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»Kaffee? Wein?« A. T. war nervös, lief ruhelos auf und ab, räumte Tassen und Gläser auf. »Es tut mir so leid. Das ist eines der Dinge ... Sie wissen doch sicher, wie so etwas ist ...«

»Das war das unhöflichste Schlitz ... die unhöflichste Frau, die ich jemals getroffen habe.«

»Koffeinfreien«, sagte Wetzon. A. T.s Neigung zu weitschweifigen Erklärungen brachte sie an den Rand der Verzweiflung. Die Atmosphäre in dem ansonsten gemütlichen Zimmer machte sie ganz unruhig.

»Wein«, sagte Smith. »Weißen, keinen Reiswein – der ist was für Schlitzaugen.«

Da. Jetzt hatte sie es doch noch gesagt. »Toll, Smith.« Wetzon konnte sich das Lachen kaum verkneifen, und ihre Partnerin warf ihr einen wütenden Blick zu.

»Mach noch eine Flasche auf«, sagte Micklynn.

A. T. nahm eine Flasche Chappellet Pinot Blanc aus einem der riesigen Kühlschränke, rieb die Eiskruste ab und öffnete sie. Der Korken gab einen leisen Seufzer von sich, als er aus der Flasche glitt. A. T. goß Smith ein Glas ein und füllte Micklynns erneut.

Als Smith endlich das Hauptgericht ausgewählt hatte, war die Flasche leer und eine weitere geöffnet worden. Wetzon erwog, jetzt ebenfalls zum Wein überzugehen, und nicht zum erstenmal kam ihr der Gedanke, daß Xenia Smith wohl jeden überzeugten Abstinenzler zum Trinken bringen konnte.

»Nun, da wir uns wegen des Hauptgerichtes einig sind, ist der Rest wahrscheinlich leicht«, meinte A. T. Ohne daß Wetzon darum bitten mußte, holte sie auch ein Glas für sie und für sich selbst. Jetzt tranken sie alle Wein. Smith machte sie noch alle verrückt. Man nehme Smith, dann als Füllung A. T., würze das ganze mit Minnie Wu, und fertig ist das perfekte Rezept, um Ausschlag zu bekommen, dachte Wetzon.

Eine Kameramannschaft aus zwei Frauen in Springerstiefeln und einem Mann mit baumelnden Ohrringen war mit jeder Menge Kameras und einer Riesenausrüstung angerückt. Sie ließen alles mitten im Zimmer fallen und gingen hinaus, um eine Zigarette zu rauchen und auf Minnie zu warten. Minnie kam zu spät.

Der Tisch im französischen Landhausstil, an dem Smith, Wetzon und A. T. saßen, war groß wie ein Bett. Darauf stapelten sich Servierplatten, irdene Töpfe und Glasglocken jeder Größe. Die Gefäße waren mit allen Sorten von Bohnen, Couscous, Reis und geheimnisvollen eingelegten Gemüsen gefüllt.

Smith fragte: »Wie wäre es mit einer Pastete zum ersten Gang?«

»Ich dachte gerade an ein Kürbis-Risotto ... oder« – A. T. schürzte die dünnen Lippen – »an eine Hühnerleberpastete.« Sie holte den Bleistift aus dem Haar, wo sie ihn zuvor deponiert hatte, und befeuchtete die Bleispitze mit der Zunge.

»Auf gar keinen Fall«, protestierte Micklynn. Sie hatte ihren Teig geteilt, ihn in drei Schüsseln gefüllt und diese beiseite gestellt. Jetzt kam sie zum Tisch herüber und wischte sich die Hände an ihrer riesigen Schürze ab, wobei sie Mehl und trockene Teigklümpchen wie Konfetti auf dem Boden verteilte.

»Ach wirklich? Und was würdest du vorschlagen?« A. T.s Stimme klang alles andere als begeistert.

»Eine Gemüseterrine. Mit Mischgemüse. Wir könnten vielleicht rote Bete, weiße und schwarze Bohnen sowie Lauch mischen. Das ist viel leichter und eine hervorragende Ergänzung zu dem Kalbsbraten.«

»Ich bin kein Freund von rote Bete. Die lassen alles so blutig aussehen«, sagte Smith.

»Gut, dann eben Auberginen. Die Farbe macht eine Menge aus. Wollen Sie also Suppe als ersten Gang?«

Smith runzelte die Stirn. Sie sah Wetzon an.

»Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon mit einer Tasse heißer Suppe herumstehen und von Menschen angerempelt werden, die größer sind als ich«, maulte Wetzon. »Dein Teppich wird nie mehr derselbe sein.«

»Die Gäste sollen sich hinsetzen«, sagte Smith.

