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ОглавлениеUnsere Gesellschaft kehrte nach Hause zurück, und das in recht gedrückter Stimmung - so, wie man es von frisch Verlobten erwartet. Ohne ein Wort begab ich mich hinauf auf Helenas Zimmer, die Gallinghers gingen in das meine.
Nach all den Geschehnissen brauchte ich Zeit zum Nachdenken. Und um den Schock zu verarbeiten. Was machte Jean bei Maud? Er war in die Hütte getreten, aber nicht durch die vordere Tür, durch die wir gekommen waren, sondern vom Garten aus. Er hatte kurz gegrüßt, und als er mich erkannte, spielte ein kurzes Lächeln um seine Lippen. Das verflog aber auf der Stelle, als er meinen Begleiter sah. Sofort verneigte er sich steif und verließ die Hütte wieder. Er wirkte etwas verstört. Als ich zu Edward sah, zog der nur fragend die Augenbrauen hoch. Daraufhin beendete ich meinen Einkauf und wir verließen die Hütte, um kurz darauf auf Mama zu stoßen.
Gern wäre ich Jean gefolgt, aber durch die Umstände war es nicht möglich. Möglichst bald mußte ich herausfinden, was sein Besuch bei Maud zu bedeuten hatte.
Noch näher lag in diesem Moment jedoch ein anderes Problem. In Gedanken ging ich den Spaziergang noch einmal durch. Wie hatte es zu dieser vollkommen absurden Situation kommen können? Das konnte ich nur erahnen, denn ich war bei dem Gespräch zwischen Emma und Edward nicht dabei. Doch hielt ich ihn nicht für so unbegabt, daß er sich nicht aus einer brenzligen Situation auf eine andere Weise hätte herausreden können. Sollte er also vielleicht ernste Absichten verfolgen und diese sich ihm bietende Gelegenheit einfach beim Schopf ergriffen haben? Bei jeder anderen Frau hätte ich das mit Recht annehmen können – aber nicht, wenn ich einen Blick in den Spiegel warf.
Wie sollte es nun weitergehen? Durfte ich annehmen, daß er sein vor Zeugen gegebenes Eheversprechen vielleicht doch wahr machen würde? Wollte ich das überhaupt? Im Grunde nicht.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Zwar war mir nicht nach Gesellschaft zumute, doch bat ich herein. Aphrodite betrat das Zimmer. Sie strahlte geradezu und sagte voller Freude:
„Ach, liebste Elizabeth, ich freue mich so für dich! Auch wenn Mama das etwas anders sieht, aber ich bin froh, daß du es so getroffen hast! Die Ehe ist doch das schönste, was einer Frau heute passieren kann!“ Sie kam auf mich zu und umarmte mich fest. Als sie weitersprach, schien sie ein wenig traurig zu werden: „Sieh dagegen mich an – in wenigen Jahren wird das Erbe meines Vaters aufgebraucht sein. Wenn wir bald das Haus verkaufen, wird es noch eine Weile für Mama reichen, aber ich bin jetzt schon auf der Suche nach einer Anstellung, damit ich ihr nicht länger zur Last falle.“
Verwundert sah ich Aphrodite an.
„Ihr wollt euer Haus verkaufen? Aber weshalb denn?“
Sie blickte wehmütig in die Ferne.
„Ach Elizabeth, wie wenig du von der Welt da draußen weißt… Wir zwei Frauen haben doch keinerlei Einkommen, und das Barvermögen aus dem Erbe von Papa ist, wie gesagt, so gut wie aufgebraucht. Da bleibt uns nichts anderes übrig. Selbst wenn ich eine Anstellung finde, kann davon kein so großes Anwesen wie das unsere unterhalten werden. Mama ist schon auf der Suche nach Käufern, aber du kannst dir vorstellen, daß man einer Frau schlechterdings nicht so viel Geld bezahlen will. Die potentiellen Interessenten ahnen natürlich, daß Mama aus einer Notlage verkaufen muß. Dann versuchen sie, den Preis herunterzuhandeln. Deswegen sind wir ja ursprünglich zu euch gekommen: Mama will deinen Vater bitten, sie beim Verkauf zu unterstützen - damit sie etwas mehr Geld für das Haus bekommt. Dennoch muß ich mir Arbeit suchen, denn Mama kann gut und gern noch dreißig oder vierzig oder noch mehr Jahre leben, und dafür wird das Geld gerade reichen.“
Durch ihre Worte war ich ins Grübeln geraten. Vordem war mir selten der Gedanke gekommen, daß viele Menschen ihren Lebensunterhalt nicht geschenkt bekamen, sondern dafür arbeiten mußten. In unserer Familie arbeitete nur Papa, weil die zum Gut gehörigen Ländereien und Wälder noch genügend abwarfen und er alles zum größten Teil selbst verwaltete. Dennoch blieb meiner Meinung nach eine Möglichkeit für Aphrodite, welche sie durchaus in Betracht ziehen könnte. So fragte ich rundheraus:
„Aber warum heiratest du denn nicht?“
Aphrodite sah mir seltsam forschend in die Augen. Sie schien etwas zu zögern mit der Antwort.
„Sieh mich doch an! Wer nimmt schon eine Frau wie mich? Außerdem… liest du keine Zeitung?“
Verwundert schüttelte ich den Kopf. Eine meiner Schwächen.
„Dann hast du auch nichts vom letzten Zensus gehört…Es gibt in diesem schönen Königreich deutlich mehr Frauen als Männer, was bedeutet, daß nur die besten – oder vielmehr die schönsten, zumindest in unseren Kreisen – einen Ehemann bekommen können. So etwas wie ich bleibt übrig und muß arbeiten.“
Erst wollte ich protestieren, sah dann aber ein, daß es heuchlerisch wirken würde. Aphrodite war zwar keine Schönheit im herkömmlichen Sinne, aber sie war, wie ich festzustellen glaubte, eine herzensgute und anständige Frau, die es sicher mehr verdienen würde als manch andere, einen Mann zu finden. Dennoch fragte ich sie skeptisch:
„Wo willst du denn arbeiten?“ Denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß Aphrodite als Bäuerin oder Fabrikarbeiterin ihr Brot verdienen würde. Das waren die beiden Berufe, die ich damals am ehesten mit dem Wort ‚Arbeit’ in Verbindung brachte. Sie hatte darüber aber anscheinend bereits gründlich nachgedacht:
„Nun, für Frauen wie mich bleibt im Grunde nur eine Arbeit, bei der ich wenigstens einen Teil meiner Würde behalten könnte: ich werde versuchen, eine Stellung als Gouvernante zu bekommen. Alles andere, wie zum Beispiel mich als Näherin oder Haushälterin oder gar Zimmermädchen zu verdingen, wäre ein unerträglicher Abstieg, und das würde ich nur im äußersten Notfall tun. Als Gouvernante in einem anständigen Haus hätte ich sogar Familienanschluß und würde nicht unbedingt als niedere Angestellte behandelt werden. Wenn du einmal Kinder haben wirst, kannst du mir gern schreiben, ich glaube, wir würden gut miteinander auskommen.“
Wortlos umarmte ich Aphrodite und drückte sie eine Weile fest an mich, um meine Rührung zu verbergen und die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
Sie hatte mir sehr geholfen, über einige Dinge Klarheit zu gewinnen.
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