Читать книгу Picky Eaters - Tatje Bartig-Prang - Страница 24

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Der richtige Start

Ist nun jedes Kind gleichermaßen mit exakt einem halben Jahr bereit für Beikost? Nein! Genauso wie Kinder zu verschiedenen Zeiten sprechen und laufen lernen, variiert auch der Zeitpunkt der sogenannten Beikostreife (siehe >). Um die individuell jeweils unterschiedlich ausfallenden Reifezeitpunkte mit einzubeziehen, gibt es Empfehlungen von WHO und UNICEF, wonach auf drei bestimmte Entwicklungszeichen geachtet werden sollte. Diese müssen immer gemeinsam auftreten, um bei einem gesunden Kind den Beikoststart einläuten zu können:

 Das Kind sollte für die Dauer der Mahlzeit im Rumpf stabil sein und auch seinen Kopf schon sicher halten können, sodass es sich zum Beispiel auf dem Schoß der Person, die es füttert, mit ein wenig Unterstützung aufrecht halten kann, ohne beim Essen in sich zusammenzusacken.

 Außerdem soll es einen Gegenstand in seiner unmittelbaren Umgebung – zum Beispiel etwas zu Essen – sehen, ergreifen und selbstständig zum Mund führen können: funktioniert mit Nahrung oder Spielzeug.

 Schließlich soll das Kind auch in der Lage sein, das Essen herunterzuschlucken. Ein Baby, das Essen automatisch wieder mit der Zunge aus dem Mund schiebt, ist noch nicht beikostreif. Das Hinausschieben von Speisen ist nichts, was von Eltern trickreich überwunden werden muss, sondern ein Schutzmechanismus.

MÜNDIGE ESSER

Der erste Geburtstag eines Babys ist für manche Familien der Tag, an dem die Unsicherheit in Sachen »richtiger Ernährung« noch größer wird: Was darf das Kind denn nun essen? Alles vom Familientisch? Oder doch lieber die mikrowellengeeigneten »Kindermenüs«, »Kindernudeln«, »Kindermüslis« und »Kinderjoghurts«, die geschäftstüchtige Babybreihersteller nach der Gläserkost für die Kleinen bereithalten? Und was, wenn alle Familienmitglieder bereit für die Speisen auf dem Esstisch sind, aber das Baby weiterhin nur Brei möchte?

Mögliche Probleme

 Häufig wird gerade von Babynahrungsherstellern geraten, die Konsistenz des Essens nur sehr langsam von flüssig zu fest zu steigern. Dabei verunsichert diese langsame Steigerung das Baby oft noch mehr. Es rechnet ja immer mit der gewohnt homogenen Konsistenz seiner Mahlzeit ohne Stückchen auf dem Löffel. Wenn sich dann plötzlich eine Nudel darauf findet, können wir das mit dem Schreckerlebnis vergleichen, wenn wir eine Cola trinken, in der unvermutet eine Nudel schwimmt. Wahrscheinlich würden auch wir uns ganz gehörig verschlucken.

 Bei einigen Kindern ist auch die Umstellung von der Brust beziehungsweise Flasche auf das Mit-dem-Löffel-Füttern und dann auf das Selbstessen einfach ein Schritt zu viel. Besonders, wenn die Einführung des Löffels problembehaftet war, stellt der nächste Wechsel des Fütterungsmodus in Richtung autonomer Nahrungsaufnahme eine höhere Schwelle dar.

 Die Freude über das – manchmal mühsam errungene – selbstständige Essen, kann schon kurze Zeit später auf eine harte Probe gestellt werden. Denn irgendwann im zweiten bis vierten Lebensjahr beginnt die sogenannte Trotzphase.


Wenn ein Kind alles selber machen will und etwas mal nicht klappt, reagiert es in der Trotzphase mit Wut.

Die Trotzphase

Dabei ist das Wort »Trotz« entwicklungspsychologisch nicht negativ besetzt. Im Gegenteil! Trotz bedeutet im eigentlichen Wortsinn nichts anderes als Standhaftigkeit, Selbstbehauptung oder Gegenwehr.

