Читать книгу Negomi - Iracema Engel - Страница 19

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»Ich kann das nicht! Ich kann nicht mit dir zusammen sein!«

»Aber wieso? Ich verstehe das nicht!«

Ich saß mit dem Handy am Ohr zusammengekauert auf dem kleinen runden Teppich vor der Toilette, »Es geht einfach nicht! Du bist zu alt für mich! Du hast viel mehr Erfahrung im Leben, du hast viel mehr Erfahrung in Liebesbeziehungen, da komme ich nicht mit!«

»Meine früheren Beziehungen zu Frauen helfen mir kein bisschen! Ich habe kein Rezept! Jede Liebesbeziehung ist anders. Ich bin genauso neu in unserer Beziehung wie du.«

»Ich hatte noch nie eine richtige Beziehung zu einem Mann! Ich weiß nicht, wie man eine erwachsene Beziehung führt, das kannst du nicht von mir verlangen!«

»Ich weiß auch nicht, wie man eine erwachsene Beziehung führt, ich weiß gar nicht, was das sein soll! Ich weiß nur, dass ich dich liebe und mit dir sein will.«

»Das geht nicht, du bist viel weiter als ich, du überforderst mich!«

»Negomi, ich habe keinen Vorsprung! Es gibt auch keine Regeln, es gibt nur uns beide. Lass es uns gemeinsam herausfinden!«

»Was?«

»Wer wir füreinander sein wollen.«

»Ich kann das nicht!«

»Geh' mit mir auf einen Kaffee, dann reden wir in Ruhe darüber.«

»Nein, auf keinen Fall! Da redest du mir nur ganz schnell meine Bedenken aus, und ich weiß immer noch nicht, was ich tun oder denken soll!«

»Negomi, ich liebe dich!«

»– – Das geht nicht! – Du musst mir hier und jetzt versprechen, dass du von heute an nur noch mein Freund bist.«

»Wie soll das gehen, Negomi? Ich begehre dich. Und du begehrst mich – das dachte ich zumindest.«

»Rein freundschaftlich! Wir werden von jetzt an nur noch rein freundschaftlich miteinander verkehren. Versprich es mir!«

»Negomi!«

»Versprich es!«

»– – Okay, ich verspreche es. – Ja, versprochen. Wir sind nur Freunde. Jetzt kannst du dich aber doch auf einen Kaffee mit mir treffen, oder? Rein freundschaftlich, versteht sich.«

»Morgen, wir sehen uns morgen!«, ich legte auf und starrte lange auf mein Handy, auf einmal musste ich lachen: »Jetzt weiß ich es!« Ich wählte Anjas Nummer.

»Hi, Süße, was gibt’s?«

»Anja, ich glaube, ich bin lesbisch!«

Sie sagte nichts.

»Es kann nur so sein! Darum habe ich den anderen Mädchen immer auf ihre Brüste geschaut und mich dabei geschämt. Das ist der Grund, warum ich in Gegenwart von Frauen nervös bin und unsicher. Weil sie mich geil machen! Weil ich Angst davor habe, mich nicht zurückhalten zu können und über sie herzufallen. Weil ich ihre Brüste geil finde. Weil ich sie ficken will.«

»Hm, ja, kann sein.«

»Keine Sorge, du bist meine beste Freundin, dich betrifft das nicht!«

»Okay.«

»Ich hatte vor Monaten schon Träume, in denen ich mit Frauen Sex hatte, oder Frauen nachgelaufen bin, weil ich sie ficken wollte. Im Aufwachen war ich über mich selbst erschrocken. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich so empfinde. Aber jetzt traue ich mich endlich, es zu sagen: Ich stehe auf Frauen! Ich stehe nicht auf Männer!«

»Und was willst du jetzt machen?«

»Als Lesbe leben! Ich werde es Felix sagen. Dann weiß er endlich den Grund für mein unschlüssiges Verhalten!«

»Ja, mach das.«

»Das wird natürlich schwer werden. Die Auswahl an Partnerinnen ist beschränkt. Ich muss immer Angst haben, dass ich mich in eine Frau verliebe, die hetero ist. Aber es ist nun mal meine Neigung, und ich will sie nicht länger verleugnen. Irgendwie wird es schon gehen!«

»Ja, sicher.«

»Auf jeden Fall ist es gut, dass die Männer endlich abgeschrieben sind. Ich muss mich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen. Ich bin lesbisch! Das ist die perfekte Ansage, um sie mir vom Leib zu halten. Endlich kann ich rein auf der geistigen Ebene mit ihnen verkehren, vor allem mit Felix. Ich kann entspannt sagen: Ich stehe auf Frauen! Und er wird sich zurückziehen, aber als Freund bleiben.«

