Читать книгу Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper - Страница 9

Prolog Shayla Amber Hall Lyraine

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Lyraine war sich nicht sicher, ob es der irritierende Fackelschein gewesen war, der durch die Vorhänge hindurch zu ihr hineindrang, oder doch das Getrappel von Füßen – vielen Füßen –, das sie weckte. Einen Moment lang verharrte sie still, auf die unbekannten Geräusche lauschend.

Für gewöhnlich schluckte der mit Teppichen verkleidete Gang vor ihrem Schlafzimmer fast jedes Geräusch.

Wie spät war es?

Lyraine setzte sich auf, die Decke wegschiebend, die ihr Vater erst vor wenigen Stunden festgesteckt hatte, und schwang ihre Füße aus dem Bett. Mittlerweile hatten sich gedämpfte Stimmen zu den Schritten gesellt. Was sie sagten, war unmöglich zu erahnen – doch es klang nach gehetzt gerufenen Befehlen. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann griff sie nach ihrem goldenen Stoffdrachen, setzte die Füße auf den Boden und schlich auf Zehenspitzen zur Tür.

Die Vorsicht war angemessen: Sowohl ihr Papa als auch die Krieger, welche die Privatgemächer von Lyraines Eltern und die ihren beschützten, hatten Ohren schärfer als die der Wölfe, die sich manchmal aus den Wäldern her verirrten.

Lyraine erreichte die Tür, öffnete sie behutsam einen Spalt breit und sah … gar nichts. Ein wenig ernüchtert blieb Lyraine im Türrahmen stehen. Anscheinend waren die Krieger nur vorbeigelaufen, aus welchem Grund auch immer, und waren nun im Erdgeschoss des Anwesens. Lyraine öffnete die Tür weiter, um das Licht der Kerzenhalter, das den Gang erhellte, in ihr Zimmer fallen und damit die kleine Uhr aus ziseliertem Silber auf ihrer Kommode beleuchten zu lassen. Es war schon die dritte Stunde der Nacht – und trotzdem waren alle auf den Beinen? Vielleicht sollte sie ins Bett zurückkehren, nicht wieder nachts herumstreifen und erneuten Ärger mit Gorwyn riskieren. Der Truchsess war ein freundlicher Mann mit einer unerschöpflichen Geduld, aber von mitternächtlichen Spaziergängen, die mit gestohlenen Keksen in seinem Arbeitszimmer endeten, hielt er überhaupt nichts, wie er ihr bereits zweimal im vergangenen Monat eingebläut hatte.

Lyraine vermutete, dass er sich vor allem vor Marmeladenflecken auf den kostbaren beschriebenen Seiten fürchtete.

Einen Moment lang verharrte sie, wo sie war.

»Nur einmal kurz schauen, ja, Zisch?«, vergewisserte sie sich mit einem Blick in die großen runden Glasaugen des Kuscheldrachen, schob ihn tiefer in ihre Armbeuge und zog die Tür hinter sich zu. Das war immer wichtig, hatte sie festgestellt – so würde den Männern, die vielleicht den Gang kontrollierten, nicht auffallen, dass die Tochter der Königin aus ihrem Bett und dem Zimmer entwischt war.

Jetzt hielt sie nichts mehr. Mit wenigen Schritten erreichte sie die Biegung des Korridors, lautlos auf dem dicken Teppich, und dann endlich die Treppe. Ihre Finger fanden die Marmorstreben des Geländers, das ihr half, das Gleichgewicht zu behalten, als sie in die Hocke ging, um geduckt die Stufen hinabzuschleichen. Zwei, drei, vier Stufen, dann bog sich die Treppe weit genug, sodass sie in die Eingangshalle blicken konnte.

Drei Erkenntnisse fanden ihren Weg in Lyraines Geist.

Erstens: Weder der Fackelschein noch die Schritte auf den Gängen hatten sie geweckt, sondern der Kampfeslärm von drei Dutzend Kriegern, die, ihre mahrischen Schwerter gezogen, mit Flammen und Frost gegeneinander kämpften.

