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Shakespeare als literarisches Muster

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Kleist orientierte sich mit seinem Erstlingswerk sehr weitgehend an Shakespeare.19 Schon die dramatische Grundsituation entspricht derjenigen in Romeo und Julia. Nach Shakespeares Vorbild tritt ein Wahnsinniger auf: Ruperts ‚natürlicher‘ Sohn Johann verkörpert gegen Ende des Dramas in seiner Sinn-Zerrissenheit die widernatürliche Zerrissenheit seines Geschlechts. Seine makabre Lustigkeit mitten in der Katastrophe ist zugleich von der Shakespeareschen Narrenrolle gefärbt. Shakespeare als Muster verrät auch der Auftritt von Hexen, allerdings macht Kleist seine Hexen in der Gestalt der Barnabe und ihrer Tochter zur rationalistischen Karikatur des Volksaberglaubens: Während Shakespeares Hexen noch in die Sphäre magisch-dämonischer Wirkungen gehören, demonstriert Kleist ganz aufklärerisch nur das Absurde des Glaubens an derlei Zauberwesen. Ferner deutet die Gestalt des Jeronimus, der als unparteiisches Mitglied aus einer Nebenlinie des Hauses Schroffenstein an dem Gegensatz der beiden Hauptlinien nicht teilhat und ihn deshalb zu analysieren vermag, auf die Rolle des Bastards in Shakespeares Drama König Johann. Als Außenstehender beobachtet er das Treiben der beiden streitenden Parteien und stellt darüber seine Betrachtungen an. Damit erhält der Leser oder Zuschauer einen Teil der von ihm geforderten distanzierten Erkenntnis schon durch eine Gestalt des Stückes selbst – obwohl Shakespeares Bastard ebenso wie Kleists Jeronimus auch handelnd und leidend in das Geschehen verstrickt bleibt. Endlich ist in der Familie Schroffenstein das blutig-schnelle Abräumen der Bühne im Schlußakt übertriebene Shakespeare-Manier, während Kleist später eine ganz eigene Kunst des Finales entwickelt. Shakespeare-Manier ist überhaupt die etwas vordergründige und krasse Blutrünstigkeit, vom abgeschnittenen Kindesfinger über die schauerlichen Heroldsmorde bis zum Erstechen der eigenen Kinder durch die Väter. Der Darstellung äußeren Greuels fehlt noch die innere Dimension des Leidens. Dennoch ist die Familie Schroffenstein ein markanter konzeptioneller Wurf. Die Grundlinien von Kleists späteren, künstlerisch vollendeten Werken zeichnen sich bereits ab.

Heinrich von Kleist

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