»Dann wirst du einen unvergeßlichen Chor von Schlürfern haben.«

»Keine Suppe«, verkündete Smith.

Ein lautes Rumpeln ertönte über ihnen. Alle blickten auf.

»Wir haben oben die Handwerker«, erklärte A. T. hastig. »Arbeiter sind immer so unachtsam, dauernd lassen sie ihr Werkzeug fallen, Sie wissen schon. Es ist so schwer, eine Firma zu finden ...«

»Ist Ellen im Laden?« fragte Micklynn und schnitt A. T.s Gebrabbel das Wort ab. Ohne auf eine Antwort zu warten, schob sie den Vorhang beiseite, der die Küche vom Laden trennte, um dort von hocherfreuten Kunden begrüßt zu werden. Geistesabwesend gab sie Antwort. »Hallo, ja. Schön, Sie zu sehen. Probieren Sie doch den Wachtelsalat. Ich bin sicher, daß er Ihnen schmecken wird. Entschuldigen Sie mich. Tom, ich dachte, daß Ellen hier bei dir sei?«

Eine männliche Stimme mit ausgesprochen weiblichem Timbre antwortete. »Sie ist nach oben gegangen, um zu lernen. Sagte, sie würde zurückkommen.«

»... Als Beilage zum Hauptgang Lollo Rosso mit einer Himbeervinaigrette«, schlug A. T. gerade vor.

»Fein«, sagte Smith. »Kommen wir nun zum Dessert.«

Wetzon beobachtete ihre Partnerin, ob sie irgendeine Reaktion auf das zeigte, was um sie herum vor sich ging und nichts mit der Speisekarte für ihre Dinnerparty zu tun hatte. Es war erstaunlich, daß Smith nichts von all dem bemerkt zu haben schien.

»Sie ist mit ihm dort oben«, rief Micklynn mit gequälter Stimme. Wie wild begann sie die Hände zu ringen, ging ein paar Schritte in die eine Richtung, dann wieder in die andere.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« A. T. sprang auf. »Mickey nimmt sich heute alles ganz besonders zu Herzen.« Sie ergriff Micklynn am Arm. »Komm schon. Ellen ist ein braves Mädchen. Das weißt du doch.«

»Ich weiß nichts dergleichen. Ich habe ihr gesagt, daß sie ihn nicht in die Wohnung lassen soll.«

Wetzon, der Voyeur, wurde durch einen schnellen, harten Tritt von der Szene, die ihre Aufmerksamkeit so sehr fesselte, abgelenkt. Umständlich reichte Smith ihr eine ausgedruckte Liste von Desserts. Wetzon hatte sich geirrt; Smith war von dem Ausbruch im Laden ebenso fasziniert wie sie selbst.

»Komm schon, Mickey. Ellen ist eine gute Schülerin, sie nimmt keine Drogen, sie hilft uns nach der Schule aus. Kopf hoch.«

»Du kaufst ihr ihre Geschichten ab«, sagte Micklynn zornig. Sie riß sich aus A. T.s Griff los, schwang ihren langen Zopf auf den Rücken und flog förmlich die Treppe hinauf, die Wetzon bislang nicht bemerkt hatte, weil sie von üppigen Hängepflanzen verdeckt war.

A. T. warf ihrer Partnerin einen besorgten Blick hinterher, dann kehrte sie zu dem Tisch zurück, wo Smith und Wetzon vorgaben, mit dem Dessert beschäftigt zu sein.

»Nichts Ernstes, hoffe ich«, sagte Smith beiläufig.

»Nein, nein. Wir haben heute eine wichtige geschäftliche Entscheidung getroffen, und natürlich macht sie sich Sorgen wegen Ellen.«

»Nun, wenn einer Verständnis für elterliche Probleme mit Heranwachsenden hat, dann ich«, erklärte Smith. »Mein Junge hat sie jedoch überstanden, und obwohl es nicht gerade leicht war, so war ich doch in der Lage, mich sämtlichen Veränderungen anzupassen. Dann ist er wieder zu sich gekommen, und jetzt beendet er sein erstes Studienjahr in Harvard.«

Wetzon hob die Augen zum Himmel. Wem wollte Smith mit diesem Mist eigentlich etwas vormachen? Höchstens in ihren Träumen war sie in der Lage, sich den Veränderungen anzupassen. Smith’ Sohn Mark hatte seine ansonsten recht ereignislose Pubertät mit seinem Coming-out beendet: Er hatte ihr enthüllt, daß er schwul war. Und Smith war es gewesen, die daraufhin ein Trauma erlitten hatte.

