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Kulturelle Ambivalenz im Hinblick auf Frauen und Geld
ОглавлениеObwohl heutzutage viele amerikanische Frauen mehr verdienen als ihre Männer, sprechen die Daten dafür, dass wir uns mit diesem Muster als Individuen bzw. als Kultur noch immer nicht so recht wohlfühlen. Dazu folgendes Forschungsergebnis: Obwohl eine Untersuchung von der Universität Missouri-St. Louis ergab, dass Frauen in den Vereinigten Staaten in jeder fünften Ehe inzwischen mehr Geld verdienen als ihre Männer, gaben bei der Virginia Slims Poll 2000-Umfrage nur 56 Prozent aller befragten Männer an, es sei für sie akzeptabel, dass ihre Frau mehr Geld nach Hause brächte als sie selbst.
Viele Frauen stimmen dem zu. Bei derselben Umfrage meinten nur 61 Prozent der befragten Frauen, sie fänden es akzeptabel, die Hauptverdienerin in der Familie zu sein.
Wenn eine Frau mehr als ihr Mann verdient, hebt dies das Machtgefälle keineswegs auf – ganz im Gegenteil scheint es dies aufgrund der gemischten Gefühle, die solche Paare wegen ihrer Statusumkehr empfinden, eher zu verschärfen. So stellte Julie Brines, eine Soziologin an der Universität Washington, die solche Paare untersucht, beispielsweise fest, dass der Mann im statistischen Mittel umso weniger zur Hausarbeit beiträgt, je mehr eine Frau zum Familieneinkommen beiträgt.
Wenn Frauen das ganze Geld verdienten, während ihre Männer zu Hause blieben, dann leisteten diese Männer sogar weniger Hausarbeit pro Woche als Männer, die außer Haus arbeiteten!4 Brines fand auch, dass die Frauen in Ehen mit Statusumkehr ihren Männern oft einen großen Teil der Entscheidungsvollmacht abtreten. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was in traditionellen Ehen üblich ist, wo der Mann, der die Brötchen verdient, in der Regel auch sagt, wo’s langgeht. Mit anderen Worten: Wenn Frauen die Hauptverdienerinnen sind, gibt es keine direkte Beziehung zwischen Einkommen und Macht. Vielmehr überwiegt das Bemühen um eine Balance, obwohl diese sogenannte Balance alles andere als ausgewogen ist.
Die Schlüsse, die sich aus dieser Studie ziehen lassen, sind klar: Gleichgültig, wie groß der Teil der finanziellen Last ist, die wir schultern, wir fühlen uns noch immer verantwortlich dafür, dass unsere Ehemänner glücklich und zufrieden sind und ihr Selbstwertgefühl intakt bleibt – selbst wenn sie weniger verdienen als wir.
Die äußerst traurige Wahrheit ist, dass sich so viele von uns noch immer unsicher fühlen, was ihren Wert als Frauen in Beziehung zu Männern angeht – wenn man unsere Geschichte bedenkt, nur allzu verständlich. Darum tun wir mehr als unseren Teil, damit die Männer in unserem Leben glücklich bleiben und uns nicht wegen jemandem verlassen, der sie mehr schätzt als wir. Insgeheim fürchten wir, dass wir, wenn wir zu viel verlangen, verlassen werden.
Und dann ist da noch der andere, zutiefst weibliche Wunsch: Wir wollen geliebt und umsorgt werden. Wir halten an der Hoffnung fest (trotz genügend Beweisen für das Gegenteil), dass einen Ehemann haben heißt, versorgt zu werden. In meiner Jugend liebte ich Tarzanfilme. Kürzlich schaute ich mir wieder den Klassiker Tarzans Vergeltung an, den ich eine Ewigkeit lang nicht mehr gesehen hatte. Diesmal sah ich ihn mit neuen Augen. Die Programmierung hinsichtlich der Geschlechterrollen war sehr deutlich: Jane verkörperte das Kindlich-Verspielte und die Sexualität, während Tarzan Jane vor wilden Tieren beschützte und eine Menge schwerer Brocken stemmte, um ein sicheres, bequemes Heim für sie zu schaffen. Sehr überzeugend. Sehr ansprechend. Genau wie die meisten Frauen möchte ich natürlich die Vorteile dieser Strategie, ohne aber ein Selbstopfer begehen zu müssen. Mittlerweile habe ich herausgefunden, wie das gehen kann. Dazu aber musste ich erst einmal mein unbewusstes Verhalten, was Beziehungen betrifft, komplett umpolen. Das hat mehrere Jahre gedauert, und noch heute lerne ich täglich dazu.
