Читать книгу Raumschiff Prokyon Band 1-18: Die ganze Serie - Harvey Patton - Страница 22
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ОглавлениеAm nächsten Tag, als alle ausgeschlafen und die diversen Kater vertrieben hatten, begannen die Verhandlungen zwischen Khartoniern und Terranern.
Schon nach kurzer Zeit stand fest, dass es für beide Seiten keine schwierigen oder gar unlösbaren Probleme gab.
Die überwiegende Mehrheit der kleinen blauhäutigen Menschen war dafür, das Sonnensystem zu verlassen, um sich auf einem Planeten eine neue Heimat zu suchen, der in etwa der Erde entsprach. Aus den Nachrichtensendungen waren sie über alle Vorgänge im Sternhaufen NGC 188 informiert. Dort herrschte nun Ruhe, und sie waren bestrebt, sich aus den politischen Umtrieben innerhalb der Raumkugel herauszuhalten. Misjalda und die männlichen Sprecher der Raumstation plädierten deshalb dafür, ihre kleine Welt auf Kurs zum NGC 188 zu bringen. Dort wollten sie sich selbst einen Planeten aussuchen, der ihren Vorstellungen entsprach.
»Wir werden Kharto in eine Umlaufbahn um die betreffende Welt bringen«, erklärte Misjalda. »Natürlich wird es uns nicht möglich sein, alle Bewohner auf einmal dort anzusiedeln. Wir werden uns zunächst darauf beschränken müssen, Vorauskommandos auszusenden, die alle nötigen Vorarbeiten leisten. Das Konzept dafür können wir von Danatun erstellen lassen. Dann werden wir nach und nach mit der Übersiedlung fortfahren, ohne aber Kharto ganz aufzugeben. Es gibt unter uns auch eine Gruppe, die die Station nicht verlassen und weiter für ihre Funktionsfähigkeit sorgen will. Allerdings wird das Übersiedlungsprojekt unsere Mittel voraussichtlich übersteigen. Inwieweit können wir auf Hilfe durch die Erde zählen?«
Alexandros Demosthenes war, in mehrfacher Hinsicht ernüchtert, wieder auf den Boden der Sachlichkeit zurückgekehrt. Er hatte von der Erdregierung weitgehende Vollmachten erhalten, war also imstande, bindende Abmachungen zu treffen.
»In jeder Weise«, versicherte er. »Terra stellt Ihnen für den Anfang unentgeltlich Arbeitsroboter, Bauelemente, technische Anlagen, Saatgut und Basisherden von verschiedenen Nutztieren zur Verfügung. Falls nötig, kann Kharto anschließend langfristige zinslose Kredite erhalten, für deren Gegenwert weitere Güter geliefert werden. Ihre Abgeltung kann auch mit etwaigen Leistungen verrechnet werden, die Kharto für Terra erbringt.«
»Das verstehen wir nicht ganz«, warf einer der kleinen Menschen ein. »Kharto ist eine kollektive Gemeinschaft, in der es Zahlungsmittel wie bei Ihnen nie gegeben hat. Dürfen wir Sie um weitergehende Erläuterungen bitten?«
Taff Caine schaltete sich ein. Er erklärte, dass die für später in Aussicht gestellten Mittel praktisch verlorene Kredite waren. Sofern es auf dem zur Besiedlung bestimmten Planeten – wie mit Sicherheit zu erwarten war – Bodenschätze gab, deren Ausbeutung sich lohnte, war die Rückfinanzierung eine vollkommen risikolose Angelegenheit. Bestimmte Metalle gab es auf der Erde überhaupt nicht mehr, und die Kolonialwelten verlangten für sie gesalzene Preise. Der gleiche Kurs sollte auch für die Khartonier gelten, so dass sie ihre etwaigen Verpflichtungen ohne große Mühe in Naturalien abgelten konnten.
