wir so lange sind.«

Wir standen auf und gingen nebeneinander die Straße hinauf.

»Es ist so schön, mit dir zu reden. Mit dir komme ich immer auf ernsthafte Themen. Ganz anders als mit Matt. Er interessiert sich nur für Star Wars und Computerspiele. Ich verbringe ganze Nachmittage mit ihm in Geschäften, in denen er sich seine Drogen holt. – Komm, wer zuerst oben ist!«, sie lief los, ich ihr hinterher, wir lachten.

»Ich liebe dich, Neggi!«, rief sie, während wir die leere Straße hinaufrannten.

»Ich liebe dich, Anja!«, rief ich in die Nacht.

An der Ecke zur Wohnung ihres Angebeteten blieb sie stehen. Ich lief auf sie zu, wir fielen einander in die Arme und hüpften kichernd auf und nieder – ihr Strahlen, ihr kindliches Strahlen!

Negomi

Подняться наверх