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Interesse und intrinsische Motivation

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Interessante Tätigkeiten gehen uns leicht von der Hand. Das Interesse an einer Fragestellung bringt uns dazu, ein einschlägiges Buch darüber zu lesen, ohne dass uns jemand dazu anhält oder dafür belohnt. Beobachtungen dieser Art sprechen dafür, dass das Interesse an einer Sache ein wichtiger Bestandteil der motivationalen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens ist. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte man sich daher mit dem Interesse als motivationalem Faktor des Lernens (z. B. Dewey, 1913; Kerschensteiner, 1922). Eine systematische Interessenforschung und eine Untersuchung der motivationalen Auswirkungen von Interessen für das Lernen setzte jedoch erst im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts ein (Krapp & Prenzel, 1992).

Aber was ist Interesse und wie wirkt es sich auf das Lerngeschehen aus? Mit Prenzel, Krapp und Schiefele (1986) lässt sich Interesse auffassen als eine besondere Beziehung einer Person zu einem Gegenstand. Ein solcher Gegenstand kann ein Objekt, ein Thema oder eine Tätigkeit sein.

Die Besonderheit einer interessenthematischen Beziehung äußert sich im subjektiven Erleben durch die Verbindung von positiven emotionalen Zuständen während der Interessenhandlung und einer hohen subjektiven Wertschätzung des Interessengegenstandes (emotionale und wertbezogene Valenz). (Krapp, 2018, S. 287)

Interesse führt zu einer »epistemischen Orientierung« (Prenzel, 1988), die sich vor allem für komplexe Lernziele als außerordentlich hilfreich erweist: Dem Interesse an einer Sache folgt der Wunsch, mehr über diese Sache zu erfahren, sich ausführlicher zu informieren und das eigene Wissen immer wieder zu aktualisieren. Nicht selten geht mit diesem Wunsch eine Identifikation mit dem Gegenstand des Interesses einher, was nicht ohne Auswirkungen auf die Ausformung des Bildes bleibt, das Personen von sich selbst haben (Hannover, 1998).

Krapp (2018) beschreibt in der pädagogisch-psychologischen Interessenforschung zwei unterschiedliche Forschungstraditionen. In der einen Tradition werden vorrangig situationsspezifische Prozesse fokussiert. Streng genommen handelt es sich dabei um die Analyse von Interessantheit (situationales Interesse). Empfindet eine lernende Person ein Thema oder eine Situation, in der ein Lernstoff dargeboten wird (z. B. eine bestimmte Unterrichtsstunde) als interessant, so hat das den Vorteil, dass sich sein kognitives System auf einem optimalen Funktionsniveau befindet. Vor allem die Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung und des Arbeitsgedächtnisses ( Kap. 2.1) funktionieren dann »auf hohem Niveau«, da die starke Valenz der Lernanforderung potenziellen Ablenkungen durch aufgabenirrelevante Reizinformationen wenig Raum lässt. Im Zusammenhang mit dem Unterrichtsmerkmal der »Klassenführung« ( Kap. 7.2) werden wir darauf zurückkommen.

Die zweite von Krapp (1998, 2018) beschriebene Linie der Interessenforschung beschäftigt sich mit situationsübergreifenden interindividuellen Differenzen. Dort werden Interessen als individuelle Dispositionen betrachtet. Im Kontext akademischen Lernens sind hier vor allem thematische Interessen angesprochen. Diese haben sich unabhängig von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Lernenden als bedeutsame Prädiktoren erfolgreichen Lernens erwiesen (Evans, 1971). Schiefele, Krapp und Schreyer (1993) trugen die empirischen Daten aus 21 einschlägigen Studien im Zeitraum zwischen 1965 und 1990 zusammen und fanden einen durchschnittlichen Zusammenhang von r = .30 zwischen Interesse und Lernleistung. Es zeigten sich dabei allerdings beträchtliche Unterschiede zwischen den Fächern: Während das thematische Interesse relativ viel zum Lernerfolg in Mathematik, Physik, Chemie und in den Fremdsprachen beizutragen scheint, ist seine Rolle sehr viel bescheidener in Fächern wie Biologie, Sozialkunde und im Literaturunterricht. Interessanterweise fiel der Zusammenhang zwischen Interesse und Lernerfolg für Jungen generell höher aus als für Mädchen, was vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass Mädchen eher als Jungen bereit sind, sich ungeachtet ihrer Interessen in allen Fächern anzustrengen.

Pädagogische Psychologie

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