»Damit sind wir einverstanden«, sagte Misjalda nach einer kurzen Beratung. »Danatun hat unsere Verhandlungen mitverfolgt und ebenfalls seine Zustimmung erklärt.«
»Sehr gut«, gab Alexandros Demosthenes zurück. »Dann sind wir uns also im Grunde einig und können zur Paraphierung eines beiderseitigen Abkommens übergehen. Ich schlage vor, alle Einzelheiten unserer weiteren Gespräche direkt von Danatun aufnehmen und von dem Gehirn verbindlich festhalten zu lassen. So können alle Missverständnisse eliminiert werden, die sich durch verschiedene Auslegung der mündlichen Absprachen vielleicht doch ergeben könnten.«
Mitani N'Kasaa lächelte.
»Er kann den Sohn eines gewieften Geschäftsmannes eben nicht verleugnen«, flüsterte sie Taff zu. »Ob er wirklich glaubt, dass die Khartonier versuchen könnten, Terra irgendwie übers Ohr zu hauen?«
»Nein, das ganz bestimmt nicht«, sagte er ebenso leise. »Abgesehen davon, dass sie das auch gar nicht könnten, denn trotz ihrer neuen Unabhängigkeit sind sie ja nach wie vor auf die Erde angewiesen. Einen Vertrag brauchen wir eigentlich nur im Hinblick auf unsere lieben Mitbewohner der Raumkugel. Wenn alles schriftlich fixiert, unterschrieben und besiegelt ist, können wir ihn dann vorweisen, wenn sie auch hier mit Verdächtigungen aufwarten sollten, wie oft genug gehabt.«
Das Abkommen wurde während der nächsten Stunden aufgesetzt. Auch die PROKYON-Crew wurde dazu herangezogen. Ihre Mitglieder wussten am besten, was alles für die Kolonisierung eines Planeten durch dreißigtausend Menschen erforderlich war. Demosthenes formulierte in Zusammenarbeit mit Danatun den Text der einzelnen Artikel so klar wie möglich.
Eine Stunde Pause wurde eingelegt, als die Zeit zum Mittagessen gekommen war. Dann ging es weiter, allerdings ohne Luca Ladora. Er hatte sich mit Erethreja zurückgezogen, denn auch sie sahen sich vor Probleme gestellt.
»Ich habe mich entschlossen, mit unter die Siedler zu gehen«, erklärte das Mädchen. »Wir Blumenkinder mit unseren besonderen Fähigkeiten müssen den anderen vorangehen und ihnen ein Beispiel geben. Es wird viel Arbeit für uns geben, und vielen wird die Umstellung von ihrem gewohnten Dasein zu einem Leben auf einem Planeten nicht leicht fallen. Sie wird mir über die unausweichliche Trennung von dir hinweghelfen müssen.«
Ihre Stimme war leiser geworden, sie hatte den Kopf gesenkt. Der Mann griff ihr unters Kinn, hob ihn wieder hoch und sah die Tränen in ihren Augen.
»Es wird keine Trennung für immer sein«, tröstete er sie. »Gewiss, NGC 188 ist weit, aber wo ein Wille ist, findet sich bekanntlich auch immer ein Weg. Ich verspreche dir feierlich, dass ich dich auf der neuen Welt besuchen werde, sooft es nur geht. Schließlich habe ich noch eine Menge Urlaub gut, und notfalls muss die Crew eben für einige Zeit auch mal ohne mich auskommen.«
Das war ernst gemeint, und das Mädchen spürte es. Es schmiegte sich an ihn, die Tränen versiegten, und ein erstes Lächeln flog über sein Gesicht.
»So ist es wieder besser, Kleines«, sagte Luca und lächelte zurück. »Komm, gehen wir wieder zu den anderen, vielleicht werden wir dort gebraucht. Der Papierkrieg ist der schlimmste aller Kriege, obwohl er unblutig verläuft.«
Sie stellten jedoch fest, dass die Abfassung des Vertrags bereits abgeschlossen war. Danatun war dabei, ihn auszudrucken, nachdem er durch Blitzkonsultation von TAC einige unklare Punkte geklärt hatte. Menschen und Khartonier standen in lockeren Gruppen herum und tranken Kaffee, ein Mitbringsel der PROKYON-Crew.