Zweitens: Im Kampfgetümmel musste ein fehlgeleiteter Einschlag der Mahr eines Albenkriegers den einst so beeindruckenden Kronleuchter, der die Eingangshalle beim Zubettgehen noch erleuchtet hatte, von der Decke gerissen haben. Er war zerborsten, als größte Lichtquelle völlig untauglich geworden, und nur die Fackeln an den Wänden erhellten das Foyer.

Und die dritte Erkenntnis kam, seltsam verspätet nach den anderen beiden: Einige – mehrere – viele der Albenkrieger dort unten waren die Männer ihrer Mutter. Wieso hatte sie diese nicht gleich erkannt?

Es waren zweifelsohne Alaric, ihr Onkel, der Schild ihrer Mutter, und die Herolde, die er befehligte. Sie waren alle da. Kay Hollow. Bron Nychester, der sich die Ärmel hochgekrempelt hatte. Sie konnte die violette Rún auf seinem Unterarm bis zu ihrem Versteck auf der Treppe leuchten sehen. Rogan Duskwood. Sein Sohn Brandon, den man zu Boden geworfen hatte, der sich aber soeben wieder aufrappelte. Wo war ihr zweiter Onkel, Avallan?

Lyraine fühlte sich so versteinert, als wäre sie Teil der Treppe geworden.

Ein Angriff, verstand sie. Ein Angriff auf Amber Hall.

Seit Wochen hatten ihre Eltern davon gesprochen, von der Möglichkeit, der Vorahnung, der Befürchtung. Und jetzt war sie Wirklichkeit geworden. Die Katastrophe, auf die Amber Hall und all seine Bewohner sich vorbereitet hatten – alle, außer Lyraine, so kam es ihr vor – war tatsächlich da, in einer Nacht, einer völlig gewöhnlichen Nacht. Sie hatte den Tag verbracht wie jeden anderen. Nichts, aber auch gar nichts hatte sie anders gemacht. Morgens hatte sie Lesen und Schreiben mit Meister Lewyn geübt, mittags fast zwei Stunden lang Mathematik, nachmittags hatte sie zu Brandon in die Ställe zu ihrem Pony gedurft. Sie hatte sich vor dem Abendessen die Hände gewaschen und die Haare gebürstet. Durch dieses Haar hatte ihr Vater ihr gestrichen, als er sie abends zugedeckt hatte.

Der Tag war so gewesen, wie ein Tag sein sollte – und jetzt war das große Tor von Amber Hall aufgebrochen, die Tür von einem Angriff mit der Mahr aus den Angeln gerissen. Erste Feuerzungen leckten über das tiefblaue Wappen ihrer Familie und hatten bereits den silbernen, fallenden Mond erreicht.

Eine Stimme riss Lyraine aus ihren Gedanken und dem Anblick, der sie gefangen hielt – es war ihr Vater, umgeben von der kobaltblauen Aura seiner Rún, der mit gezogenem Schwert versuchte, weitere durch die Türöffnung eindringende Krieger zu stoppen.

Lyraine löste sich aus ihrer Starre. Sie konnte hier nicht bleiben. Obwohl die Rauchentwicklung noch nicht stark war, juckte der Qualm jetzt schon in ihrem Hals. Kurzentschlossen richtete sie sich auf, Zisch fester an sich pressend. In diesem Getümmel durfte sie ihn auf gar keinen Fall verlieren. Schritt für Schritt wagte das Mädchen sich weiter nach unten. Mit jedem wurde ihr mehr bewusst, wieso sie die Mitglieder des Hofes ihrer Mutter nicht sofort erkannt hatte. Sie sahen nicht mehr aus wie sie selbst. Natürlich, ihre Gestalt hatte sich nicht wirklich verändert. Sie hatten immer noch die nach vorn gebogenen und gedrehten Hörner und die spitz zulaufenden Ohren, die Albenmänner eben hatten. Letzteres hatten auch ihre Mutter und sie und alle Albendamen. Und sie hatte die Männer auch schon mit Waffen in den Händen gesehen; nicht selten trainierten sie damit vor dem Haus.

