Читать книгу Putin - Ар'лан ис'Дрекхэм - Страница 4
Einleitung
ОглавлениеDie tägliche Fernsehsendung »C dans l’air« (etwa »S liegt in der Luft«) auf dem Kanal France 5 ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. In einem Wechsel von Reportagen und Kommentaren französischer Experten behandelt sie unterschiedliche Themen der Innen- oder Außenpolitik.
Am 17. Oktober 2021 vermittelte uns eine Spezialausgabe der Sendung unter dem Titel »Putin, Herr des Geschehens«, moderiert von Caroline Roux, einen Eindruck von der Politik, die vom »Herrn des Kremls« Wladimir Putin betrieben wird. Ursprünglich war dieses Buch als Antwort auf diese Sendung gedacht. Die Experten, die dort zu Wort kamen, waren so ignorant, so völlig empathielos und so arrogant, dass sie eine Denkweise symbolisierten, die 1945 ausgestorben zu sein schien. Seitdem haben sich die Spannungen zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen verschärft und zu einem bewaffneten Konflikt geführt. Was am 17. Oktober 2021 noch ein Einzelfall war, wurde am 24. Februar 2022 zur Denkweise des Westens. Der Inhalt des Buches wurde an die veränderte Situation angepasst, die Struktur orientiert sich jedoch weiter an dem Schema dieser Sendung.
Das Ziel dieses Buches ist es nicht, zu einer bestimmten Politik oder einem bestimmten Land Stellung zu beziehen, sondern zu zeigen, dass wir unsere Politik nicht auf Vorurteile, sondern auf Fakten gründen sollten. Im Jahr 2023 kommt es zu einem Paradoxon: Diejenigen, die glauben, dass man Russland nur negativ bewerten darf, haben die Ukraine in die Katastrophe gestürzt. Indem wir Russland als schwach dargestellt haben, haben wir überzogene Erwartungen geweckt, für die die ukrainischen und europäischen Bürger nun teuer bezahlen müssen. Und zwar letztendlich für nichts.
Die Sendung gibt uns die Gelegenheit, die von France 5 angestoßenen Überlegungen zu vertiefen und in kritischer Weise unser Russlandbild unter die Lupe zu nehmen. Wir folgen dem Verlauf dieser Sendung, der uns als roter Faden für eine ganzheitliche Betrachtung dienen wird.
Dieses Buch verfolgt zwei Ziele, nämlich aufzuzeigen,
• dass unsere Vorurteile nicht der Realität entsprechen;
• dass Entscheidungen, die auf unseren Vorurteilen beruhen, das Gegenteil von dem bewirken, was wir eigentlich wollen.
Ende 2021 wiederholen unsere Medien bereitwillig das Säbelrasseln an der ukrainischen Grenze, welches einen möglichen Konflikt Anfang 2022 ankündigt. Nach einer langen Karriere in der Prävention von Militärkonflikten und gestützt auf meine Russlandkenntnisse erschien es mir sinnvoll, nach Wegen zu suchen, um unser Verhältnis zu diesem Land zu verbessern.
Der erste Schritt einer solchen Vorgehensweise besteht darin, unsere Wahrnehmung von Russland, seiner Mentalität, seiner Außenpolitik und seiner Ziele zu hinterfragen. Dabei ist zu prüfen, inwieweit unsere Diplomaten ein stimmiges Bild des »Feindes« zeichnen.
Anders als allgemein angenommen arbeiten die strategischen Nachrichtendienste, das heißt diejenigen, die für die politischen Entscheider die Weltlage analysieren, zu fast 95 Prozent mit offenen Informationsquellen, also mit unseren Medien. Somit besteht neben dem grundsätzlichen Einfluss der Medien auf die Meinungen unserer Entscheider auch ein struktureller Einfluss der Medien und »Experten« auf die politischen Entscheidungen, die das öffentliche Leben berühren.
Aus diesem Grund ist Informationsvielfalt ein entscheidendes Element der Machtausübung in einer Demokratie. Das Ziel dieses Werks ist nicht, ein bestimmtes Regierungshandeln zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, geschweige denn Position für oder gegen eine bestimmte Regierung zu beziehen (auch wenn die Schlussfolgerungen dies zu tun scheinen), sondern denjenigen Medien Respekt zu zollen, die eine Vielfalt der Meinungen abbilden.