Plötzlich sprach ein Videophon an, das Gesicht eines Technikers erschien auf der Bildfläche.
»Ein weiteres Schiff von der Erde ist am Anflug und wird in zehn Minuten Kharto erreichen«, meldete er. »An Bord befindet sich der Verteidigungsminister Terras, Min Jian-Ksu!«
*
»Mahlzeit!«, sagte Taff Caine, dem sein Kaffee plötzlich nicht mehr schmecken wollte. »Der Weise Elefant sucht uns heim, und mir schwant dabei nichts Gutes. Wussten Sie, dass er hierher kommen würde, Alexandros?«
»Bestimmt nicht, Taff«, versicherte Demosthenes. »Ich habe auch keine Ahnung, was er hier will; als ich vor meinem Abflug mit ihm sprach, hat er nicht die geringste Andeutung gemacht.«
»Dann war es wieder einer seiner berüchtigten Blitzentschlüsse«, vermutete Lars Gunnarsson. »Bereiten wir uns moralisch auf alles vor, dann können wir später nur angenehm enttäuscht werden. Fahren wir nach oben, um ihn zu empfangen?«
»Ich denke nicht daran«, knurrte der Commander. »Zwar ist er neuerdings als VM auch unser höchster Vorgesetzter, aber deshalb springe ich noch lange nicht, sobald er auftaucht. Fange ich erst einmal damit an, ist unser spezielles Image bald dahin.«
»Wahr gesprochen, Boss!«, grinste Luca.
Min Jian-Ksu erschien in Begleitung einiger Raumfahrer, die der Crew flüchtig bekannt waren. Er begrüßte die anwesenden Khartonier und nickte dann Demosthenes und der Crew gemessen zu. Sein breitflächiges Gesicht war unbewegt, der kahle Schädel glänzte wie frisch poliert.
»Die Begeisterung anlässlich meiner Ankunft springt Ihnen geradezu aus den Augen«, meinte er sarkastisch. »Ganz besonders Ihnen und Ihrer Crew, Taff! Mein Anblick aktiviert Ihr schlechtes Gewissen sozusagen automatisch, wie mir scheint.«
Caine lächelte müde.
»Unser Anblick wiederum scheint ihr Gehirn automatisch zur Produktion schlechter Bonmots anzuregen«, gab er nicht weniger spöttisch zurück. »Nachdem nun mit dem Austausch der diversen Liebenswürdigkeiten das übliche Zeremoniell erledigt ist, erlaube ich mir eine präzise Frage, Min: Was hat Sie hierher getrieben?«
Jian-Ksu hob die Hände.
»Unser verehrter Präsident, Vladim Storjew. Er wäre gern selbst gekommen, aber sein Terminkalender erlaubt es nicht. Deshalb hat er mich als Stellvertreter entsandt. Er ist der Meinung, dass das Abkommen zwischen Kharto und der Erde dadurch beträchtlich aufgewertet wird, wenn ich es mit unterzeichne. Das soll aber natürlich kein Affront für Sie sein, Alexandros«, fügte er hinzu.