»Ellen ist ein wunderbares Mädchen«, sagte A. T. »Vielleicht haben Sie sie gesehen, als Sie reinkam. Sie ist hübsch, intelligent und schon recht reif für ihr Alter.«

»Und das wäre?« fragte Wetzon.

»Sechzehn.«

»Ich hätte auch gern eine Tochter gehabt«, sagte Smith mit einem betonten Seufzer.

Klar doch, dachte Wetzon. Der Konkurrenzkampf zwischen Mutter und Tochter wäre besser gewesen als jeder Boxkampf.

»Ich auch«, sagte A. T. »Aber Ellen ist nicht Mickeys Tochter, sondern eine Verwandte ihres ersten Mannes. Mickey hat Ellen vor zwei Jahren bei sich aufgenommen, nachdem ihre Mutter bei einem Unfall ums Leben kam.«

Über ihnen schien ein Vulkan auszubrechen.

A. T. sprach lauter, um die Geräusche zu übertönen. »Ich würde eine Haselnußtorte mit Limonencremefüllung vorschlagen. Sie erwarten vierzig Gäste?«

»Ja.«

»Dann sind vier Torten mehr als genug. Und zwei große Schüsseln mit Erdbeeren sowie eine mit Crème fraîche.«

»Was meinst du, Wetzon?«

»Ich persönlich bevorzuge Milchreis.«

»Ach, halt den Mund. Du und dein Milchreis. Wir werden die Haselnußtorte nehmen, A. T., und dann möchte ich noch etwas von Eli Zabars dünnem Fladenbrot dazu haben, wenn sich das machen läßt. Hmm ... haben wir irgend etwas vergessen?« Jetzt sprachen sie alle lauter, damit man sich über das Geschrei hinweg noch verstehen konnte.

»Ich glaube nicht, aber wir haben ja noch jede Menge Zeit, falls Sie noch irgend etwas hinzufügen wollen.« A. T. erhob sich und holte einen großen weißen Umschlag aus einer Schublade in einem der Schränke. »Hier haben Sie ein Muster unseres Standardvertrages sowie unsere Pressemappe. Ich werde einen ausfüllen und die Speisenfolge, über die wir uns geeinigt haben, hinzufügen.«

Der Krach über ihnen hörte abrupt auf. Schritte donnerten die Treppe herunter; eine Tür schlug zu. Niemand kam in die Küche, wie Wetzon voller Bedauern feststellen mußte.

Smith hielt den Umschlag in Händen und betrachtete nachdenklich ihre winzige Tasche, als ob sie den Umschlag kraft ihres Willens kleiner machen wollte. Schließlich merkte sie, daß Magie heute nichts auszurichten vermochte, und reichte ihn Wetzon. »Hier«, sagte sie, »du kannst ihn in deine Aktentasche stecken und ihn mir morgen geben.«

»Vielen Dank.« Wetzon verstaute den Umschlag.

»Willst du noch irgendwo mit mir etwas trinken gehen?« fragte Smith halbherzig.

»Nein, hab’ schon genug getrunken. Ich werde den Alkohol durch einen Spaziergang im Park abarbeiten.«

Minnie Wu kam gerade mit ihrer Crew herein, als Wetzon Smith durch den Laden hinausfolgte. Mittlerweile standen die Kunden, die nach Dienstschluß noch schnell etwas einkaufen wollten, bis auf die Straße hinaus Schlange. Vor dem Kutschenhaus saß ein Mädchen mit glattem blonden Haar und Mittelscheitel auf einer dicken, altmodischen Reisetasche. Ihr hübsches Gesicht war ausdruckslos, doch Tränen strömten ihr die Wangen herab.

»Oje«, sagte Smith. »Armes Mädchen.«

»Brauchst du Hilfe?« fragte Wetzon.

Das Mädchen sah erst Smith und dann Wetzon mit ihren wunderschönen grünen Augen an. Doch bevor sie antworten konnte, eilte A. T. Barron aus dem Laden und preßte das Mädchen an ihre Brust. »Mach dir keine Sorgen mehr«, sagte sie. »Bei mir hast du immer ein Zuhause.«

»Sie haßt mich«, schluchzte das Mädchen. »Sie wird dir das Leben zur Hölle machen, wenn du mich bei dir wohnen läßt.«

»Niemand«, sagte A. T. mit einer Stimme, bei der es Wetzon kalt den Rücken hinunterlief, »niemand macht mir so einfach das Leben zur Hölle.«

Ophelia im Hudson River

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