In meiner eigenen Familie erklärte mein Vater meinen Brüdern, sobald sie achtzehn wurden, dass sie nun für sich selbst sorgen müssten. Aber er zahlte selbstverständlich für mein College. Ich finanzierte mein Medizinstudium mit Studentenkrediten und Stipendien, doch als ich während meiner letzten Monate an der medizinischen Fakultät heiratete, überließ ich bei unserem ersten Hauskauf – eine Transaktion, die mir damals sowohl schleierhaft war als auch Angst machte – meinem Mann frohen Herzens die Regelung aller Einzelheiten. Er benutzte den Rest seines Ausbildungsfonds als Anzahlung, und ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich, ein derart märchenhaftes Leben zu führen! Wir zahlten meine Kredite ohne Schwierigkeiten zurück.
Obwohl wir damals alles in allem dasselbe verdienten, traf mein Mann auch alle Entscheidungen über Investitionen oder Spenden an karitative Vereinigungen; Spenden gingen an die Bildungsinstitutionen und Wohltätigkeitsvereine, die er bevorzugte. Ich stellte dies nie infrage. Ich fand das Thema Geld belastend, bis ich in mittleren Jahren gezwungen war aufzuwachen. Damit stehe ich nicht allein; viele Frauen finden sich in derselben Situation wieder. Obwohl wir am College durch die Phase der Frauenbewe gung gingen, waren wir im Interesse eines glücklichen Familienlebens immer bereit, »etwas mehr« Hausarbeit und Kinderpflege zu übernehmen als unsere Ehemänner. Nun muss unsere Generation den nächsten Schritt tun.
In der ersten Zeit meiner Scheidung hoffte ich noch, dass mein Leben auf geheimnisvolle Weise von einem finanziell gut ausgestatteten neuen Mann wiederhergestellt werden würde, den ich nur zu heiraten brauchte. Ja, ich gebe zu, dass ich auf den Prinzen auf dem weißen Pferd hoffte, der mich erretten würde. (An dieser alten Sehnsucht hatte offenbar auch mein beruflicher Erfolg nichts geändert.) Es stellte sich aber schon bald heraus, dass kein Prinz auf einem weißen Pferd in Sicht war, ich im Gegenteil lernen musste, mich selbst zu retten. Erst als mir das klar wurde und ich allmählich lernte, mich zu schätzen und mir selbst zu vertrauen sowie meinen Wünschen und meinem finanziellen Verstand, konnte ich auch irgendwann meine Projektionen auf Männer zurücknehmen. Sie waren Menschen und nicht perfekt, genau wie ich. Nicht besser und nicht schlechter. Durch meinen Umgang mit Bankleuten, Versicherungsvertretern und Verkäufern lernte ich, dass Männer finanziell genauso wie ich nur mit »Wasser kochten«. Es war sogar so, dass mein Leben umso angenehmer wurde, je mehr ich begriff, dass ich selbst Urheberin meines finanziellen Raumgewinns war.
Aus dieser neuen Perspektive, durch die Begeisterung über meinen gewonnenen Wohlstand in der Welt, begann ich Männer mehr als zuvor zu schätzen! Ich fand heraus, dass wenn man ihnen gegenüber klar zu seinen Bedürfnissen steht und nett bittet – ohne Wut oder Bedürftigkeit –, sie oft mehr als bereit sind, Dinge für einen zu tun. Letzte Weihnachten beispielsweise habe ich zu meinem ältesten Bruder gesagt, dass ich zur Sonnenwende ein Feuer im Freien anzünden würde. Als ich bei ihm ankam, hatten er und mein jüngerer Bruder einen derart riesigen Holzstapel vor dem Haus errichtet, dass man das Feuer bestimmt noch aus dem Weltraum sehen konnte. Ich war total gerührt und dankbar angesichts dieser Geste der Unterstützung. Genauso letzten Frühling: Da hat mir ein Freund die Autobatterie ersetzt, als mein Auto nicht mehr ansprang. Da ist mir klar geworden, dass ich nur fragen muss, anstatt alles selbst regeln zu müssen. Meine alte stoische Haltung des »Ich brauche keinen« taute in der Wärme der Selbstakzeptanz, des Mitgefühls und der eingestandenen Verletzlichkeit allmählich auf.
Aber all das Wunderbare hat sich erst ereignet, als ich von Männern nicht mehr erwartete, dass sie mich »vollkommen« oder glücklich machten. Als ich begriff, dass ich alles hatte, um glücklich zu sein, gab ich die Vergeblichkeit des Selbstopfers in dem Versuch auf, meine Bedürfnisse auf indirekte Art befriedigt zu sehen. Damals hat sich die Welt für mich verändert. Und das kann Ihnen auch widerfahren.