Aber die Art, mit der die Aura der Rúnir um sie alle leuchtete, war ein wildes Funkeln, kein beständiger schwacher Glanz wie sonst. Sie waren völlig in diesen Kampf verwickelt, erhitzt, brennend durch den Einsatz der Mahr.

Selbst ihr Vater sah anders aus, stellte Lyraine fest. Er war immer noch ein stattlicher Nachtalbenlord, mit Haar, so dunkel wie ihres, obwohl seines am Scheitel, den Schläfen und den Brauen schon eine Spur von Silber zeigte. Aber jetzt, wo er die Klinge gegen einen der Eindringlinge erhob, konnte sie verstehen, wieso seine kobaltblaue Rún die Form eines Schwertes hatte. Lyraine stieg über eine zertrümmerte Vase und bereute, ihre Pantoffeln nicht angezogen zu haben. Der Boden war spiegelglatt und kalt.

Es war ihr Glück, so viel kleiner zu sein als die Männer, als sie sich zwischen den Kämpfenden so gut wie unbemerkt vorbeischlängelte. Doch dieses Glück hielt nicht an: Ihr Vater war nach wie vor in einen Zweikampf verstrickt, und zwischen ihm und ihr waren noch weitere Duelle, die sowohl mit der Albenmagie als auch mit Schwertern ausgefochten wurden. Jedes Nähern bedeutete ein enormes Risiko, das wusste Lyraine.

Unsicher trat Lyraine von einem Fuß auf den anderen. Sollte sie es wagen und nach ihrem Vater rufen? Was, wenn sie ihn dadurch ablenkte und seinem Gegner – einem Nachtalben mit tiefschwarzem Haar – dadurch einen Vorteil verschaffte? Aber einfach hier zu stehen war genauso wenig klug!

Noch bevor Lyraine eine Entscheidung fällen konnte, wurde sie ihr abgenommen. Ein Tritt in ihre Kniekehlen riss ihr die Füße weg und ließ sie der Länge nach hinfallen. Sie schlug auf dem Marmorboden auf, konnte sich nur auf einer Seite abfangen, weil sie mit dem rechten Arm immer noch Zisch festhielt. Instinktiv zog sie das Stofftier noch fester an sich. Sie hatte sich ganz eindeutig die Knie aufgeschlagen, aber sie spürte den Schmerz kaum. Lyraine wollte sich aufrappeln, doch ein fester Griff um ihren Oberarm kam ihr zuvor.

Der Mann, der sie angegriffen hatte, packte sie und zerrte sie auf die Füße, sie gleichzeitig zu sich herumdrehend.

»Wer hat sich denn hierher verlaufen?«, blaffte der Albenkrieger sie an. Einen Moment lang fühlte Lyraine sich wie erstarrt, bevor sie sich gegen den Griff zu sträuben begann. Der Alb packte sie fester und zog sie höher, sodass fast nur noch ihre Zehenspitzen den Boden berührten. Unwirsch griff er mit der freien Hand nach dem bestickten Stoff ihres Nachthemdes. »Du bist das Balg der Königin.«

Lyraine wusste nicht, was in seinen Augen aufleuchtete – was genau der Ausdruck war. Aber irgendetwas an dieser Erkenntnis schien ihn zu erfreuen. Lyraine holte tief Luft. »Ich bin Lady Lyraine aus dem Haus Moonfall, die Tochter der Königin, und Ihr, Sir, werdet mich loslassen!« Sie gab ihrer Stimme den gebieterischsten Tonfall, den sie erreichen konnte, und erreichte damit – gar nichts.

Der Alb griff nach ihrem Handgelenk, schob ihren Ärmel hinauf und entblößte die Rún.

»Rosé«, stellte er mit unverhohlener Enttäuschung fest. »Ein adliges Gör und dann eine roséfarbene Rún. Das wird deiner Mutter nicht viel Freude bereitet haben.« Er spuckte aus. Lyraine entriss ihm die Hand, doch noch bevor sie einen Schritt machen konnte, hatte sein Griff sich wieder eisern um ihren Oberarm geschlossen.

