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2.4 Motivation und Selbstkonzept
ОглавлениеEs scheint zu den Binsenweisheiten des pädagogischen Alltags zu gehören, dass motivationale Voraussetzungen zu den wichtigsten Determinanten erfolgreichen Lernens zählen. Die Bereitschaft, sich Lernanforderungen zu stellen, sich diesen gezielt und ausdauernd zu widmen und sich dabei anzustrengen, gilt als Anzeichen für eine günstige motivationale Voraussetzung des Lernens. Überraschenderweise fallen jedoch die empirisch ermittelten Zusammenhänge zwischen derartigen motivationalen Parametern und der beobachtbaren Lernleistung eher bescheiden aus. In einer Metaanalyse über die Daten aus 355 empirischen Studien fanden Fraser, Walberg, Welch und Hattie (1987) einen durchschnittlichen Zusammenhang von r =.12 zwischen Motivation und Leistung; d. h. weniger als 2 % der Leistungsvarianz ließ sich durch motivationale Unterschiede zwischen den Lernenden erklären.
Hieraus den Schluss zu ziehen, dass der Lernmotivation beim Lernen eine weitaus geringere Rolle zukommt, als es dem pädagogischen Überzeugungswissen vieler Praktiker entspricht, wäre allerdings voreilig. Weinert (1990) hat dargelegt, dass der Einfluss motivationaler Faktoren aufgrund vielfältiger Probleme bei ihrer angemessenen methodischen Analyse notorisch unterschätzt wird. Eines dieser Probleme kommt dadurch zustande, dass motivationale Voraussetzungen mit den zuvor behandelten kognitiven Voraussetzungen des Lernens – je nach Schwierigkeitsgrad der Lernanforderung – einmal verzahnt, d. h. gekoppelt sind und einmal nicht. Bei schwierigen Lernaufgaben scheint eher ein Kopplungsmodell zu greifen, was nichts anderes heißt, als dass sowohl eine hohe Ausprägung kognitiver Kompetenzen als auch große Anstrengung für erfolgreiches Lernen notwendig ist. Bei leichteren Aufgaben hingegen wird ein Kompensationsmodell unterstellt (geringere kognitive Fähigkeiten können durch große Anstrengungen kompensiert werden und umgekehrt).
Zu den wichtigsten motivationalen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens gehört die Qualität des eigenen Lern- und Leistungsmotivsystems, das sich durch Erfolgsorientierung bzw. Misserfolgsängstlichkeit, den eng damit verknüpften Attributionsstil sowie durch das leistungsbezogene Selbstvertrauen bzw. durch die lern- und leistungsrelevanten Selbstkonzepte gut charakterisieren lässt. Bevor wir einige interindividuelle Unterschiede des Lern- und Leistungsmotivsystems skizzieren, ist es aber notwendig, auf die Rolle des Interesses bzw. der intrinsischen Motivation für den Lernerfolg einzugehen.