Читать книгу 1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag - Christoph Strasser - Страница 32

Perfektion und Abenteuer

Оглавление

Florian Kraschitzer ist erst auf halbem Weg den Anstieg hinauf und fühlt sich alles andere als unter Kontrolle. Er liebt ebenso, was er tut, nur auf eine andere Art. Für Christoph ist es das Streben nach Perfektion, für Florian das Abenteuer abseits des Alltags. Beide wollen sie unbedingt ins Ziel, doch für Christoph ist das Wie von vielfach größerer Bedeutung. Während Florian in diesem Stadium für jeden hart erkämpften Höhenmeter büßen muss, häufig pausiert und der Strecke mit Kratzen und Beißen jeden Kilometer einzeln abringt, befindet sich Christophs Körper in einer über Jahre erarbeiteten, perfekten Balance. Sein Scheitern scheint an diesem Punkt unmöglich. Robert Müller, der Verfolger, auf den er sich eingestellt hat, kämpft mit einem anderen um den zweiten Platz. Der Rückstand der beiden hält sich zwar in Grenzen, Christophs Tritt lässt ihn dennoch uneinholbar erscheinen. Er lässt vergessen, wie labil ein vermeintliches Gleichgewicht in einem Wettkampf wie diesem, wo kein Ausruhen im Windschatten, keine locker dahingerollten Kilometer in ruhigen Rennphasen und kein Erbarmen nach der Drei-Kilometer-Marke existieren, in Wahrheit ist. Der Punkt des ersten merklichen Einbruchs könnte jetzt jederzeit kommen, bei ihm wie bei den beiden Kontrahenten hinter ihm. Die Perspektive mag eine andere sein – der vorne fühlt sich wie die Beute der Treibjagd, der hinten wie in der Gegenstromanlage, die jedes Vorankommen zehnfach erschwert –, alle aber leiden ähnlich und jeder für sich. Christoph allerdings, wie die Resultate zeigen, besser als die meisten.

Der Zweitplatzierte im Rennen hat Florian nun ebenfalls beinahe eingeholt, und wie immer an der Spitze des Feldes und mit einem fremden Betreuerfahrzeug in Schlagdistanz, keimt bei ihm bestimmt kurz die irrationale Hoffnung, der GPS-Tracker möge sich irren und das Fahrzeug vor ihm zum strauchelnden Führenden gehören. In diesem Fall wird die Illusion vom schnellen Überholvorgang zerstört, und die Euphorie zerrinnt – so lässt es sich vermuten – in der realen Erkenntnis, dass es ab hier nicht mehr leichter wird. Und dass der, der tatsächlich vor dem allerersten Pacecar im Rennen seine Arbeit macht und schon längst hier war, nicht irgendjemand ist, sondern so ziemlich der Letzte, den man in diesem Sport vor sich haben möchte, wenn es den Sieg auszufahren gilt.

Ein paar Stunden später hat sich wenig verändert. Die Platzierungen sind einzementiert, für Florian wird es noch ein langer Abend, Christophs Verfolger haben den Blick nach vorne längst mit dem nach hinten eingetauscht. Der heimliche Angstgegner hat seinen Kampf um den zweiten Platz verloren, womöglich zollt er dem fabelhaften Auftritt bei seinem ersten RAA Tribut. Christoph muss nur noch den Sack zumachen – eine Aufgabe, die er gut genug kennt. Er fiebert dem Ziel nicht entgegen wie einer, der nichts oder wenig gewonnen hat. Stattdessen verwaltet er das Ergebnis, natürlich auf hohem Niveau, aber doch nicht ganz mit 100, sondern nur mehr mit 98 Prozent, denn hier, bei diesem RAN im Frühherbst 2020, geht es nicht um das letzte Quäntchen.

In ziemlich genau einem Jahr wird das anders sein. Womöglich wird dann erst die letzte Stunde, wenn bereits so viel Schweiß und Flüssignahrung geflossen sind, die Entscheidung über Gelingen oder Fehlschlag der vielleicht größten Aufgabe seines Sportlerlebens bringen. Dort, in Colorado, wird selbst Christoph sich nicht dauernd unter Kontrolle fühlen, sondern so, als wäre die Anforderung übermenschlich. So als stünde eine Wand von tausend Kilometern Höhe vor ihm und eine Sanduhr mit viel zu wenig Zeit, um auf die andere Seite zu kommen. Davor wird noch viel passieren, woran er jetzt nicht denkt und auch noch länger nicht denken wird, denn es darf nicht zu früh um nichts anderes mehr gehen, wenn er den Spannungsbogen so hinbekommen will, wie es nötig ist. Christoph Strasser hat genügend Erfahrung, um zu wissen, dass alles, selbst der unbedingte Wille zum Erfolg, ein Ablaufdatum hat. Erst in zwei, vielleicht drei Monaten wird er sich gestatten, den Gedanken zum ersten Mal – wieder – konkret werden zu lassen. Das ist früh genug, und er hofft, dass bis dahin alles oder zumindest manches klarer ist in Bezug auf das Virus. Das auszuhalten – die Ungewissheit, die Ablenkung – wird die Aufgabe neben der Aufgabe, auf die er sich einzustellen hat.

1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag

Подняться наверх