»Mir soll es gleich sein«, grunzte er. »Halt still!«

Mit wachsender Panik erkannte Lyraine, dass er begann, ein Seil von seinem Gürtel zu lösen. »Nein!« Das Wort hatte als halber Schrei schneller ihre Lippen verlassen, als sie blinzeln konnte. »Loslassen!« Einen Moment lang glaubte Lyraine, er würde es tatsächlich tun. Doch als der Alb die Hand hob, wusste sie, dass seine Absicht eine ganz andere war.

Sie war nicht schnell genug, um sich zu ducken. Der Handrücken traf sie im Gesicht, warf sie beinahe zu Boden. Ein hohes Sirren jagte durch ihre Ohren.

Noch nie – nie! – hatte jemand die Hand gegen sie erhoben.

»Willst du jetzt wohl endlich stillhalten?«, fuhr der Krieger sie an. Ein weiteres Mal erhob er drohend die Hand, dieses Mal nur den Zeigefinger ausgestreckt. Lyraine setzte zu einer Antwort an, zu der sie nie kommen sollte.

Eine Klinge glitt durch Fleisch und Knochen, als wären sie aus Wachs. Die Hand fiel zu Boden, der Zeigefinger noch gestreckt. Erst dann fing der Alb zu schreien an. Atemlos wich Lyraine zurück, hielt aber sofort in der Bewegung inne. Ihr Vater hob sein Schwert ein zweites Mal. Steffon Moonfalls Finger schlossen sich um die Schulter des sich vor Schmerzen krümmenden Alben, als er die Spitze seines Schwertes an dessen Brust ansetzte und die Klinge tief in den Körper des Angreifers trieb. Mit einem geräuschlosen Ruck zog er die Waffe wieder heraus und fuhr zu Lyraine herum.

»Lyraine, bei den Himmelsfarben …«

Das Mädchen flüchtete in seine Arme.

Ohne ein weiteres Wort hob ihr Vater sie hoch.

Jetzt wird alles gut. Es gab keinen sichereren Ort auf der Welt als die Arme ihres Papas. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihr Gesicht an seine Schulter.

»Papa …«

»Ich bin hier, Zuckerkind. Wir müssen dich hier wegbringen.«

Über seine Schulter hinweg konnte sie sehen, dass der Nachtalb, mit dem er gekämpft hatte, sich nun mit Kay duellierte. »Halt dich gut fest, Lyraine«, wies ihr Vater sie an. Sie folgte der Anweisung und verschränkte ihre Finger hinter seinem Nacken. Sie konnte sehen, wie ihr Onkel Alaric ihnen den Weg freimachte. Steffon kehrte zur Treppe zurück, trug sie hinauf, nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal.

»Hör mir gut zu, Lyraine«, seine Stimme ließ keine Zweifel darüber aufkommen, wie ernst er jedes gesprochene Wort meinte. »Ich möchte, dass du in deinem Zimmer bleibst. Ich möchte, dass du nicht hinausgehst, bis deine Mutter oder ich dich holen kommen.« Er erreichte ihre Zimmertür, drückte sie auf und stellte Lyraine in der Mitte des Raumes ab. Lyraine wich bis zum Bett zurück. Stumm sah sie zu, wie er die Tür schloss. Er drehte nicht den Schlüssel, sondern wob einen mahrischen Schild. Das Kobaltblau verriegelte die Tür.

»Was sind das für Leute, Papa?«, fragte Lyraine, verunsichert auf ihrem Bett Platz nehmend. Sie entzündete mit der Mahr ihr Nachtlicht. Roséfarbene Rún hin oder her: So viel Macht besaß auch sie. Doch ihr Vater antwortete ihr nicht. Mit einem Stöhnen trat er von der Tür weg. Jetzt erst fiel Lyraines Blick auf eine Stelle oberhalb der Hüfte, auf die Steffon seine Hand legte. Als er sie wieder wegzog, waren seine Finger dunkelrot vom Blut.

»Du bist verletzt, Papa!« Lyraine erschreckte sich davor, wie schrill und ängstlich ihre eigene Stimme klang. Der Nachtalb mit den schwarzen Haaren musste ihn erwischt haben, bevor Kay ihn abgelöst hatte. Sie sprang wieder auf. Sie musste etwas finden, womit sie die Wunde verbinden konnte. Konnte sie ihr Bettlaken dafür zerreißen?

