Читать книгу 1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag - Christoph Strasser - Страница 42
Bloß kein Strohfeuer
ОглавлениеChristoph besann sich also wieder auf die Werte, die ihn eigentlich ausmachten, und setzte alles daran, das Störsignal durch die vermeintlichen Psychospiele des anderen so weit nach unten zu tunen, dass sie kaum mehr ein Flüstern im Fahrtwind waren, als er schließlich, beim RAAM 2013, mit Pauken und Trompeten die erste Zeit unter acht Tagen ablieferte. Seitdem gibt es einen Strasser-Feiertag in Annapolis, Maryland. Schoch hingegen stieg um ins Immobiliengeschäft, sein Name kam im Ultracycling seither kaum bis nicht mehr vor. Wenn Christoph daran zurückdenkt, zieht er seine Lektion aus den Fehlern des anderen: kein Strohfeuer – besser eine sorgsam angefachte Glut, die nicht beim ersten Gegenwind erlischt.
Aber er musste auch in anderen Bereichen Demütigungen erdulden und Gelassenheit lernen. Wie lange beispielsweise berichtete der Österreichische Rundfunk, wenn er sich dem Ultracycling annahm, vornehmlich über Gerhard Gulewicz? Einen vom jahrelangen, professionell betriebenen Bodybuilding gebückt gehenden, kahlrasierten Charaktertypen, der aufgrund seiner starken Leistungen vor 2011 zwar zurecht als heißester Anwärter auf den ersten RAAM-Sieg nach der tragisch zu Ende gegangenen Ära Robič gehandelt wurde, jedoch immer häufiger ausschied, umso erfolgreicher Christoph selbst wurde. Er, der die Rennen tatsächlich gewann, musste zurückstecken, auch weil Gulewicz einen ORF-Reporter mit an Bord und phasenweise sogar zum Teamchef hatte. Seine Reaktion: Er entschied, den medial überrepräsentierten Konkurrenten und dessen immer häufiger in Eskapaden am Straßenrand gipfelnde Auftritte in einen gedanklichen Fernseher zu verfrachten, diesen auf stumm zu drehen, die Farbe aus dem Bild zu nehmen und das Gerät von sich weg zu schieben, mit dem Bildschirm gegen die Wand. So, dass er nicht mehr sehen musste, was sich darauf abspielte. Es klappte. Beim nächsten Mal, als er Gulewicz am Start des RAAM begegnete, stellten sich ihm nicht mehr die Nackenhaare auf, denn ähnlich wie zuvor Schoch hatte er den Gegner innerlich überwunden und sich von ihm freigemacht, noch bevor die Uhr zu ticken begann.
Nun aber, im Herbst 2020, verspürt Christoph Strasser – zum ersten Mal in seiner Karriere – eine Ahnung von einer neuen Art Gegner, der selbst ihn vor eine zu große Prüfung stellen könnte: die Zeit. Auch er muss sich Fragen beantworten, die man sich nicht gerne stellt. Er blendet sie aus, so gut es geht, trotzdem sind sie da und drängen sich, in den letzten Monaten häufiger als früher, in den Vordergrund. Wann wird die Zeit gekommen sein für ihn? Wann wird auch er einsehen müssen, dass es besser ist, einen Schlussstrich unter alles zu ziehen, und wie wird dieser Findungsprozess ablaufen? Wie lange wird er weitermachen, wenn sie ihn – das ist unvermeidlich – irgendwann links und rechts überholen und nicht zurückblicken werden, so wie er selbst sich nie umsah? Wird er den Rückschritt zum Platzierungsfahrer ertragen? Ist er wirklich bescheiden genug, so wie es von außen den Anschein hat, um damit in Würde umzugehen? Werden sie es ihm leicht machen, falls es so wäre, oder werden sie ihn in ein Karriereende treiben, mit ihren Schlagzeilen oder mit dem Ausbleiben ebendieser?
Körperlich spürt Christoph Strasser noch keine Abnutzung und auch nicht die voranschreitenden Jahre, denn er trainiert härter und verkraftet, was ihm zugemutet wird, besser denn je. Dennoch ist er sich nicht sicher, wo er jetzt lieber wäre: an dem Punkt, da noch unklar ist, ob man es je schaffen wird, oder an dem jetzigen Punkt, über den kaum mehr etwas gehen kann und der einem damit umso bewusster vor Augen führt, dass es nicht ewig so weitergehen wird?
Auf den letzten Metern durch den Wald, schon kurz vor dem Auto, denkt er nicht an all das. Der Moment ist dazu angetan, solche Fragen hintanzuhalten, denn die Natur zu dieser Jahreszeit führt ihm vor Augen, dass es noch mehr geben wird. Und außerdem ist da diese Zahl, die Eintausend, die ihm mittlerweile einen klaren Weg für die kommenden Monate anzeigt. Womöglich nimmt ihm Corona die Chance auf ein RAAM im nächsten Jahr. Womöglich war das letzte gewonnene, das Rekordrennen von 2019, tatsächlich sein letztes RAAM, ganz ohne Ehrenrunde zum Abschied. Vielleicht bietet die aktuelle Situation aber auch ein Schlupfloch zu etwas Neuem und bringt ihn schlussendlich zurück zum Altbewährten, und alles geht noch länger weiter, als er es sich realistisch betrachtet erhoffen darf. So oder so wird er damit leben müssen und können und sich nicht vor den Antworten drücken, die nur er selbst sich geben kann. Noch aber ist es – und das liegt nicht nur an dieser Zahl, aber an ihr ganz besonders – nicht Zeit für ein Resümee.