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Lean Production in Deutschland – Teilautonome Arbeitsgruppen
ОглавлениеIn Deutschland wurde das Lean Production/Management-Prinzip in Verbindung mit teilautonomer Gruppenarbeit Anfang der 1990er Jahre eingeführt ( Kap. 6; Kap. 7). Teilautonome Arbeitsgruppen (TAG) sind funktionale Einheiten der regulären Arbeitsorganisation, denen die Erstellung eines (Teil-)Produktes mehr oder weniger eigenverantwortlich, nach dem Selbstregulationsprinzip, übertragen wird (Antoni, 1994/2000). TAGs bestehen aus ca. drei bis zehn Personen, die in der täglichen Arbeit konstant zusammen arbeiten und die neben Ausführungstätigkeiten auch dazugehörige Organisations-, Planungs- und Kontrollaufgaben übernehmen, mit dem Ziel, hiermit Organisationseinheiten zu schaffen, die sich innerhalb definierter Grenzen selbst regulieren können (Antoni, 1994/2000). Es gibt keine offizielle Führungskraft oder eine/n Teamleiter/in oder eine zielorientierte und partizipative Führung von oben. Der/die Gruppensprecher/in wird stattdessen für die Unterstützung der internen und externen Koordination der Gruppe gewählt oder bestimmt (Antoni, 1994/2000; Schaper, 2011). Fließfertigung soll dadurch so gestaltet werden, dass die dysfunktionalen Wirkungen von Arbeitsteilung wie Verausgabung, Monotonie und systematische Dequalifizierung vermieden werden.
Inzwischen haben sich die Konzepte der Lean Production und des TQM in der Praxis von der Ursprungsidee weg bewegt. So beschreibt Pettersen (2009), dass in der Lean Production das JiT-Konzept inzwischen mehr Aufmerksamkeit erfährt als die Qualität. JiT gilt als Garant für Kostensenkung und funktioniert auch kurzfristig über die direkte Senkung aller Kosten im System (wie die der Ressourcen durch geringe Lagerhaltungskosten und damit gebundener Mittel). Auch wird nach Pettersen (2009) heute kritisiert, dass Lean Production einen starken instrumentellen Charakter besitzt und vor allem eine Management-Perspektive, weniger eine Mitarbeiter/innen-Perspektive, darstellt, auch wenn die Mitarbeiter/innen-Orientierung in den Konzepten gerne in den Vordergrund gerückt wird. Im TQM wird im Unterschied zur Lean Production der/die Kund/in mit seinen/ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt gestellt, das Lean Production-Konzept tut dies eher nachrangig, da der Fokus hier auf der schlanken Produktion liegt. Dafür stehen bei der Lean Production, bedingt durch das JiT-Prinzip, die Partnerschaften mit den Zulieferern im Fokus, da das JiT Prinzip auf langfristigen Lieferpartnerschaften aufbaut (Petterson, 2009).
Die zentralen Prinzipien der Lean Production nach Forza (1996) sind ausschnittsweise in Tabelle 1.3 aufgezeigt ( Tab. 1.3).
Tab. 1.3: Prinzipien der Arbeitsgestaltung in der Lean Production (nach Forza, 1996, S. 50 f.; Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Emerald Publishing Limited).
VariableDefinition
Die grundsätzliche Idee der TAGs beinhaltet, dass Fließfertigung so gestaltet wird, dass die dysfunktionalen Wirkungen von Arbeitsteilung wie Verausgabung, Monotonie und systematische Dequalifizierung vermieden werden.
Bungard (1995) kritisiert jedoch, dass die Lean Production eine zweite Taylorismus-Welle mit lediglich verändertem Antlitz sei. Es sähe zwar so aus, als würde mit der Lean Production der Taylorismus beerdigt und stattdessen Gestaltungsprinzipien der dezentralen Ganzheitlichkeit und der partiellen organisatorischen Autonomie gelebt, die Realität sähe aber anders aus. Bungard (1995) berichtet von einem japanischen Nissan-Werk in England: »Unter Ausschaltung der englischen Gewerkschaften (no units!), in einem Umfeld mit extrem hoher Arbeitslosenquote arbeiten dort junge Mitarbeiter (Durchschnittsalter ca. 22 Jahre) an Fließbändern, mit einer Geschwindigkeit, die man bislang nicht für möglich gehalten hat. Die Taktzeit ist extrem niedrig, der Grad der Arbeitsteilung extrem hoch, die Positionsmacht der Meister außerordentlich stark. Der Unterschied zu früher besteht darin, dass zahlreiche indirekte Tätigkeiten in die Produktion (zurück-)integriert wurden. Ansonsten aber – und das ist der Punkt, der hier hervorgehoben werden soll – ist partiell der Taylorismus sozusagen auf die Spitze getrieben worden.« (Bungard, 1995, S. XII-XIII)