»Hast du mir zugehört, Lyraine? Es ist wichtig, dass du jetzt nicht leichtsinnig bist!« Die Stimme ihres Vaters wurde eindringlicher, als er sich zu ihr beugte und sie auf den Scheitel küsste. Im gleichen Moment erstarrte er. »Unter das Bett, Lyraine.«

»Aber Papa …«

»Lyraine!« Sein Tonfall ließ keine Diskussion zu. Zusammen mit Zisch kroch Lyraine unter das Himmelbett. Einige Sekunden lang geschah gar nichts, dann konnte Lyraine das schneidende Brennen von silberner Mahr erkennen, die das kobaltblaue Siegel in seinen Grundfesten erschütterte. Ihr Vater positionierte sich vor dem Bett. Silber. Der Angreifer trug Silber.

Lyraine rechnete damit, dass die Tür wie die Pforte des Anwesens aus ihren Angeln gerissen werden würde, doch das Aufbrechen geschah fast lautlos. Lediglich das feine Bersten von Metall und Magie drangen an ihr Ohr, als jemand die Tür von außen aufschob. Lyraine duckte sich ein wenig tiefer. Sie konnte nichts anderes von dem Mann sehen als ein paar elegante Herrenstiefel aus feinstem Leder, in denen hellgraue Beinkleider steckten. Der Eindringling trat langsam ein, die Schritte fast behutsam auf das helle Parkett setzend.

»Lord Moonfall«, sagte er unverhohlen spöttisch. Ihr Vater rührte sich nicht. Lyraine spürte, wie er die kobaltblaue Mahr sammelte und einen Schild um das Bett legte. Der Fremde näherte sich einen Schritt.

»Halt!«, hörte Lyraine ihren Vater sagen. »Ich warne Euch, Lichtalb, und das nur ein einziges Mal. Kommt nicht näher.« Ihr Vater schwieg für einen Augenblick. »Ihr müsst hier nicht den Tod finden. Niemand muss es. Ich biete Euch an, Euch zurückzuziehen.«

Der Fremde lachte. Es war kein lautes, schallendes Lachen, sondern sanft. Er setzte die Spitze seines Schwertes auf den Boden zwischen seinen Füßen auf.

»Ich fürchte, dass ich das Angebot nicht erwidern kann, Lord Moonfall«, sagte er. Lyraine konnte sich vorstellen, dass er dabei lächelte. Er klang belustigt. Gelassen. »Ihr werdet heute Nacht sterben. Hier«, sagte der Eindringling. Sie konnte die Muskeln ihres Vaters beben sehen, obwohl sie auch von ihm nur die Füße erkannte. Zwischen seinen Schuhen tropfte Blut.

»Willst du nicht herauskommen, kleine Lady?«

Kälte fuhr in Lyraines Knochen, als sie verstand, dass der Fremde mit ihr sprach. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn, dann griff ihr Vater an.

Die Albenschwerter schlugen mit ihrem hohen Gesang gegeneinander, gleichzeitig entbrannten die Auren mit einer für Lyraine völlig unbekannten Inbrunst. Funken und Schneekristalle stoben von dem Metall und fielen auf den Boden. Lyraine zog sich weiter zurück, bis sie mit den Füßen an die Wand stieß, an der das Bett stand. Wieder und wieder trafen sich die Klingen, immer schneller, und sie konnte erkennen, wie ihr Vater den Lichtalb zurück zur Tür drängte. Ein kobaltblauer Mahrschlag begleitete den Angriff des Lords von Amber Hall, und Lyraine atmete auf, als sie ein plötzliches Keuchen des Lichtalben vernahm.

Ein zweites Geräusch erstickte ihre Hoffnung genauso schnell, wie sie aufgeglommen war – ein schmerzerfülltes Stöhnen, das von ihrem Vater kam. Steffon taumelte rückwärts, mit langsamen, unsauber gesetzten Schritten. Sie verstand, dass er am Bett Halt zu finden versuchte, doch im nächsten Moment knickten seine Beine unter seinem Körper ein. Lyraines Augen weiteten sich, als sie erkannte, wie der Angreifer einen schmalen, blutigen Dolch in seinen Stiefel zurückgleiten ließ. Ihr Vater brach vollständig zusammen.