Vorgehen
Es ist nur logisch, dass den Vorwürfen des Westens eine entsprechende Rhetorik in den kritisierten Ländern (in diesem Fall Russland) entgegengesetzt wird. Wie schon in meinem Werk »Regieren mithilfe von Fake News« ist es nicht meine Absicht, Botschaften der beschuldigten Länder zu verbreiten. In Hinblick darauf habe ich ausschließlich westliche Quellen verwendet, meistens amerikanische oder französische, häufig Traditionsmedien, offizielle Quellen oder solche, die auf einem Gebiet maßgebend sind.
Im Unterschied zu »Faktencheckern« wie Conspiracy Watch, die keine genauen Definitionen von »Verschwörungstheorie« als Grundlage haben (damit sie solche Begriffe zum Zweck von Zensur und Desinformation benutzen können), verwenden wir hier eine feste Terminologie. Im Gegensatz zu ihnen benutzen wir das »Faktenchecken« (das Prüfen von Tatsachen), um zu zeigen, dass es ehrliche Journalisten gibt, die mit Sorgfalt arbeiten. Dafür werden wir die Zustände ohne politische Voreingenommenheit untersuchen.
Terminologie
Der Begriff »Lüge« bedeutet, dass man etwas behauptet, von dem man weiß, dass es falsch ist. Wir werden diesen Begriff nicht verwenden, wenn die Person, die »lügt«, vorab nicht in der Lage war, die »Wahrheit« zu kennen. Dagegen benutzen wir den Begriff »Lüge« dann, wenn eine gut vorbereitete Fernsehsendung Sequenzen enthält, die bereits zuvor als falsch entlarvt wurden. In diesem Werk verwenden wir ebenfalls den Begriff »Desinformation« mit derselben Bedeutung.
»Fake News« sind Falschinformationen gewollten oder ungewollten Ursprungs. Sie können sich aus Unwissenheit, einem Irrtum, einer Verzerrung der Information oder aus einer absichtlichen Lüge ergeben.
»Propaganda« besteht darin, einen Aspekt der Dinge auf Kosten anderer Aspekte hervorzuheben. Entgegen einer allgemeinen Ansicht verbreitet sie nicht zwingend Falschinformationen. Vielmehr führt sie zu einer Verzerrung unserer Wahrnehmung, indem sie den Schwerpunkt der Betrachtung einseitig setzt.
Der »Komplottismus« oder die »Verschwörungstheorie« ist die Schaffung eines Narrativs (einer Erzählung der Dinge), ausgehend von Teilinformationen, Mutmaßungen oder Verdächtigungen, die wie Tatsachen behandelt und mithilfe einer tendenziösen Logik verknüpft werden. Weil die Verschwörungstheorie eine Geschichte aus unzusammenhängenden Teilen erschafft, kann sie Propagandaelemente mit Falschinformationen und mit Desinformation kombinieren.
Beispielsweise ist die Behauptung, dass »Russland« »wie ein Schatten hinter der Protestbewegung der Gelbwesten« stehe, gestützt auf »Tweets« (Twitter-Nachrichten) aus Russland, eine Mischung aus Propaganda (denn es gibt wahrscheinlich auch Tweets aus der Schweiz, Belgien oder Deutschland) und Desinformation (denn »die Russen« sind nicht »Russland« und schon gar nicht die russische Regierung), verarbeitet zu einer Verschwörungstheorie. Der Schwachpunkt von Verschwörungstheorien ist in der Regel das Ziel, das den Verschwörern unterstellt wird (»zu welchem Zweck?«): Es wird in der Regel eher von unserer Wahrnehmung als von der des Gegners bestimmt.
Wir sprechen von einem »Mangel an Rechtschaffenheit«, wenn jemand eine Mutmaßung wie eine Tatsache behandelt, indem er seinen Vorurteilen freien Lauf lässt oder vehement alternative Erklärungen außer Acht lässt, um Anschuldigungen zu erheben.