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Sozio-technische Systemtheorie heute: Organisationen als sozio-digitale Systeme

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In modernen Industrienationen finden wir heute fast keinen Kohlebergbau wie in den Jahren der Entstehung der sozio-technischen Systemtheorie mehr. Die Mitarbeiter/innen in Organisationen haben aus einer technischen Perspektive vor allem mit Computertechnologie zu tun, mit deren Hilfe Kundenbestellungen aufgenommen werden, Produkte in die Produktion eingestellt werden, die Auslieferung oder Versendung der Kundenbestellung überwacht oder Beschwerden von Kunden/innen entgegengenommen werden. Amazon, Zalando und andere online-Verkaufsportale (e-business) sind Beispiele für sozio-digitale Systeme. Selbst wenn Sie heute in ein Restaurant, ein Café, eine Eisdiele oder ein Bar gehen, werden die Bestellungen oft mit Handheld-Geräten aufgenommen und gleich in die Küche oder den Barbereich weiter gemeldet.

In den letzten Jahren haben Organisationen sich in derartige sozio-digitale Systeme entwickelt, auch wenn sie kein Online-Händler für Privatkunden sind. Auch wer Baumaterial an Baumärkte liefert (also im Business-to-Business-Geschäft) oder in einer Boutique oder einem Elektronikfachmarkt Endkunden mit neuer Ware bedient, bildet zumeist ein sozio-digitales System. Ein von Ihnen gewünschtes Produkt ist nicht da? Dann lassen Sie den Verkaufsberater in seinen Rechner schauen, um festzustellen, wo die Ware ggf. noch vorhanden ist.

In sozio-digitale Firmen werden fast alle bedeutsamen Geschäftsbeziehungen zu den Kunden/innen, Zulieferern und Mitarbeiter/innen digital ermöglicht oder vermittelt. Die organisationalen Kernprozesse werden durch digitale Netzwerke, die sich durch die gesamte Organisation spannen oder mehrere Organisationen verbinden, ermöglicht. In sozio-digitalen Systemen werden die Kernprozesse durch den digital gesteuerten Materialfluss, und den Fluss von Informationen und Wissen unterstützt oder erst möglich.

Diese sozio-digitalen Systeme werden vor allem durch Management-Informationssysteme (MIS) möglich, oder, wie weiter unten beschrieben, durch cyber-physische Systeme. Informationstechnologien beinhalten die Soft- und Hardware einer Organisation, um die organisationalen Ziele zu erreichen (Laudon & Laudon, 2016). Sie gelten als komplexer als Informationstechnologie. Sie sind eine Kombination von vernetzten Komponenten, die Informationen sammeln, verarbeiten, speichern oder auch verteilen, um Entscheidungen und Steuerung in Organisationen zu ermöglichen. Für den Unterschied zwischen Informationen und Daten siehe Kluge (1999).

Laudon und Laudon (2016) weisen darauf hin, dass auch digitale Organisationen sozio-technische Systeme sind und betonen, wie wichtig es auch hier ist, die Interaktion von Mensch und Informationstechnologie und -system ganzheitlich zu betrachten. So kann es manchmal nötig werden, ein technisch optimiertes System zu de-optimieren, um es für die Mitarbeiter/innen nutzbar zu machen. Digitale Anwendungen müssen an die Bedürfnisse der Mitarbeiter/innen angepasst werden.

Des Weiteren zeigten Arbeiten aus dem Bereich der Management-Informationssysteme ein »productivity paradox« (Dehning, Dow & Stratopoulos, 2003; Karr-Wisniewski & Lu, 2010), nämlich dass ein »Mehr« an Informationstechnologie zu keiner Zunahme der Produktivität führt, sondern sogar zu einer Abnahme (Klausegger et al., 2007). Denn es besteht die Gefahr eines Information Overload. Ähnlich den Beobachtungen von Trist (siehe vorne), dass neue Maschinen im Bergbau die Produktivität nicht erhöhten, kommt es auch bei MIS darauf an, die Menschen in die Gestaltung von technischen Lösungen einzubeziehen.

Das Thema ist demnach auch hier die »joint optimization« (Trist, 1981). Denn das soziale und das technische System sind auch in sozio-digitalen Unternehmen substantielle Faktoren. Ökonomische Leistung und Arbeitszufriedenheit sind auch hier die Ergebnisfaktoren, die je nach der Güte der Passung zwischen sozialem und technischem System variieren (Trist, 1981).

Zu den MIS gehören auch die sog. Enterprise Resource Planning Systems (ERP-Systeme), die Geschäftsprozesse der Fertigung/Produktion, der Finanzabteilung und Abrechnung, von Vertrieb und Marketing und Human Resource Management miteinander vernetzten und die in allen diesen Bereichen anfallenden Daten in einer Form und gemeinsam speichern, sodass diese von verschiedenen Bereichen eingesehen und genutzt werden können (Laudon & Laudon, 2016). ERP -gelten als integrierte Reihe von Programmen, die die Kernprozesse einer Organisation unterstützen (Aladwani, 2001).

So können Daten über den Verbrauch von Ersatzteilen in der Instandhaltung für die Warenbestellung beim Einkauf genutzt werden. Die Produktion erhält ihre Daten direkt vom Verkauf. Die Wichtigkeit von Informationen und deren technischer Bereitstellung zeigt sich in modernen Organisationen auch darin, dass die Funktion eines Chief Information Officer (CIO) eingerichtet wird, der für das Funktionieren des sozio-digitalen organisationalen Systems verantwortlich ist.

Durch die Nutzung von Informationssystemen verändern sich die Transaktionskosten ( Kap. 1.2.2) und auch die Struktur von Organisationen, welche üblicherweise flacher werden (Laudon & Laudon, 2016).

In Abbildung 1.10 wird deutlich, welche MIS die Kernprozesse (Primäraktivitäten) und auch die Unterstützungsprozesse (Unterstützungsaktivitäten) eine Organisation unterstützen. Im Kapitel zu cyber-physischen Systemen (s. u.) wird dargestellt werden, wie man sich das Zusammenspiel dieser Informationstechnologien im Fertigungsbereich zukünftig vorstellen kann.

Arbeits- und Organisationspsychologie

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