Читать книгу Delikatessen weltweit: 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten - Julia Schoon - Страница 22
19 Granita: Schneematsch zum Frühstück
ОглавлениеName: Granita
Region: Sizilien, Italien
Verzehr: Gefroren
(c) Alf Altendorf unter CC Lizenz
Auf den ersten Blick scheint es dasselbe Getränk zu sein, das in Nordamerika so omnipräsent ist wie die Tankstellen und Fast-Food-Ketten, die sie verkaufen: Es handelt sich um einen sogenannten »gefrorenen Drink«, der im Land der unbegrenzten Geschmacksrichtungen zum Beispiel mit Erdbeer-, Orangen- oder Zitronenaroma verkauft wird. Wonach die eisige, Zunge und Rachen betäubende Pampe, die man kaum durch den Strohhalm geschlürft kriegt, tatsächlich schmeckt, lässt sich nicht genau sagen. Erdbeeren oder echter Orangensaft haben sich vermutlich nicht hinein verirrt. Sonst könnte man den Drink ja auch nicht als easy Rezeptur aus Pulver und Wasser verkaufen, gelingsicher selbst für Thekenpersonal mit zwei linken Händen und verkümmerten Geschmacksknospen. In einer speziellen Maschine mit aquariumähnlichem Aufsatz rotiert die Mixtur dann non-stop um einen unter null Grad gekühlten Zylinder und entwickelt dabei eine Konsistenz wie Schneematsch.
Was dem Eisdrink an Geschmack fehlt, macht er durch Farbe wieder wett: Sein grelles Rot oder schreiendes Grün wird selbst von blinden Kunden zielsicher geortet. Manch einer bleibt vor den Mixarmen, die wieder und wieder und wieder durch die angefrorene Pampe pflügen, auch erst einmal wie hypnotisiert stehen. Auf Hemd oder Hose kleckern sollte man sich das Getränk allerdings nur, wenn man auf Batikmuster in Knallfarben steht. Im Internet finden sich nämlich Anleitungen zum Einfärben von Stoff mit jenem Pulver, das zum Anrühren der beliebten Schneematsch-Getränke verwendet wird – es ist günstiger als das eigentlich dafür gedachte Färbemittel aus der Drogerie. Gerüchten zufolge sollen sich auch schon Rockstars damit eine neue Haarfarbe verpasst haben.
Längst hat das Getränk seinen Siegeszug um die Welt angetreten und ist mittlerweile auch in Geschmacksrichtungen wie Arctic Green Apple oder Berry Blue erhältlich, die nicht einmal mehr so tun als enthielten sie echtes Obst. Wem das alles bekannt vorkommt, wer womöglich sogar schon einmal seine Zunge arktisch Grün gefärbt hat, der sollte nun ja nicht glauben zu wissen, was es mit Granita auf sich hat.
Granita stammt aus Sizilien und damit dürfte auch schon der größte Unterschied klar sein: Kein Italiener, der etwas auf sich hält, verarbeitet in seiner Küche etwas anderes als natürliche Zutaten. Im Zitronen-Granita ist selbstverständlich frisch gepresster Zitronensaft und etwas geriebene Zitronenschale. Und das kräftige Dunkelviolett oder satte Grün anderer Geschmacksrichtungen kommt von den untergerührten Maulbeeren, die vollreif gepflückt wurden (weshalb es diese Geschmacksrichtung auch nur zwei Monate im Jahr gibt), oder von fein gehackten Pistazienkernen. Außerdem gehören ins original sizilianische Rezept: Wasser und, nun gut, Zucker. Basta.
Mit sehr viel Sorgfalt wird die Granita täglich frisch zubereitet, damit sie ihre unvergleichliche Konsistenz erhält: kompakt, denn es darf keine Luft untergerührt werden, feinkörnig und nicht so flüssig wie ihr amerikanischer Verwandter. Sie muss sich gut löffeln lassen, aber auf der Zunge sofort schmelzen. Serviert wird sie auf Wunsch mit einem Sahnehäubchen, das jedoch keinesfalls hineingerührt, nur heruntergelöffelt werden sollte, um das intensive Fruchtaroma nicht zu verfälschen.
Bereits im 9. Jahrhundert soll die Granita in Sizilien erfunden worden sein – allerdings von den Arabern, die die Insel damals erobert hatten. In den Flanken des Ätna gibt es eine mehrere hundert Meter tiefe Grotte aus erkalteter Lava, in der selbst im Sommer Temperaturen wie im Eiskeller herrschen. Hier wurde in früheren Zeiten Schnee gelagert, der im Winter auf den über 3.300 Meter hohen Ätna fiel und der in der Höhle bis in den Hochsommer vorhielt. Irgendwann hatte jemand die clevere Idee, aus dem gepressten Schnee eine mit Zitrone und Zucker verfeinerte Erfrischung zu machen. Auch wenn die Zubereitung heute eine andere ist: Die Idee war so gut, dass die Granita von der sizilianischen Speisekarte seitdem nicht mehr wegzudenken ist und untrennbar zum typischen Start in den Tag dazugehört. Sie hat dort sogar den Espresso, der sonst zum typisch italienischen Blitz-Frühstück gehört, vom Thron geschubst.
Beim Gedanken an Eis kurz nach dem Aufstehen dürfte sich hierzulande den meisten Menschen der Magen zusammenziehen. Wenn aber die Temperaturen schon morgens so hoch klettern wie bei uns bestenfalls an besonders schönen Sommertagen irgendwann am Nachmittag, sieht die Sache schon anders aus. Und damit der Magen wenigstens ein bisschen was zum Verdauen bekommt, gehört zur Granita (die es übrigens auch mit Kaffee- oder Schokoladenaroma gibt) eine Brioche. Wer es nun noch schafft, das süße, weiche Brötchen in die dickflüssige Eispaste zu tauchen und genussvoll zu verspeisen, ist schon ein halber Sizilianer.