»Du, ich muss zurück zum Familienessen.«

»Alles klar! Bis dann!«

– Was für ein Glück! Was für ein Glück! Oder bilde ich mir schon wieder etwas ein? Nein, nein, es stimmt! Diese Erkenntnis fügt all das bis hierhin Unerklärliche zu einer logischen Folge zusammen. Ich habe soeben mein wahres Ich entdeckt! –

Mein Handy läutete: Felix: »Ich bin gerade im Café Stein. Hast du doch Lust, dich mit mir zu treffen, liebe Freundin? Ich habe gerade ein sagenhaft spannendes Buch zu Ende gelesen. Ich muss dir davon erzählen! Kommst du vorbei?«

»Okay, gib mir eine halbe Stunde!«

Felix empfing mich auf der Terrasse des Café Stein mit glühenden Wangen und fiebrigem Blick. Er küsste mich eilig, »Setz dich!«

»So spannend?«

»Es ist Wahnsinn! Trifft genau den Puls der Zeit. Auf sowas bin ich immer aus. Ein anonymes französisches Autoren-Kollektiv. Sie sagen das Ende des herrschenden politischen Systems voraus, den Zusammenbruch aller Strukturen und den Ausbruch von Anarchie.«

»Anarchistische Wunschvorstellung, oder?«

»Nein! Es ist unglaublich hellsichtig und scharf in der Analyse!«, – und schon textete er mich zu mit dystopischen Phantasien, redete sich regelrecht in Rage und schien gar nicht zu merken, dass ich es war, die vor ihm saß: die Frau, die er liebte und begehrte, wie er sagte! Ich hörte ihm zu, versuchte es zumindest, aber es langweilte mich, ließ mich kalt, ich verlor den Faden, schweifte ab, schaute auf seine Hände, die kräftigen Finger, mein Blick blieb bei den Silberringen an seinen Ringfingern hängen: der eine war matt, hatte durch scharfe schwarze Einkerbungen erhabene Kanten und eine gewölbte Mitte, das Schwarz der Einkerbungen griff auf das Silber über und strukturierte es; der andere war schmaler und glänzte, in seiner Mitte erhob sich eine quadratische Fassung, in die ein glatter schwarzer Stein eingepasst war.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, er sah mich irritiert an.

»Jaja!«

Über seiner nackten Brust baumelten die Fransen eines feinmaschigen grauschwarzen Schals. Seine glattrasierten Wangen, der Duft seines Parfums, seine zarten Lippen, die angestrengt Worte formten, die hochgezogenen Brauen und der ernste Blick erregten mich.

»Negomi?«

»Jaja!«

»Jaja?! Sagt dir das gar nichts?«, fragte er aufgebracht.

»Zahlen wir?«, ich gab dem Kellner ein Handzeichen, »Willst du noch woanders hingehen?«

»Ja, klar! Ich war noch gar nicht fertig! Also, wo war ich stehen geblieben?«

– Er nervt! Was ist los mit ihm? Freundschaftlich! Nimmt er das so ernst!? Quatscht mir die Ohren voll! –

Der Kellner kam. Ich lud Felix ein. Wir stiegen von der Terrasse auf den Gehsteig. Er redete und redete, wollte mich unbedingt von seiner Ansicht überzeugen. Ich wollte ficken oder knutschen. Ich wollte ihn küssen, seine Lippen spüren, seine Zunge: er machte mich geil. Er merkte, dass ich ihm nicht zuhörte, und das machte ihn noch wilder in seiner Rede.

»Gehen wir da rein?«, ich zeigte auf das Lokal gegenüber.

»Ja!«

Und schon ging es weiter.

– Ich glaub’ es nicht! Felix, bitte! Lass uns einfach übereinander herfallen, lass uns einander verschlingen, auffressen, aber bitte, bitte, nicht mehr reden! –

Drinnen war es dunkel, laute Musik dröhnte zwischen den engen Wänden, Teelichter flackerten, alles war schwarz, außer die roten Lampen im Regal hinter der Bar. Schwarze Gestalten huschten an uns vorbei, sie zwängten sich zu anderen, die dicht gedrängt an kleinen Tischen saßen. Wir stiegen eine Wendeltreppe nach oben, drückten uns in einem schmalen Gang an noch mehr schwarzen Gestalten vorbei nach vorne zum Fenster, wo zwei Stühle noch frei waren. Sofort textete mich Felix wieder zu.

– Ich muss ihn irgendwie stoppen! – »Willst du mir etwas verkaufen?«

»Was?!«

Die Musik war zu laut gewesen.