»Papa …« Das geflüsterte Wort kam über ihre Lippen, bevor sie sich selbst hatte stoppen können. Sie gewahrte eine warnende, stoppende Handbewegung ihres Vaters, der weiter auf den Boden sank, und verstummte.

Aus einer zweiten Wunde, die ihm zweifellos mit dem Dolch zugefügt worden war, quoll ein dicker Strom von Blut. Der Nachtalbenlord presste seine Hand darauf, doch das Blut sickerte durch seine Finger hindurch. Der Lichtalb kam näher, die Spitze seines Schwertes schleifte auf dem Boden.

Lyraine vernahm ein Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte, dann ging der Lichtalb neben ihrem Vater auf ein Knie herab, auf sein Schwert gestützt.

»Siehst du auch gut zu, kleine Lady?«, fragte er. Er blieb zu aufrecht, als dass sie sein Gesicht hätte sehen können, aber sie erkannte die Spitzen von blassgoldenem, langem Haar, die über das Blut ihres Vaters streiften, als er sich leicht vorbeugte. Seine Hand schloss sich um den Hals ihres Vaters. Sie konnte die silberne Mahr fließen sehen, wollte protestieren, wollte schreien, aber jeder Schrei blieb ihr im Halse stecken, als sie den Schmerzenslaut vernahm, der sich der Kehle ihres Vaters entrang. Er wurde lauter, ein langgezogener, gequälter Laut. Der Nachtalbenlord wand sich unter dem Griff und dem Fluss der silbernen Mahr, warf seinen Kopf zur Seite, und für einen Moment sah er sie mit seinen samtblauen Augen an.

Ein feiner, silberner Riss ging durch beide Glaskörper, die sich im nächsten Sekundenbruchteil blutrot auffüllten. Der Schrei brach so abrupt ab, dass er noch für einige Herzschläge in Lyraine nachhallte.

Steffon Moonfall war tot.

Der Lichtalb zog seine Hand zurück. Er streifte sich Reithandschuhe über.

Erst jetzt bemerkte Lyraine, dass sie ihre Fingernägel so tief in den Parkettboden gestoßen hatte, dass sie gesplittert waren.

Der kobaltblaue Schild erlosch.

Ihr Papa war tot.

Der Fremde erhob sich. Lyraine hatte das Gefühl, eine eiserne Klammer läge fest um ihrer Lunge und würde sie an jedem Atemzug hindern. Ein Zittern ergriff sie, gegen das sie sich nicht wehren konnte. Mit drei Schritten war der Mörder an ihrem Bett angekommen und ließ sich mit einem schweren Seufzen darauf nieder, die Spitze des Schwertes in den Boden drehend.

Sie war wie gelähmt. Was sollte sie jetzt tun? Was, bei den Himmelsfarben, konnte sie überhaupt tun? Wo war ihre Mutter? Wo waren ihre Onkel?

»Du weißt, dass ich dich hören kann.« Der Lichtalb sprach wieder mit ihr. Für einen Augenblick schloss Lyraine die Augen, als könnte sie das an einen weit entfernten Ort bringen. Aber ganz gleich, wie groß die Macht der Alben war: Sie würde sich nicht fortwünschen können.

»Also«, sagte der Mörder, »du kannst es dir aussuchen: Du kannst eine artige kleine Lady sein und herauskommen. Oder …« Er zog das Schwert die Fingerbreite, die er es in den Holzboden gebohrt hatte, wieder heraus. »… oder ich muss dich holen kommen.«

Wieso war Zisch kein echter Drache? Wieso war ihre Rún roséfarben und nicht silbern wie seine, oder zumindest ein wenig mächtiger? Lyraine spürte, wie die Angst in ihr sich immer mehr verdichtete. Sie würde ihm nicht antworten. Er hatte ihren Papa getötet. Sie würde nicht ein Wort an ihn richten. Er lachte auf und erhob sich wieder. Sie konnte seine behandschuhte Hand am Pfosten des Himmelbettes entlangstreichen hören, und dann sah sie sie an dem unteren Saum der Bettdecke.

