Читать книгу Das dreizehnte Sternbild - Ein Norwegen-Krimi - Unni Lindell - Страница 21

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Cheryl Therkelsen stand am großen Fenster und starrte in den Hinterhof hinaus, wo Braun- und Grüntöne ein gesprenkeltes Muster bildeten. Ihr Blick wanderte langsam die Mauern hoch. Es war Sonntag, ihr zweiter Sonntag hier. Sie betrachtete die graue Mauer gegenüber, die von dem großen, kahlen Baum halb versteckt wurde. Sie starrte die Mauer an und sah noch mehr Mauern, hintereinander, ineinander, übereinander. Sie starrte die Mauern an und versuchte, etwas anderes zu sehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, wirklich Kontakt zu sich selber gefunden zu haben.

Hinter sich hörte sie zwei Frauen über eine Hautbehandlung sprechen, die die eine durchgeführt hatte.

Cheryl Therkelsen hatte halblange, blonde, gerade geschnittene Haare und blaue Augen. Obwohl sie schon sechsunddreißig war, sah sie noch immer mädchenhaft aus. Vielleicht lag das an ihrem schmächtigen Körperbau. Im durchsichtigen Spiegelbild, das die Fensterscheibe ihr zeigte, konnte sie aber trotzdem tiefe Linien um Augen und Mund erkennen. Diese Linien waren die ersten behutsamen Hinweise darauf, daß die Zeit auf ihren Körper und ihr Gesicht zeichnen würde. In ihrem Spiegelbild im Fenster schien einer der Äste des Baumes draußen aus ihrem Jochbein zu wachsen. Cheryl stand ganz still da. In der rechten Hand hielt sie, ohne das zu merken, ein Blatt, auf dem ein Tyrannosaurus gezeichnet war. John hatte es ihr vor über fünf Minuten zugesteckt. Sie hatte es noch nicht registriert. Sie starrte den kräftigen Ast an, der aus ihrem Kopf herauswuchs. Noch trug dieser Ast keine Blätter, aber sie wußte, daß kleine Keime sich ihren Weg zu Luft und Leben bahnten. Das soll ein Symbol für mich sein, dachte Cheryl, und die Frauenstimmen im Hintergrund waren für sie nur noch leises Gemurmel.

Ihre Gedanken dröhnten, als stecke irgendwo tief in ihrer Gehirnlandschaft ein Kraftwerk. Sie fühlte sich schwerelos, so, als ob sie im Wasser läge und ihr Körper sich nicht entscheiden könnte, ob er untergehen oder weitertreiben wollte. Die Frauen hinter ihr redeten ununterbrochen weiter. Ihre Stimmen wurden zu harten Stromstößen, die schmerzhaft gegen ihren Körper prallten.

Sie hatte mehrmals versucht, zu Hause anzurufen. Sie war schon lange hier. Warum ging er nicht ans Telefon? Sie sah den Baum an, konzentrierte sich, um den Baum im Hinterhof zu sehen, dort, wo er stand. Vor der grauen Mauer. Aber als sie dann langsam wieder die Stirn gegen die Fensterscheibe lehnte, merkte sie, daß es guttat, so zu stehen, schwerelos und weit weg, mit einem Ast voller Verheißungen im Kopf.

Daß er nicht ans Telefon ging, machte ihr eine Angst, die sie innerlich aufzufressen schien. Er wußte, daß sie die Kinder mitgenommen hatte. Sie hatte vor über einer Woche am Sonntagvormittag mit ihm gesprochen. Es war ein kurzes Gespräch gewesen. Sie hatte seine Stimme nicht deuten können. Aber seither war er nicht mehr ans Telefon gegangen. Vielleicht war er sauer? Natürlich war er sauer. Sie hatte jeden Nachmittag angerufen, wollte es nicht in seinem Büro versuchen. Vielleicht ging er nicht ans Telefon, weil auch er begriffen hatte, daß Schluß war? Sie konnte nicht mehr. Sie zerstörten sich gegenseitig. Er zerstörte sie. Sie spürte ihre innerste Leere. Die steckte wie ein leises, vibrierendes Geräusch zwischen ihren Schulterblättern. Ja, es war Schluß.

Sie ließ sich von ihrem Ast fallen. Plötzlich war das Geräusch in ihrem Ohr da. Setzte sich dort fest wie eine kleine, winkende Hand. Lebwohl, lebwohl. Ja, jetzt ist Schluß. Lebwohl, lebwohl.

Das dreizehnte Sternbild - Ein Norwegen-Krimi

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