Читать книгу 1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag - Christoph Strasser - Страница 38
Keine Heldentaten
ОглавлениеPhysisch ist ein Plateau der Horror jedes Sportlers, und der Oktober ist die ideale Zeit, um Neues auszuprobieren. Aber auch psychisch ist ein kleiner Ausbruch aus dem Alltäglichen, gerade dann, wenn es ausnahmsweise nicht um alles geht, nicht minder wichtig, und von Zeit zu Zeit braucht es Impulse wie diesen, um sich selbst auf der eingefahrenen Erfolgsspur noch zu überholen. Konkret heißt das für Christoph in diesem Herbst: Es soll weiterhin Intervalle auf dem Rad geben, jedoch keine Höllenwochen mehr wie in den Hochphasen der Vorbereitung. Dafür wird er die Berge sehen.
Immer wieder fasziniert und belustigt es ihn, dass sich der riesige Vorsprung, den er sich auf dem Rad erarbeitet und lange nicht eingebüßt hat, nirgends, aber auch gar nirgends sonst hin mitnehmen lässt. Das ist der Preis der Spezialisierung und es macht ihm nichts aus; aber alleine die Feststellung dieser Tatsache bringt ihn zurück zur Demut der harten Arbeit gegenüber, die er schon in sich gesteckt hat und noch stecken wird. Einmal hat Christoph es in der Saisonpause mit Laufen versucht. Das Resultat? Keine Heldentaten, nicht nur nach seinen Maßstäben: eine Viertelstunde quer durch die Schrebergartensiedlung, in die sich sein unscheinbares Wohnhaus angenehm unaufgeregt einfügt, dann dieselbe Strecke zurück. Danach Knieschmerzen, die sich beim nächsten Mal zu schlimmeren Knieschmerzen, dann zu bedenklichen Hüftschmerzen auswuchsen, bis er es doch wieder sein ließ, denn eine in die nächste Saison verschleppte Überlastungserscheinung wog schwerer als das bisschen zweifelhafte Abwechslung.
Immer wieder streute er kurze Läufe und andere Alternativtrainings ein, die sich letztlich doch nicht besser anfühlten als das bewährte, aber stupide Training auf der Rolle – trotz der monatelangen Monotonie, der die anderen durch Skitouren, Crosstraining, Mountainbiken und alles Mögliche und Unmögliche zu entfliehen versuchen. Christoph sieht seinen Trainingskeller nicht als Strafe, sondern letztendlich als einen positiven Ort. Natürlich ist es eine Hassliebe, eine Gewohnheitsbeziehung mit Hochs und Tiefs. Dennoch: Dort bereitet er sich vor und seziert während des Schwitzens die vergangenen und zukünftigen Aufgaben bis ins Kleinste.
Lange schon hat er keine Niederlage mehr ausmerzen müssen, um anschließend stärker zurückzukommen. Wäre das so, würde dieser Raum wieder eine zentrale Rolle spielen, wie es jener tat, der vor diesem dieselbe Aufgabe erfüllte. Letztlich ist das Training auf der Rolle für Christoph ein zigfach bewährtes Hausmittel, das Planungssicherheit im Quadrat im nüchtern-pragmatischen Ambiente bedeutet – als Fundament ein Fliesenboden, dem kalter und warmer Schweiß nichts anhaben können, ebenso wenig wie der Gummiabrieb Tausender, auf der Stelle getretener Kilometer.
Dieses Jahr ist, durch Corona, ein bisschen anders als die vorherigen, in denen die bewährte Gewohnheit bei weitem die Oberhand behielt. In diesem Jahr freut er sich, so wie an diesem vorsichtig sonnigen Tag, mal ausbrechen zu dürfen. Auf dem Rad ertappt er sich dabei, kaum mehr das Neue zu suchen, zumindest nicht vor der eigenen Haustüre. Immer häufiger schlägt Effizienz dann Kreativität, und nebelverhangener Asphalt oder weiße, zu Tode gestarrte Wände nehmen sich ohnehin nichts. Christoph beklagt sich nicht; all das nimmt er in Kauf und bewahrt sich dabei sogar die Freude, wie in einer gereiften Beziehung, wenn man auch im Unaufgeregten weiß, was man aneinander hat. Wenn alles ein bisschen stiller und tiefer geworden ist. Doch in diesem, besonderen Jahr, einem Jahr der Unfreiheit in vielerlei Hinsicht, fühlt sich das Unkonventionelle richtig an und wichtiger als sonst, und, nebenbei, so schön wie lange nicht.
Die lange Autofahrt ist ein kleiner Wermutstropfen, aber der Anblick des grasbewachsenen Gipfels, der mit seinem kesselförmigen Anstieg einen imposanten Trainingsgegner abgibt, entschädigt sofort. Schnell gewinnt Christoph an Höhe und schwitzt dabei schon zu Beginn – deutlich mehr, als er das auf dem Rad tun würde, selbst bei höherer Belastung. Es ist kein Berglauf, auch schnelles Gehen erfüllt seinen Zweck. Auf dem Rad wäre er souverän, hier ist er gefundenes Fressen für jeden Bergläufer auf Hobbyniveau. Ein erfrischender Perspektivenwechsel. Und eine willkommene Rückkehr zu einem alten, in Vergessenheit geratenen Hobby.
»Bis zu meinem Dreiundzwanzigsten waren Wandern, Skitourengehen und Laufen Sportarten, die ich liebte. Doch nach zwei aufeinanderfolgenden Schulterverletzungen, einmal beim Surfen und gleich noch einmal bei einem Sturz auf einer Ski-Abfahrt während einer winterlichen Bergtour, reduzierte ich wie viele Profisportler rigoros alles, was mit Sturz- und Verletzungsrisiko einherging. Meine Schulter wurde leider sehr instabil, Dutzende Male ist das Gelenk luxiert, es passierte immer häufiger bei kleinen, alltäglichen Bewegungen. Mein Physiotherapeut Thomas musste mir einmal bei einem Radrennen die Schulter wieder einrenken, nachdem ich sie mir beim Anziehen der Windweste verdreht hatte. Das war auch die Zeit, in der ich wirklich ernsthaft zu trainieren begann, und so wurde das schulterschonende Rad zum Trainingspartner das ganze Jahr über. Erst nach meinem Radunfall 2015 mit anschließender OP wurde ich wieder etwas vielseitiger, seither ist meine Schulter wieder voll beweglich und belastbar, und ich freue mich, langsam die Begeisterung für die Berge wiederzuentdecken – wenn auch nur in gemütlichen Wandertouren. Vor allem, weil ich keine Angst mehr vor dem Ausrutschen auf einer nassen Wurzel haben muss!«