Wir kennen diese Bedeutung aus Wendungen wie »allen Zweiflern zum Trotz« oder »einem Angriff trotzen«. Erwachsene, die einer Sache trotzen, gelten als besonders standfest, mutig und nicht leicht unterzukriegen. Während diese Charaktereigenschaften bei uns selbst also positiv besetzt sind, denken wir bei trotzenden Kinder oft anders. Sie sollen vor allem funktionieren und das tun, was man ihnen sagt. Selbstbehauptung will aber jetzt für später gelernt sein!

DER WEG IN DIE UNABHÄNGIGKEIT

Diese Gleichung geht so nicht auf, denn mit den Charaktereigenschaften, die jedes Kind mit auf die Welt bringt, müssen wir es dabei unterstützen, zu einer inneren Unabhängigkeit zu finden. Deshalb wird die Trotzphase auch häufig als Autonomiephase verstanden, um die Notwendigkeit dieses anstrengenden, aber notwendigen Abnabelungsprozesses zu unterstreichen. Verweigerung und Wutanfälle sind in einem bestimmten Alter also nicht nur normal, sondern auch Teil einer gesunden Entwicklung. Natürlich ist es kräftezehrend, Schreien, Weinen, Trampeln und Sich-Hinwerfen immer zugewandt und geduldig zu begleiten. Aber wenn wir uns klarmachen, dass der schlimme Wutanfall, weil das Brot längs statt quer geschnitten wurde, später zu mehr Selbstständigkeit und Frustrationstoleranz führen, kann uns das vielleicht trösten.

GEFÜHLE SIND IMMER GROSS

Wir sollten immer davon ausgehen, dass jede Gefühlsäußerung eine Berechtigung hat. Wenn der Becher blau statt grün ist und der grüne gerade im laufenden Geschirrspüler, hilft diese Erkenntnis nicht weiter. Unser zweijähriges Kind versteht noch keine Erklärungen, warum es egal sei, aus welchem Becher es trinkt. Ihm ist es in diesem Moment alles andere als egal, und diesem Gefühl verleiht es Ausdruck. Einerseits ist es erwiesenermaßen sehr ungesund, Wut dauerhaft zu unterdrücken, andererseits kann es auch nicht unser Ziel sein, unser Kind darin zu bestärken, aggressiv oder gewalttätig zu sein. Spätestens da, wo die Grenze zur Schädigung anderer erreicht ist, müssen wir eingreifen und helfen bei der Kanalisierung und positiven Umwandlung der Wut. Dabei geht es nicht darum, die kindliche Emotion zu unterdrücken, sondern ruhig zu bleiben, nicht abschätzig zu werden sich nicht auszuklinken. Das gelingt aber wohl nicht mal einem langjährig ausgebildeten Zen-Meister immer.

SELBSTBESTIMMUNG BEI TISCH

Das Streben nach mehr Autonomie kann sich in allen Bereichen des kindlichen Lebens ausdrücken. Auch oder gerade beim Essen! Ein unkomplizierter Esser, der vom Räucheraal bis zum Thunfisch-Sandwich mit schwarzen Oliven bislang alles verschlang, mutiert häufig gerade durch sein Bedürfnis nach mehr Selbstständigkeit zum heiklen Esser.

ICH KANN DAS ALLEIN!

Die Kulturanthropologin Katherine Dettwyler geht anhand des Vergleichs verschiedener Säugetierarten von einem biologischen Abstillalter beim Menschenkind von etwa zweieinhalb bis sieben Jahren aus. Dazu müssen Kinder lernen, alles, was sich ihnen als Nahrung darbietet, auch ohne Hilfe eines Erwachsenen sehr kritisch zu hinterfragen.

Und obwohl heute in Deutschland nur wenige Mütter ihre Kinder so lange stillen, werden Kinder in diesem Alter häufig Picky Eaters: Sie bewegen sich nicht mehr vor allem im schützenden Radius der Mütter.

Das Verstehen der Ursachen für ein normales Picky Eating bringt ein Kind zwar kurzfristig nicht dazu, wieder gerne geräucherten Aal zu essen, aber wahrscheinlich langfristig! Denn nur, wenn wir wählerisches Essverhalten genauso begleiten wie andere Autonomiebestrebungen, wächst unser Kind in die Rolle hinein, irgendwann auch exotischeren Speisen und ungewohnten Geschmäckern eine Chance zu geben.

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