Читать книгу Aus dem Schlaf gerissen - Birgit Vobinger - Страница 12
Kapitel 11
ОглавлениеHelmut nutzte die Mittagspause, um sich eine Kleinigkeit zu Essen zuzubereiten. Er warf die Post auf die Arbeitsfläche seiner Küche und nahm die Hähnchenbrust und den frischen Salat aus dem Kühlschrank. Während das Fleisch in der Pfanne brutzelte und sich der appetitanregende Duft in der Küche ausbreitete, schaute er die zahlreichen Briefe und Werbesendungen durch. Eine Rechnung vom Optiker für seine neue Brille, Werbung für eine Karibik Reise. Dann hielt der Arzt etwas in seinen Händen, das seinen Körper verkrampfen ließ. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Gedanken aus der Vergangenheit eroberten ihn.
Seit sein neuer Freund Peter in Werlow wohnte, schienen die Jahre der Einsamkeit ein Ende gefunden zu haben. Der tot der Ehefrau hatte Helmut in ein tiefes Loch gerissen. Renate war Krankenschwester. Bevor die Probleme anfingen, hatten sie ein erfülltes Leben. Der Arzt liebte es, am Abend medizinische Probleme mit seiner Frau zu diskutieren. Durch ihre Arbeit als Krankenschwester erfuhr er mehr über seine Patienten. Probleme und Ängste besprachen die Kranken mit einer Schwester aber nicht mit ihrem Arzt besprachen. Er entwickelte im Laufe der Jahre ein feineres Gespür für die Gefühle seiner Patienten. Durch Peter wurde das Leben ein klein wenig wie früher. Es gab wieder einen Partner, mit dem fachliche Gespräche aber auch ein gemütliches Beisammensein möglich war. Sollte jetzt wieder alles zu Ende sein?
Gefangen in einem Zeitvakuum verharrte Helmut regungslos und fixierte den Absender. Die Küche stank nach verbranntem Hähnchen.
Nach Minuten der Regungslosigkeit fasste er sich wieder, unterbrach den Veraschungsvorgang seines Mittagessens, nahm den Brief, setzte sich an den Küchentisch und fand Mut ihn zu öffnen.
Justizvollzugsanstalt Berlin
Salzburger Str. 21-25
10825 Berlin
Dr. Helmut Peschke
Stadtring 5
17035 Werlow Berlin, 17.05.2007
Entlassung von Paul Peschke
Sehr geehrter Herr Dr. Peschke,
Es freut mich Ihnen mitteilen zu können, dass die Haftstrafe Ihres Sohnes Paul am 29.05.2007 beendet sein wird. Ihr Sohn teilte uns Ihren Namen als seinen einzigen Angehörigen mit. Er bat uns ihm Ihre Adresse zu geben, damit er Kontakt mit Ihnen aufnehmen kann. Wir sehen es als unsere Pflicht an, zunächst die betreffenden Personen anzuschreiben, um das jeweilige Einverständnis einzuholen, bevor wir Ihren Wohnort weitergeben. Unsere Erfahrungen in der Vergangenheit haben uns gezeigt, dass das straffällig werden von Familienmitgliedern häufig zum Bruch innerhalb der Familie führt. Wir möchten an dieser Stelle jedoch an Ihr Verständnis appellieren. Ihr Sohn hat seine Strafe verbüßt. Zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass er jede Unterstützung, die ihm den Eintritt in ein normales Leben ermöglicht, bekommt.
Bitte benachrichtigen Sie uns, ob wir Ihrem Sohn Ihre neue Adresse mitteilen dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
Ralf Hindersmann
Lange hatte der Vater nicht mehr an seinen Sohn gedacht. Er hatte seinen Eltern viele schlaflose Nächte bereitet.
Früh fing Paul an zu rauchen, schwänzte die Schule und trank Alkohol. Später folgten eine Anzeige wegen Ladendiebstahl und eine wegen Körperverletzung. Auch die Hilfe der befreundeten Psychologin blieb erfolglos, wenn er Geld benötigte. Renate erkrankte schwer an Brustkrebs und verstarb schließlich ein Jahr später. Der Sohn machte sich weder die Mühe seine kranke Mutter zu besuchen, noch kam er zu ihrer Beerdigung.
Kreidebleich saß er mit zitternden Händen am Tisch und starrte auf den Brief. „Jetzt, wo mein Leben wieder in Ordnung kommt, soll ich mal wieder für dich da sein? Hast du dich je für mich interessiert? Weißt du, wie einsam ich in den letzten Jahren war? Wie sehr ich deine Mutter vermisse? Nein, natürlich nicht. Ich habe immer nur gearbeitet und mir die Sorgen anderer Leute angehört. Niemand hat sich für mich interessiert. Jetzt, wo jemand hierher gezogen ist, der auch mal mit mir plaudern will, da kommst du schnell an. Papa könnte glücklich werden – ich muss das ändern! Das Einzige was du willst ist Geld, dich auf die faule Haut legen und mir den Tag verderben. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Genau das werde ich auf den Brief antworten!“
Die Situation überforderte ihn. Hatte er das Recht seinem Kind die Adresse und damit jeden Kontakt zu verweigern? Gerne hätte Helmut die Kraft gehabt so zu reagieren, aber schließlich war Paul ein Teil von ihm – und vor allem von Renate.
*
Das Blinken des Anrufbeantworters zeigte die Anrufe während seiner Abwesenheit. Peter stellte seine Reisetasche ab, drückte die Wiedergabetaste des Gerätes und hoffte auf eine Nachricht von Kerstin. Vielleicht ging es ihr gestern Abend ebenso wie ihm.
„Sie haben EINE neue Nachricht“, meldete sich der Anrufbeantworter.
„Lassen Sie Medi-Voß in Ruhe. Mit der Fabrik ist alles in Ordnung nur mit ihnen nicht. Ich warne Sie, wenn Sie das nicht lassen passiert was.“
„Samstag, 19.5.2007, 23 Uhr 14 – keine weiteren Nachrichten.“
Fassungslos schüttelte Peter den Kopf. Eine dunkle Männerstimme hatte ihn doch tatsächlich bedroht. Auch das mehrmalige Abhören des Bandes gab keinen Hinweis auf die Identität des Anrufers. Er wollte nur die Umwelt, in der auch der Anrufer lebte, schützen.
„Wie bescheuert sind die Menschen eigentlich? Wenn alles verseucht ist, jammern Sie doch auch!“, fluchte Peter. Vielleicht kam die Drohung ja direkt aus der Fabrik. Das würde jedenfalls mehr Sinn ergeben als von einem Anwohner.