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Kapitel 12
Оглавление„Hallo Jürgen. Bring mir doch einen Wein.“ Peter setzte sich an den Tisch der Gaststätte.
Jürgen kam mit dem Rebsaft und setzte sich zu seinem Gast.
„Ist was nicht in Ordnung?“
„Kannst du dir vorstellen, dass jemand mir gedroht hat? Du weißt doch, dass ich die Abwassereinleitung prüfen lasse. Hast du eine Ahnung, wer dahinter stecken könnte?“
„Gedroht? Nein, wieso sollte das denn jemand tun? Wir leben doch alle hier. Wenn der See im Arsch ist, geht uns das doch alle an.“ Jürgen schüttelte verständnislos den Kopf.
„Tja, ich weiß auch nicht. Auf jeden Fall war es eine tiefe Männerstimme, sonst hätte ich mir gleich vorstellen können, wer auf so eine Idee kommt.“
„Willst du das bei der Polizei melden? Ich meine, man darf ja nicht einfach so die Leute anrufen und Drohungen auf den AB quatschen.“
„Nein, ich will das nicht gleich an den die große Glocke hängen. Man sagt ja Hunde die bellen beißen nicht. Wie kommt's, dass Helmut noch nicht da ist? Langsam müsste ihn der Hunger doch in unsere Richtung treiben. Apropos Hunger, was kannst du mir denn heute empfehlen?“
„Jägerschnitzel mit Bratkartoffeln, wie wär's? Helmut habe ich seit drei Tagen nicht gesehen. Der wird doch wohl nicht selber krank geworden sein?“
„Ich rufe ihn nachher an. Das Schnitzel hört sich gut an. Bring mir doch auch noch Wein. Ich kann heute was vertragen.“
Jürgen verschwand in der Küche. Peter nahm sein Handy aus der Tasche und wählte Peschkes Nummer. Während das Telefon läutete, betrat ein Pärchen die Kneipe. Die Frau war im 4. Monat schwanger. Ihr Bauch malte sich unter dem eng anliegenden T-Shirt ab. Die Hormonumstellung hatte bei der Rothaarigen eine starke Akne ausgelöst. Sie setzte sich mit ihrem übergewichtigen, ungepflegt wirkenden Mann an den Nebentisch.
Nachdem Jürgen ihnen die Speisekarte und die Getränke reichte, gesellte er sich wieder zu Peter.
„Hast du Helmut erreicht?“ erkundigte er sich.
„Er geht nicht ans Telefon. Vielleicht ist er ein paar Tage weggefahren. Ich versuche es aber später noch einmal.“
Die Unterhaltung des Ehepaares wurde energischer. Peter, der das Gesicht der Rothaarigen sehen konnte, bemerkte ihre Wut.
„Na, bahnt sich da eine kleine Ehekrise an?“ flüsterte er Jürgen zu, der praktisch Rücken an Rücken mit dem Ehemann saß.
Der Streit wurde heftiger.
„Ich denke gar nicht dran, zuzustimmen. Du wirst nicht mit deinen Kumpels im Oktober in den Urlaub fahren. Du weißt genau, dass im Oktober das Baby kommt. Soll ich das etwa alleine machen und du amüsierst dich!“ Die Stimme der Schwangeren überschlug sich, als sie ihren Mann anschrie.
„Mein Gott, reg dich ab. Der Termin ist zwei Wochen danach. Ich bin dann längst zurück.“
„Ewig muss ich alles alleine machen, auch zur Schwangerschaftsgymnastik kommst du nicht mit.“
„Ich in einen Scheiß Hechelkurs? Dann kann ich mich ja gleich kastrieren lassen“, brüllte er zurück.
Wütend stand sie auf, schüttete ihm ihr Mineralwasser ins Gesicht. Auf dem Weg nach draußen schrie sie ihm zu: „Jetzt hab 'ich aber endgültig die Schnauze voll!“
„Weiber! Wenn sie schwanger sind, hakt es doch völlig aus“, teilte der werdende Vater den beiden verblüfften Zuhörern mit, legte 10 Euro auf Jürgens Platz und folgte seiner Frau.