»Ob du mir etwas verkaufen willst?«

»Wieso verkaufen?«

»Weil du nicht lockerlässt und mir deine Meinung aufdrängst.«

»Ja, das tue ich, weil es wichtig ist!«

Ich grinste ihn an, stand auf und ging zur Toilette.

– Einfach den Faden abgerissen, mitten im Wort die Rede abgeschnitten, also wenn ihn das nicht wachrüttelt! –

Ich blieb vor dem Waschbecken stehen und guckte in den Spiegel: Schau mich nicht so an! Was ist!? Ja, das war respektlos von mir, und ich habe Bammel, was er zu mir sagen wird, wenn ich zum Tisch zurückkomme. Trotzdem: Ich habe das Richtige getan!

Felix schaute angestrengt ins Leere und rauchte. Er schaute auf. Sein Blick nötigte mich, sofort Platz zu nehmen. Und schon fing er wieder an, von demselben zu reden.

»Ja, ist gut, ich gebe dir Recht!«, ich stöhnte und verdrehte die Augen.

»Wenn ich dich nerve, höre ich auf!«

»Ja, du nervst!«

Er seufzte, »Ich will eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus.«

»Und worauf?«

Er schaute mich verzagt an. Ich näherte mich seinem Gesicht und küsste ihn. Als ich meine Lippen von seinen löste, sagte er: »Ich dachte, wir sind nur Freunde.«

»Freunde können sich doch auch küssen.«

Er grinste, »Ja, klar, aber ich dachte, du willst das nicht. Nur deswegen habe ich mich zurückgehalten – und so viel geredet!«

»Jetzt will ich aber!«

»Ich auch!«

Endlich spürte ich sie wieder, seine weichen Lippen, die spitze Zunge, ich schmeckte seinen Speichel, seine glattrasierten Wangen rochen nach Parfum.

Mein Handy klingelte: Nelli: »Hi, Negomi! Hast du Lust auf Kino? Sophie und ich wollen uns den neuen J.P.-Film ansehen. Der läuft in einer Stunde im Hammer.«

»Felix ist bei mir.«

»Geil! Dann sehen wir euch endlich zusammen! Also, was ist?«

Ich fragte Felix, der nickte heftig: »Von dem hab’ ich schon gehört: will ich unbedingt sehen! Der soll total crazy sein.«

»Okay, wir kommen!«

Wir gingen die Hauptstraße hinunter in Richtung »Hammer«. Es war dunkel, ein kalter Wind kam auf. Felix fing wieder an, über das französische Anarchisten-Buch zu sprechen. Diesmal hörte ich ihm zu und spürte Unbehagen bei der Vorstellung des totalen Zusammenbruchs. Es kam mir auf einmal so wahrscheinlich vor und war daher umso beängstigender.

»Aber, was wird nötig sein? Ich meine, was wird geschehen?«

»Es wird nur mit Waffengewalt gehen. Die Waffen sollen wir prinzipiell nicht tragen, um auf andere zu schießen, aber wir müssen uns verteidigen können. Es wird nötig sein, Sabotageakte zu verüben, aber am wichtigsten wird es sein, in Supermärkte einzubrechen, um Essen zu beschaffen, in Apotheken einzubrechen, um an Medikamente zu kommen. Wir werden lernen müssen, Straßenküchen aufzubauen. Da geht es dann nicht darum, dass ich Schauspieler bin, ich werde lernen, wie man eine Suppe kocht.«

»Aber wie kann ich mich jetzt darauf vorbereiten?«

»Indem du dir erst einmal gedanklich klar wirst. Indem du begreifst, dass bereits alles in Trümmern liegt. Was wir anbeten, sind nur noch die Totenmasken. Der Rest erübrigt sich von selbst. Und dann gilt es, bereit zu sein.«

Im »Hammer« war es düster. Wir gingen an die Bar. Ich bestellte eine Cola, Felix ein Red Bull. Hier war ich in einer Sommernacht mit Nelli und Sophie reingeschneit. Sophie war überdreht gewesen, Nelli aufgekratzt, und mir hatte sich der Magen umgedreht. Wir hatten was erleben wollen. Jetzt war alles anders. Vor der verschmierten Scheibe der Eingangstür sah ich Nelli und Sophie. Sie kamen herein und grinsten erfreut, als sie uns erblickten. Wir umarmten uns.

»Verdammt geil, dass ihr zusammen seid!«, sagte Sophie.

»Finde ich auch! Es ist schräg und gut«, sagte Nelli.