Im gleichen Moment glitt eine Aura über den Boden, die ihr den letzten Rest von Atem aus den Lungen riss.

Der Lichtalb verharrte in seiner Bewegung.

»Was glaubst du, was du da tust?« Die Stimme, die gesprochen hatte, war dunkel und rau. Lyraine spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufstellten. So eine Stimme hatte sie noch nie gehört. Sie gehörte zu einem Mann, einem Krieger, der hinzugekommen war, und, wie seine Fußstellung aussah, im Türrahmen lehnte. Schwarze, abgetragene Reitstiefel.

Der Lichtalb erhob sich.

»Und was interessiert es dich, Bastard?«, sagte er, ohne die Frage zu beantworten. Die Gelassenheit war aus seiner Stimme gewichen.

»Gar nichts.« Die schwarzen Stiefel wandten sich zum Gehen. »Ich werde Königin Lamia ausrichten, dass du dir lieber ein neues Spielzeug aussuchen gegangen bist, anstatt ihrem Befehl zu folgen und der Hinrichtung in den Gemächern beizuwohnen.«

Das Geräusch, das der Lichtalb ausstieß, passte nicht zu der Nonchalance, die er zuvor gezeigt hatte. Lyraines Knöchel traten weiß an ihren Händen hervor, so fest klammerte sie sich an Zisch. Das scharfe Reiben von Metall zeigte ihr, dass der Mörder seine Waffe zurück in die Scheide geschoben hatte. Er trat zur Tür. Sie konnte hören, wie er den Schlüssel von der Innenseite abzog.

»Lauf nicht weg«, spottete er, als er die Tür hinter sich und dem Fremden zuzog und den Schlüssel von außen drehte.

Lauf nicht weg. Als könnte sie. Als reichte die roséfarbene Rún – vor allem eine vor dem Aufblühen, eine, die noch nicht vollständig war! – dafür aus, das Schloss zu sprengen! Als wäre sie nicht völlig gefangen in ihrem eigenen Zimmer! Aber für den Moment war es Lyraine völlig gleich. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie konnte an gar nichts denken. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als sei er mit Steinen gefüllt worden. Es kostete unendlich viel Mühe, den Griff um Zisch ein wenig zu lockern. Mit letzter Kraft krabbelte sie wieder weiter nach vorn. Ihre Hand fand die erkaltete ihres Vaters.

Sie wusste nicht, ob sie wenige Minuten oder viele Stunden so da gelegen hatte. Lyraine hatte nicht gehört, wie jemand den Schlüssel im Schloss gedreht hatte, aber die Stimme, die zu ihr sprach, war ihr wohlbekannt.

»Lyraine … Lyraine, komm heraus …« Obwohl sie die Stimme kannte, brauchte sie einen Moment, in der Wirklichkeit anzukommen.

Es war Gorwyn, der Truchsess. Er hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, aber in dem einen Arm hielt sie Zisch und die andere Hand ruhte immer noch in der ihres Vaters.

»Lyraine, kleiner Schatz, wir müssen hier weg«, sprach er auf sie ein. »Es brennt.« Sie rührte sich nicht. Konnte nicht. Wollte nicht. Sie wollte ihren Papa. Sie wollte ihre Mama.

Hinrichtung, hatte der Fremde gesagt.

Wessen Hinrichtung?

»Du musst Zisch in Sicherheit bringen, Lyraine. Es gibt ein Feuer!« Die Stimme des Truchsess war beinahe flehend. Zisch. Ja, sie musste ihn retten. Er war ein Drache, aber sie wusste, was Feuer mit Stoff tat. Als Lyraine die Hand ihres Vaters losließ, fühlte ihre eigene sich genauso kalt an. Kaum dass sie ihn losgelassen hatte, ergriff Gorwyn ihren Arm und zog sie unter dem Bett hervor – doch sie spürte den Halt schon nicht mehr, als ihr schwarz vor Augen wurde.

Das Zeichen der Erzkönigin

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