„Das ist doch nicht zu fassen. Man kann sich ja ausmalen, was das Kind später durchzustehen hat“, meinte Jürgen.
„Muss nicht sein. Schwangere sind manchmal aber nicht einfach“, entgegnete Peter. Sie wechselten das Thema. Einige Zeit später machte Peter sich mit seinem Rad auf den Heimweg.
Es hatte angefangen zu regnen. Peter radelte auf dem kleinen Waldweg, der zu seinem Haus führte. Es war stockdunkel. Auch der letzte Lichtschein von der Straße konnte ihn hier nicht mehr erreichen. Stille hüllte ihn ein, kein Vögelchen zwitscherte bei diesem Wetter. Nur das Geräusch des zur Seite gedrängten Matsches begleitete ihn auf seinem Heimweg. Plötzlich knackte es neben Peter im Gebüsch. Er zuckte zusammen. Blitzschnell schoss ein Hase vor seinem Rad her und verschwand auf der anderen Seite. Seine Fahrradlampe gab kaum Licht ab. Peter fuhr langsam, um nicht in einem Schlagloch zu landen. Der Boden war vom Regen aufgeweicht. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, als der Pathologe rechts neben sich eine Gestalt bemerkte. Dann flog er auch schon vom Rad. Zwei Männer, beide hatten ihre Pudelmützen tief ins Gesicht gezogen, sprangen auf ihn zu. Peter spürte einen dumpfen Schlag gefolgt von einem brennenden Gefühl an seiner rechten Augenbraue. Warm floss das Blut aus der klaffenden Wunde über das Gesicht. Der Kopf schmerzte unerträglich. Peter spürte, wie die Spannung seiner Muskulatur nachließ und ging zu Boden. Alles drehte sich. Die Männer beschimpften ihn, aber nur kurze Satzfetzen erreichten den Gepeinigten: "Mach unsere Firma nicht kaputt - lass dir das eine letzte Warnung sein.“ Einer der Angreifer trat Peter in die Rippen. Plötzlich war wieder Stille eingekehrt. Regungslos lag er auf dem feuchten Waldweg, die Hände im Matsch vergraben und traute sich nicht aufzustehen. Waren sie weg? Erst Minuten später holte Peter sich ein Taschentuch aus der Jacke und hielt es sich an die Augenbraue. Der Schmerz raubte ihm den Atem aber seine Rippe schien zum Glück nicht gebrochen zu sein. Er stand auf und schob taumelnd sein Rad nach Hause, drehte sich ständig um und lauschte ängstlich jedem Geräusch. Von den Männern war keine Spur zu sehen.
Peter ging ins Bad, um seine Wunde zu betrachten. Es musste genäht werden. Nach dem Duschen nahm er zwei starke Kopfschmerztabletten und zog saubere Kleidung an. Der Arzt drückte Mull an die Platzwunde, um die Blutung zu stoppen. Die Wunde musste genäht werden, aber er wollte sich nicht mit Nadel und Faden vor den Badezimmerspiegel stellen und sich selber versorgen. Peter versuchte, Helmut zu erreichen.
*
Im Kolben kochte es unaufhörlich. Blubbernde Geräusche der kochenden Substanz erfüllten den Raum. Dampf stieg in das Glasrohr auf, schlängelte sich durch die zahlreichen Windungen des Kühlers, kondensierte zu Flüssigkeit und tropfte schließlich in ein kleines Auffanggefäß. Überall im Raum standen Gefäße mit den verschiedensten Pulvern und Flüssigkeiten, die in stundenlangen Extraktionen ihrem Herkunftsort entlockt worden waren. Der Raum war geheim, niemand hatte je von seiner Existenz erfahren. So sollte es auch bleiben. Denn hier fand man keine Vitamine und auch nichts gegen Kopfschmerzen. Die Ingredienzien, die hier gewonnen wurden, hatten eine andere, grausame Aufgabe. Das Fläschchen mit dem neu gewonnenen Extrakt wurde ins Regal zu den anderen gestellt. Das Licht wurde gelöscht und die schwere Tür verschlossen.