Demosthenes nickte. »So hätte ich es auch nie aufgefasst, Min. Sie sind gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen, der Vertrag ist aufgesetzt und wird soeben ausgefertigt. Er kann in spätestens einer Viertelstunde unterzeichnet werden.«
»Große Männer zeichnen sich durch das Vermögen aus, sich stets im richtigen Zeitpunkt einzufinden«, lächelte der Asiate. »Übrigens hat die Regierung nochmals ihren Sonderetat strapaziert und eine weitere Ladung guter Dinge für Kharto zur Verfügung gestellt. Der Unterzeichnung soll ein großes Fest folgen, bei dem ich als Gastgeber fungieren darf.«
»Ab und zu haben auch Männer in gehobener Position einmal gute Ideen«, lästerte Mitani N'Kasaa. »Das gibt also ein Fest, das uns einmal nichts kostet, Freunde! Wir haben ja gestern schon geübt, die Wiederholung wird allen ein besonderes Vergnügen sein.«
»Allen – nur Ihnen nicht!«, konterte Min Jian-Ksu schadenfroh. »Zu meinem größten Bedauern muss ich Ihnen nämlich mitteilen, dass ich auch den Auftrag habe, der PROKYON einen Einsatzbefehl zu überbringen. Alexandros Demosthenes soll nach Nimboid fliegen, um Verhandlungen mit der neuen Regierung des Planeten zu führen. Wer wäre wohl besser dazu geeignet, ihn zu begleiten als Sie? Schließlich kennen Sie Toburu-Chan persönlich, Taff.«
»Amen!«, murmelte Caine resigniert. »Sie haben nebenbei ein ganz besonderes Talent, einem Aufträge besonders schmackhaft zu machen, Min. Sie hätten im NGC 188 dabei sein sollen, dann wüssten Sie, welch besondere Gewächse die Nimboiden sind. Gäbe es nicht das Erbe des Drajur, wäre Toburu-Chan noch heute mein bester Feind.«
»Er ist es aber nicht mehr«, sagte der Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Terranischen Raumstreitkräfte mit Nachdruck. »Im Gegenteil, er hat bei Kontaktaufnahme zwischen Nimboid und uns ausdrücklich darum gebeten, Sie und Ihre Crew mitzuschicken. Alexa van Grooten hat zugestimmt, und damit ist es offiziell: Sie fliegen zusammen mit Alexandros los, sobald es geht.«
»Wir überschlagen uns geradezu vor Freude«, kommentierte Lars säuerlich. »Kein zweites Fest, dafür aber den Besuch auf einer Welt mit hoher Schwerkraft und voller Vulkane, auf der mittlere Erdbeben das Essen ersetzen, wie man hört. Dazu dann noch die übergroße Herzlichkeit seiner Bewohner gegenüber allen Terranern – wirklich ein exzellenter Auftrag.«
»Den wir trotzdem in bewährter Manier und guter Haltung absolvieren werden«, sagte Taff. »Er dürfte nicht risikoreicher werden als etwa fünf Dutzend zuvor, die wir alle überlebt haben. In Ordnung, Min, wir starten in zwei Stunden, vorausgesetzt, dass Alexandros bis dahin hier alles erledigt hat.«
Das war schon nach einer halben Stunde der Fall.
Danatun lieferte den Vertragstext, sauber ausgedruckt und in vierfacher Ausfertigung. Zwei Exemplare zu je achtzehn Seiten waren in terranischer Sprache abgefasst, die Gegenstücke dazu in Kharton. Sie alle wurden feierlich von den Vertretern des kleinen Volkes, Min Jian-Ksu, Alexandros Demosthenes und Taff Caine unterzeichnet, der Akt über Video in die ganze Station übertragen. Während Min noch eine kurze Ansprache an die Khartonier hielt, war die Crew mit dem Minister für Äußere Angelegenheiten bereits zu ihrem Schiff unterwegs.
»Was sagen Sie zu all dem?«, fragte Taff.
Demosthenes zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein Gefangener meines Amtes, Taff, damit habe ich mich längst abgefunden. Im Grunde bin ich froh, dass es endlich zu einem Ausgleich mit Nimboid kommen soll, immer vorausgesetzt, dass wirklich alles gut abgeht. Dann wird es auch Ruhe unter den Kolonialwelten geben, so dass wir uns auf den wahren Feind konzentrieren können.«
»Konzentrieren ist gut gesagt«, knurrte Caine. »Heute kann es hier brennen und morgen dort, überall und zu jeder Zeit kann alles Mögliche passieren. Selbst im siebentausend Lichtjahre entfernten NGC 188 hat das Drajur seine Spuren hinterlassen, und vermutlich werden wir sie auch noch an vielen anderen Stellen finden. Das Ganze erinnert fatal an die alte Geschichte vom Hasen und dem Igel.«
Sie erreichten die PROKYON X und gingen an Bord. Zehn Minuten später glitt das Schiff aus dem Hangar der Raumstation und trat den Weg nach Nimboid an.