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Die Botschaft hören, die hinter der Wut der Wechseljahre steckt
ОглавлениеDie GnRH-Schübe, die mit den Wechseljahren einhergehen, bereiten das Gehirn auf neue Wahrnehmungen vor – und damit letztlich auf ein neues Verhalten. Sehr häufig werden Frauen reizbarer oder sogar richtiggehend wütend und regen sich über Dinge auf, über die sie zuvor leichter hinweg gesehen haben. Lange bevor wir aufgrund der sich verändernden Hormonspiegel Hitzewallungen erleben, durchläuft unser Gehirn Veränderungen im Hypothalamus, eben der Region, in der das GnRH gebildet wird.
Diese Gehirnregion ist die Schlüsselregion für das Erleben und letztlich auch für das Ausdrücken von Emotionen wie Ärger und Wut.10 Es ist wohl bekannt, dass Hormone sowohl Aggression als auch Wut beeinflussen. In mittleren Jahren unterstützen unser Körper und unser Gehirn uneingeschränkt unsere Fähigkeit, Wut mit einer Klarheit zu erleben und auszudrücken, wie es zuvor nicht möglich war.
GnRH ist nur eines der vielen Hormone, die diese Veränderungen im Gehirn unterstützen. Östrogen- und Progesteronmoleküle docken in Regionen wie den Mandelkernen (Amygdala) und dem Hippocampus an, die bei Gedächtnis, Hunger, sexueller Lust und Wut eine wichtige Rolle spielen. Schwankende Konzentrationen dieser und anderer Hormone können durchaus dazu beitragen, alte Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, die oft mit starken Emotionen, insbesondere Wut, einhergehen. Das soll nicht heißen, dass Ärger und Wut vom hormonellen Wechsel hervorgerufen werden. Vielmehr bedeutet es, dass die hormonellen Veränderungen lediglich die Erinnerung an unvollendete Angelegenheiten und deren Klärung erleichtern.
Viele Frauen sind beunruhigt oder ängstigen sich, wenn sie diese Wut hochkochen fühlen. Vielleicht sind Sie gar nicht wütend. Vielleicht sind Sie »nur« gereizt, quengelig, verärgert, neidisch, überwältigt oder deprimiert, oder Sie haben »nur« einen hohen Cholesterinspiegel oder einen hohen Blutdruck. Glauben Sie mir, all diese Emotionen und körperlichen Zustände sind mit einem Gefühl verknüpft: Wut. Wut bei Frauen hat im Allgemeinen einen schlechten Ruf, es sei denn, die Wut kommt anderen zugute.
Denn obwohl Wut bei Männern, dem Geschlecht, bei dem sie gesellschaftlich akzeptabel ist, intensiv untersucht worden ist, ist die einzige Form von weiblicher Wut, die eingehend erforscht worden ist, die mütterliche Wut, deren Funktion darin besteht, ein Kind zu schützen, das bedroht ist. Es ist für Frauen zudem auch kulturell akzeptabel, ihre persönliche Wut auszudrücken, indem sie für soziale Gerechtigkeit kämpfen, was allzu oft dazu führt, dass auf dieser Plattform persönliche Wut abreagiert wird. Auch wenn uns beigebracht worden ist zu glauben, unsere Wut erwachse aus dem Erleben von Ungerechtigkeiten, die anderen angetan werden – das Politische ist stets persönlich: Bei unserer Wut geht es letztlich immer um uns selbst, und ihre Kraft drängt uns stets zur Selbstverwirklichung.
Das heißt nicht, dass wir soziale Proteste, Reformen und die Suche nach Gerechtigkeit aufgeben sollten. Es besagt nur, dass wir unsere persönliche Motivation, in diese Arenen zu steigen, im Auge behalten müssen und diesen Anliegen nicht erlauben dürfen, uns von unserer Selbsttransformation und Selbstheilung abzulenken – Prozesse, die uns stets zu noch effizienteren Vorreiterinnen des sozialen Wandels machen. Wir müssen unsere Wut einfordern. Insbesondere in der Lebensmitte kann sie eine wichtige Rolle dabei spielen, unsere Lebensqualität und unsere Gesundheit zu verbessern. Sie ist ein mächtiges Signal unserer inneren Weisheit – wir sollten lernen, ihm zuzuhören und zu handeln. Wut erwächst immer aus einem missachteten Bedürfnis. In seinem Grundlagenwerk zeigt Dr. Marshall B. Rosenberg, dass alles menschliche Verhalten dem Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung entspringt (vgl. dazu Marshall B. Rosenberg: Was deine Wut dir sagen will, Paderborn 2013).
Hier einige Situationen, aus denen Wut erwachsen kann, und welche Botschaft dahinter steckt:
Nicht eingelöste Versprechen und Zusagen (Bedürfnis nach authentischen Beziehungen)
Verlust an Macht, Status und Respekt (Bedürfnis nach Anerkennung und Respekt)
Beleidigt, geschwächt oder herabgesetzt worden zu sein (Bedürfnis nach Anerkennung und Respekt)
Bedrohung durch seelischen oder körperlichen Schmerz (Bedürfnis nach Trost, Sicherheit und Vertrautheit)
Verschiebung oder Absage eines wichtigen oder erfreulichen Ereignisses, der Bequemlichkeit eines anderen zuliebe (Bedürfnis nach Unterstützung, Spaß, Freude oder Trauern)
Etwas vorenthalten zu bekommen, das uns unserem Gefühl nach rechtmäßig zusteht (Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Anerkennung)11
Wenn eine Frau nicht vor den Wechseljahren gelernt hat, ihre Wut als solche zu erkennen und zu verstehen, was sie ihr sagt (und das trifft für viele Frauen zu), dann sind die Wechseljahre die beste Gelegenheit, das nachzuholen. In den Wechseljahren schärft die Neuverkabelung ihres Gehirns ihren Blick und erleichtert ihr, ihre Motivationen zu erkennen. Wut als Katalysator für positive Veränderung und Wachstum zu benutzen ist immer befreiend.
Im Frühstadium des Klimakteriums ist die Reizbarkeit, die Sie empfinden, unter Umständen nur relativ schwach ausgeprägt. Reizbarkeit ist eine Niedervoltform von Wut, die gewöhnlich nicht zu einer dauerhaften Veränderung – oder überhaupt irgendeiner Veränderung – führt. Reizbarkeit ist, als ob man Wasser in einem Topf kurz unterm Siedepunkt hält und immer neues Wasser zugießt oder die Hitze reduziert, bevor der Inhalt wirklich kocht. Wenn wir den Dingen in unserem Leben, die uns irritieren, keine Aufmerksamkeit schenken, wird die Natur beim Versuch, uns zu mobilisieren, die Flamme unter dem Topf hochdrehen.