Wir gingen hinter der Bar durch eine Tür in einen kahlen, von Neonröhren beleuchteten Gang. Die Tür zum Kinoraum war noch verschlossen. Ich wollte hier nicht sein, ich fühlte mich gefangen, ich wollte weglaufen, aber es war, als würden Bleikugeln an meinen Armen und Beinen hängen. Ein junger Typ mit Dreadlocks öffnete die Tür, riss unsere Karten ab und wünschte uns viel Spaß beim Film. Mit uns betraten nur fünf andere den Saal. Wir nahmen in alten, gepolsterten Kinosesseln Platz. Felix legte seinen Arm auf die Lehne, öffnete seine Hand und lächelte mich an. Ich versuchte, sein Lächeln zu erwidern, und legte meine Hand in seine. Das Licht wurde gelöscht, der Projektor surrte leise, auf der Leinwand erschien der Titel des Films: »Wie der Hollywood-Schauspieler J.P. seine Karriere an den Nagel hing und Hip-Hop-Sänger wurde«.

Mir war meine Haut zu eng, ich bekam keine Luft. Ich wollte Felix meine Hand entziehen, ich wollte aufstehen und gehen.

J.P. sitzt mit seinen Kumpels im Fast-Food-Restaurant und frisst einen fetten Burger nach dem anderen – er hat schon zehn Kilo zugenommen.

Schnitt: J.P. sitzt in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, Sonnenbrille auf der Nase, Mikrophon am Mund.

Nelli, Sophie und Felix lachten. Meine Kehle war zugeschnürt. Felix drehte sich zu mir, »Alles in Ordnung?«

Ich nickte.

Er drückte sanft meine Hand.

Wir standen draußen auf der Straße. Felix, Nelli und Sophie waren gut gelaunt, der Film hatte sie erheitert. Mir war einfach nur kalt. Wir verabschiedeten uns. Nelli stieg zu Sophie ins Auto. Sie fuhren aufs Land, wollten eine Woche bei Sophies Eltern verbringen – die letzte Woche, bevor ihr zweites Jahr auf der Schauspielschule begann.

»Kommst du mit zu mir, oder soll ich dich nach Hause bringen?«, fragte Felix.

»Ich gehe nach Hause.«

»Du gehst nach Hause. Soll ich nicht mitkommen?«

»Doch!«, ich stöhnte.

»Was ist los mit dir?«

»Ich… ich kann das nicht!«

»Das heißt, es ist schon wieder aus? – Ich habe mir fast schon so etwas gedacht.«

»Ich halte das einfach nicht aus. Du überforderst mich.«

»Womit?«

»Mit allem! So wie du bist, so wie du denkst, ich kann nicht so denken wie du!«

»Aber Negomi, Schatz, ich übertreibe doch – maßlos! In der Übertreibung zeigt sich das Wesentliche am deutlichsten. Ich breche im Denken alle Tabus: nur so kann ich wachsen. Ich erlaube mir, an einem Tag voller Inbrunst eine Meinung zu vertreten und mir am nächsten Tag mit der gleichen Inbrunst total zu widersprechen. Denken heißt für mich spielen!«, er hob die Hände und lachte.

Mir kamen die Tränen.

»Negomi, Herzeleben!«, Felix schloss mich in seine Arme. Ich war steif.

»Ist dir kalt? Hier, nimm meinen Schal!«, er legte ihn mir um den Hals. «Komm, ich bringe dich nach Hause.«

Wir gingen schweigend nebeneinanderher.

»Ich höre nicht zum ersten Mal von einem Menschen, dass ich ihn überfordere. Aber ich hatte den Eindruck, dass du sehr gut umgehen kannst, mit dem, was ich sage, mit dem, was ich bin. Außerdem ist Überforderung das einzig Wahre! Alles andere ist lauwarmes Gewäsch, Sicherheitsdenken, Feigheit, das verzwergt. Sei mutig, tritt der Überforderung entgegen, nimm es mit ihr auf! Man lernt überhaupt nur durch Überforderung, nur an ihr wächst man.«

Ich schwieg.

Er wartete. »Wo drückt der Schuh?«

»Na, da, hier! Da, zwischen uns! Es geht einfach nicht! Der Altersunterschied ist zu groß. Du bist viel weiter als ich. Da komme ich nicht mit. Du weißt mehr, du hast mehr erlebt als ich, du kannst auf viele Jahrzehnte Erfahrung zurückgreifen, du bist viel geübter als ich, in allem! Ich kann gar nichts beitragen. Ich kann nur zuhören. Wenn ich einmal was erwidere, sagst du gleich, dass das eigentlich ganz anders ist. Du klingst so überzeugt und bestimmt. Da kann ich nicht widersprechen. Ich muss es einfach fressen und schweigen.«

Stille.

