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1.6.6 Die Bedeutung von Objekten und Ereignissen wird durch relationale Netzwerke transformiert

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Wenn alle beschriebenen Merkmale zusammenkommen, verändern Netzwerke symbolischer Beziehungen die Funktion – d. h. die Bedeutung und die Wirkung – der in ihnen enthaltenen Objekte und Ereignisse. Greifen wir die Aussage der Patientin noch einmal auf. Die Sprache, die die Patientin gebrauchte, beschreibt nicht nur unterschiedliche Erfahrungen. Sie impliziert auch eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit diesen Erfahrungen. Zum Beispiel bedeutet: »Wenn ich selbstbewusster wäre, könnte ich mit anderen sprechen«, dass mehr Selbstbewusstsein nötig wäre, um mit anderen zu sprechen. Es wäre eine notwendige und hinreichende Bedingung. Allerdings impliziert die Äußerung: »Aber ich bin wertlos«, dass es sinnlos ist, daran zu arbeiten, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Eine aussichtslose Situation.

Sprache verändert häufig die Art, wie wir Objekte und Ereignisse erleben, indem sie uns auf funktionale Elemente hinweist, die sich ohne Sprache nicht erschließen würden. Bedenken Sie was passiert, wenn Sie Wein probieren, anschließend die Beschreibung auf dem Etikett lesen und ihn danach nochmals probieren. Wenn Sie kein Experte sind, schmecken Sie zunächst vielleicht nur Trauben und Alkohol. Nachdem Sie aber das Etikett gelesen haben, auf dem steht, dieser Wein schmeckt nach Tabak und Schokolade, nehmen Sie möglicherweise diese Geschmacksnoten wahr. Die Beschreibung auf dem Etikett lässt eine Äquivalenzbeziehung zwischen Wein, Tabak und Schokolade entstehen. Der Bezug »schmeckt nach« weist auf die relevanten funktionalen Merkmale hin, die hier angesprochen sind (z. B. der Geschmack ist gleich, aber nicht die Farbe). Eine Kombination chemischer Merkmale führt dazu, dass Wein so schmeckt, wie er schmeckt, und der Sprache ist es zuzuschreiben, dass uns bewusst wird, was es zu schmecken gibt.

Etwas Ähnliches geschieht, wenn eine Therapeutin ihre Patientin fragt: »Könnten Sie mir sagen, was in Ihrem Körper passiert, wenn Sie Angst spüren?« und die Patientin antwortet: »Meine Muskeln sind angespannt.« Dadurch, dass die Therapeutin das symbolische Netzwerk der Patientin anspricht, kommt es zu einem besseren gemeinsamen Verständnis des Erlebens von Angst bei der Patientin. Anstatt anzunehmen, dass die Patientin das gleiche fühlt wie andere Patienten, wenn sie ängstlich sind, kann man durch Nachfragen nun dem Begriff »ängstlich« eine Funktion zuschreiben, die das Empfinden der Patientin besser beschreibt. Die Therapeutin könnte weitere Fragen anschließen, wie z. B.: »Wo genau fühlen Sie die Anspannung?« oder »Wenn Sie den angespannten Bereich mit einem Stift umfahren würden, wie ist die Form und Größe?« Mit jeder Frage wird das mit der Anspannung verbundene Empfinden genauer erarbeitet. Es hat nun eine Qualität erreicht, die durch die Lage, die Form und die Größe definiert ist.

Im oben beschriebenen Prozess geht es unter anderem darum, Eigenschaften der inneren und äußeren Umwelt zu erkennen, die bereits ursprünglich da waren. Aber, wie in dem Beispiel »ist der Vater von«, können relationale Netzwerke auch neue Funktionen erzeugen, die sich erst im Nachhinein erschließen. Experimente, die eine Täuschung beinhalten, lassen erstaunliche Situationen entstehen. In solchen Versuchen wird deutlich, dass eine willkürliche Auswahl von kontextuellen Hinweisreizen die Wahrnehmungsfunktionen der Probanden verändert. Stellen Sie sich vor, Sie haben Gäste zum Abendessen eingeladen. Sie schenken ihnen billigen Wein ein. Gleichzeitig sagen Sie: »Das ist ein exzellenter Wein. Er wurde mir empfohlen, um das Essen, das vor euch steht, abzurunden. Bei dem Wein ist die Säure im perfekten Gleichgewicht, er hat ein feines, elegantes Bouquet mit Fruchtaromen, Noten von Schokolade und schwarzem Tee«. Voraussichtlich nehmen viele Ihrer Gäste tatsächlich diese Aromen wahr. Möglicherweise sind einige einfach nur höflich und geben vor, dass sie das schmeckten, was der Beschreibung entspricht. Auch wenn Sie das Experiment auflösen, bleiben vermutlich einige dabei, dass Sie wirklich Schokolade und schwarzen Tee herausgeschmeckt haben. Die einfache Aussage: »Dieser Wein schmeckt wie Schokolade« hat die Wahrnehmungsfunktionen in Bezug auf den Wein unabhängig von seiner tatsächlichen Zusammensetzung transformiert.

Sprache als psychotherapeutische Intervention

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