»Ich weiß gar nicht, was ich weiß. Ich rede einfach, ich phantasiere. Ich stehe mit dir ja nicht in einem Wettbewerb: Wer weiß mehr. Ich habe Fragen und versuche, sie mir zu beantworten. Du hast Fragen, und ich versuche, sie mit dir gemeinsam zu beantworten. Ja, ich habe viel erlebt, na und, du hast auch viel erlebt.«

»Das kannst du doch nicht vergleichen!«

»Ich habe keinen Lagerraum, in dem mein Wissen und meine Erfahrungen fein säuberlich nach Datum und Uhrzeit übereinandergestapelt sind, immer griffbereit, immer abrufbar. Ich berufe mich überhaupt nicht auf so etwas wie Wissen. Was ist Wissen? Was soll das sein? Irgendetwas Fertiges, Abgepacktes, kann man das essen? Dieses sogenannte Wissen, das man in der Schule und auf Universitäten lernt, hindert nur am freien Denken und Tun. Es ist Ballast und sagt nichts aus. Das Streben nach Wissen und mehr Wissen und noch mehr Wissen ist Unsinn. Du wirst niemals genug wissen. Du wirst niemals alles wissen. Und daran zeigt es sich: Wissen liegt nicht in der Menge. Die Menge ist ein Haufen Schutt, der dir die Sicht auf das Wesentliche versperrt. Was gilt es denn zu wissen? Was ist es wert, gewusst zu werden? Es sind in Wahrheit nur ganz wenige Gedanken, wenige Sätze. Und die sind nicht dazu da, nachgeplappert oder aufgesagt zu werden. Es sind Anregungen zum Denken und Handeln. Mir ist völlig egal, was ich weiß, ich gehe vorwärts und reagiere auf den Augenblick.«

»Du weißt auf jeden Fall mehr als ich.«

»Ich weiß gar nichts! Ich habe ein Leben gelebt, in dem ich ständig Herausforderungen gegenüberstand, die mir vollkommen neu waren. Nichts, was ich zu wissen glaubte, hat mir geholfen. Ich bin Anfänger, immer!«

Ich seufzte.

»Ja, natürlich weiß ich mehr als du. Aber wenn du mein Wissen und mein Mehr an Erfahrung brauchen kannst, ist das doch wunderbar! Mein Wissen ist ja nicht eine Waffe, die ich gegen dich richte, es ist ein Spielzeug, es sind Bauklötze. Ich stelle sie dir gerne zur Verfügung, wenn du mit ihnen spielen möchtest. Lass’ uns gemeinsam mit ihnen spielen!«

»Du wirst immer mehr wissen als ich. Du kannst immer nur mein Lehrer sein. Es kann zwischen uns keine gleichberechtigte Beziehung geben.«

Wir waren an der Straßenecke zu meiner Wohnung angekommen.

»Ich liebe dich, Negomi.«

»Ich brauche Zeit. Ich muss nachdenken.«

»Worüber willst du nachdenken? Das Leben findet hier und jetzt statt!«

»Ich kann das nicht so einfach.«

»Ist das jetzt eine Pause?«

»Ja.«

»Gut, ich gehe. Rufst du mich an?«

»Ja, ich-«

»Schon gut, du brauchst Zeit. Ich gehe.«

»Ja.«

»Gut«, er drehte sich langsam um und ging über die Straße auf den Platz zu, auf dem die Votivkirche weiß in den kalten Nachthimmel ragte.

In meinem Zimmer war es stockfinster. Ich öffnete das Fenster. Ein scharfer Windstoß ließ mich erschauern. Ich hörte das Rauschen der Stadt. Unten in der Straße röhrte ein Motor auf, ein Auto zog vorbei. Ich schaute nach oben in den dumpfen orangen Schein der Straßenlampen, der in der Nachtschwärze zerfloss wie eine Giftwolke im stillen Wasser. Über den Lampen sah ich keinen Himmel und keine Sterne, sondern roten Nebel, den diffusen Widerschein der erleuchteten Stadt. Ich atmete keine frische Luft, nur die Erinnerung daran. Ich wollte auf die Straße springen und davonlaufen, in die Nacht hinein, irgendwo in der Fremde neu anfangen: es war überall besser als hier! Mich fröstelte, ich schloss das Fenster und zog das Rollo herunter. Ich spürte die weichen Fransen von Felix’ Schal auf meiner Brust, ich zog ihn mir von den Schultern und hängte ihn über die Lehne meines Schreibstuhls.

Negomi

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